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Infektionskrankheiten: Man lebt nicht nur zweimal

Der Kampf zwischen Lepra und Tuberkulose um die Herrschaft über den Menschen kennt nur einen Gewinner: Den Tuberkel-Keim. Er sorgt dafür, dass die bakterielle Konkurrenz mitsamt dem umkämpften Schlachtfeld auf der Strecke bleibt.
Etwas war anders bei dieser Leiche. Nicht eigentlich die Ursache ihres Todes: Wie viele vor und nach ihm, war der Mann vor knapp 2000 Jahren am Ende eines langen Leidens gestorben, ausgezehrt wohl vom Kampf gegen Husten, Fieber und schwärende Wunden. Und wie es die Begräbnis-Riten seiner Zeit in seiner Heimat nahe Jerusalem vorsahen, fand er umhüllt in ein Totentuch, verschlossen in einer unterirdischen Grabkammer, verdeckt von einer steinernen Abdeckung seine Ruhe.

Diese aber war dann über Jahrhunderte nicht gestört worden – was dem Ritus zufolge nicht hätte geschehen dürfen: Um seiner Seele Frieden zu geben, hätten seine Ahnen nach der Verwesung des Körpers die Knochen aus dem Grabtuch bergen und in einem Beinhaus zur endgültigen Ruhe betten müssen. Genau dieser letzte Dienst unterblieb aber – die Grabkammer in Akeldama im Heiligen Land war seit der Zeit kurz nach Christi von niemandem geöffnet worden. Warum?

Eine mögliche Antwort glauben Helen Donaghue und ihre Kollegen vom University College London nun gefunden zu haben. Der Mann litt, wie ihre DNA-Analysen der sterblichen Überreste zeigten, zugleich an zwei Krankheiten: Lepra und Tuberkulose. Vielleicht fürchteten die Verwandten des Toten eine Ansteckung und verzichteten – in Erinnerung an die sichtbaren Leiden des Verstorbenen – auf die möglicherweise für gefährlich ansteckend gehaltene Knochen-Umbettung?

Und offenbar war das Sterben des Mannes historisch betrachtet kein Einzelschicksal, so die Forscher: Eine doppelte Infektion mit den verwandten Krankheitserregern Mycobacterium leprae und M. tuberculosis sei über lange Zeiten der europäischen Geschichte viel häufiger vorgekommen als vermutet. Sie schließen dies aus Untersuchungen, die sie, durch den Fund bei Jerusalem neugierig geworden, an 32 Leichnamen aus sechs alten europäischen Begräbnisstätten der letzten zwei Jahrtausende durchführten: einem Spitalfriedhof des mittelalterlichen sowie frühneuzeitlichen Ungarns, einer Ruhestätte für Wikinger sowie nahöstlichen Grabstätten aus der Zeit vor der ersten Jahrtausendwende. In 24 Einzelfällen und allen sechs Sammelstätten fanden sich Spuren alter DNA von Mycobakterien – und immerhin zehn Tote hatten, wie der Mann aus Akeldama, vor ihrem Ableben beide Keime beherbergt.

Bislang war vermutet worden, dass eine Infektion mit dem einen Mycobakterium einen Immunschutz gegen die Schwesterart vermittelt. Nun sieht es eher nach einem etwas dramatischeren Verdrängungswettbewerb der Seuchen aus: Offenbar hatte die Tuberkulose, als schwerere, schneller tödliche Krankheit, bei Lepra-Erkrankten mit geschwächtem Immunsystem nicht selten leichtes Spiel. Die Doppelinfizierten starben dann an TB – und nahmen dabei offenbar zugleich den Lepra-Erregern mehr und mehr Zeit und Gelegenheit, sich ihrerseits in der Bevölkerung weiter zu verbreiten.

Eben dies, so schließen Donaghue und Kollegen, sei womöglich der Grund dafür gewesen, dass die Lepragefahr seit dem frühen Mittelalter in Europa abnahm, die der Tuberkulose dagegen anstieg: M. tuberculosis wütete unter den sozial isolierten und geächteten Leprakranken und dezimierte sie – verbreitete sich darüber hinaus wegen der größeren Übertragungsrate aber eben auch anderweitig.

Bleibt nur noch zu klären, warum ausgerechnet in Europa nur Platz für eine der beiden Seuchen war. In anderen Weltgegenden wie Indien oder Afrika sind, waren und bleiben beide Krankheiten – Infektionsrisiko und unterschiedlicher Krankheitsverlauf hin und her – eine große Gefahr für die Menschen: An Tuberkulose sterben jährlich zwei Millionen Menschen weltweit, indes leiden an Lepra auch heute noch 1,2 Millionen.

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