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Stressbewältigung: Mamas Anruf genügt

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Körperkontakt wirkt beruhigend, das weiß jedes Kind – und sucht daher in Stresssituationen Geborgenheit in vertrauten Armen. Die Berührung scheint die Ausschüttung des "Bindungshormons" Oxytozin anzuregen, dem auch eine Rolle bei der Stressbewältigung zugedacht wird. Doch reicht es den Kleinen offenbar auch, wenn sie Mama nur hören, aber nicht spüren.

Leslie Seltzer von der University of Wisconsin-Madison und ihre Kollegen hatten Mädchen im Grundschulalter wahrlich ins Schwitzen gebracht: Vor Publikum mussten die Sieben- bis Zwölfjährigen Vorträge halten und Matheaufgaben lösen. Während eine Gruppe anschließend von Mama in Person getröstet wurde, mussten sich andere mit ihrem Anruf begnügen. Die dritte Einheit schließlich bekam gar nur einen "neutralen Film" zu sehen.

Parallel zu den Ereignissen maßen die Forscher mehrfach im Speichel der Kinder den Gehalt des Stresshormons Cortisol sowie im Urin den Level an Oxytozin. Bei den von der Mutter persönlich beruhigten Kindern fiel die Cortisolkonzentration relativ schnell ab, die Mädchen ohne jeglichen Kontakt zur Mama hingegen wiesen auch eine Stunde nach der Prozedur noch erhöhte Werte auf. Und während Letztere überhaupt kein Oxytozin im Urin zeigten, war es bei den Kindern der ersten Gruppe schon nach einer Viertelstunde nachzuweisen.

Auch bei den Mädchen mit Telefonfürsorge sanken die Cortisolwerte, wenn auch zunächst etwas langsamer als in der ersten Gruppe. Vor allem aber maßen die Wissenschaftler hier ähnliche Mengen von Oxytozin wie bei den Altersgenossinnen mit direktem Mamakontakt. Allein die vertraute Stimme hatte also genügt, um bei den Kindern den klassischen Botschafter sozialer Bindung zu aktivieren.

Harry Harlow hatte in den 1950er Jahren mit seinen Affenversuchen beklemmend deutlich gezeigt, wie verheerend sich mangelnder Körperkontakt auf die Entwicklung von Jungtieren auswirkt. Studien an Kindern in Heimen, mit Missbrauchs- oder Vernachlässigungserfahrungen bestätigen diese entscheidende Bedeutung der körperlichen Nähe fürs Wohlbefinden und ein gesundes Heranwachsen. Vielleicht, so spekulieren Seltzer und Co, könnte Sprache die Betreuung solcher Betroffenen hilfreich ergänzen – auch wenn sie wohl nicht dasselbe Maß an Geborgenheit vermitteln kann wie vertraute Arme. (af)
19. KW 2010

Dieser Artikel ist enthalten in Spektrum - Die Woche, 19. KW 2010

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  • Quellen
Seltzer, L.J. et al.: Social vocalizations can release oxytocin in humans. In: Proceedings of the Royal Society B 10.1098/rspb.2010.0567, 2010.

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