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Serie: Kuriose Experimente am Menschen: »Man muss keine Angst haben, weniger Mensch zu werden«

Der einst farbenblinde Künstler Neil Harbisson hat sein Gehirn dauerhaft mit künstlichen Sensoren verbunden: Er kann Farben, aber auch Infrarot- und UV-Licht nun in Form von Vibrationen »hören«. Als Nächstes will er mit einem Implantat seine Zeitwahrnehmung verändern.
Der britische Künstler und Cyborg Neil Harbisson mit seinem KameraaugeLaden...

Wer Neil Harbisson begegnet, kann das fühlerartige Gebilde nicht übersehen, das aus seinem Hinterkopf ragt. Wir treffen uns nach seinem Vortrag auf dem Technologiefestival Supernova in Antwerpen, wo er gerade von seinem Leben als Cyborg erzählt hat. Harbisson wurde mit einer Achromatopsie geboren, einer seltenen Netzhauterkrankung, infolge deren er vollständig farbenblind ist: Mit seinen Augen sieht er die Welt in Schwarz-Weiß. »Als Kind versuchte ich die Existenz von Farben zu ignorieren, denn sie hatten für mich überhaupt keine Bedeutung«, erzählt er. »Aber das war unmöglich. Ich konnte nicht erkennen, auf welcher Seite des Wasserhahns warmes oder kaltes Wasser markiert war. Die meisten Nationalflaggen sahen für mich gleich aus. Und in Großstädten fand ich mich nicht zurecht, weil die Linienpläne der U-Bahn für mich ein unentwirrbares Knäuel aus Grautönen waren.« Während er am Dartington College of Arts in England studierte, kreierte er eine Antenne, die die Frequenz von Lichtwellen empfing und in Töne umwandelte. 2004 gelang es ihm, einen Arzt zu überzeugen, das System in seinen Kopf zu implantieren, um so die Tonfrequenzen als Vibrationen in seinem Kopf spüren zu können.

Sie waren der erste Mensch auf der Welt, der sich einer solchen Operation unterzog. Wussten Sie, worauf Sie sich da einließen?

Als ich mit 19 das Kunstprojekt startete, war mir schon klar, dass damit Gefahren verbunden waren. Mein Körper hätte das Implantat abstoßen oder mein Gehirn die künstlichen Sinnesreize ignorieren können. Aber Bergsteiger wissen auch, dass es gefährlich ist, den Mount Everest zu besteigen; das hält sie nicht davon ab. Letztlich ging alles gut. Ich leide nur ab und zu unter »Antennenschmerz«, spüre also manchmal, dass ich eine Antenne habe. Mit den üblichen Schmerzmitteln geht das meist vorbei.

Haben Sie das Projekt von Wissenschaftlern begleiten lassen?

Spanische Neurologen haben Hirnscans gemacht, um zu sehen, wie sich mein Gehirn an den neuen Input anpasst. Es scheint nicht so zu arbeiten wie das von »normalen« Menschen: Die Hirnaktivität beim Sehen und Hören läuft bei mir durcheinander.

Wie Sie in Ihrem Vortrag erzählt haben, hat Ihr Gehirn zwei Monate gebraucht, um sich mit der Antenne dauerhaft zu verbinden. Es dauerte noch einmal drei Jahre, bevor Sie die subtilen Unterschiede in den Vibrationen in Farbtöne übersetzen konnten. Warum haben Sie nicht einfach versucht, Ihr Sehvermögen auf andere Weise zu verbessern?

Das war niemals mein Ziel. Die Antenne bringt den Vorteil, dass ich damit sogar mehr wahrnehmen kann als das gewöhnliche menschliche Auge. Viele Farben, die ich empfange, sind für Sie unsichtbar. Denken Sie an infrarotes und ultraviolettes Licht. Auf diese Weise weiß ich, ob es gerade sicher ist, längere Zeit in der Sonne zu verbringen. Künftig sollen noch Röntgenstrahlen und Radiowellen dazukommen. Außerdem hängt die Antenne nicht von meinen Augen ab. Mit dem Alter werden die Augen meist schlechter, während der technologische Fortschritt dafür sorgt, dass mein Extrasinnesorgan immer besser funktionieren wird. Selbst wenn ich komplett blind würde, könnte ich weiterhin Farben wahrnehmen.

Bei der Lesung gab es viel Applaus, als Sie sagten, dass es in Ihrer Welt keine Hautfarben gibt.

Die Frequenzen von Hautfarben sehen für mich alle orange aus: Bei sehr dunkler Haut ist es ein dunkler und bei sehr heller Haut ein heller Orangeton. Die meisten liegen irgendwo dazwischen. Ich bemerke kaum Unterschiede.

Ihre Antenne kann sich via Internet mit der Kamera der Internationalen Raumstation ISS verbinden. So können Sie Lichtwellen im Weltraum wahrnehmen. Ist es dort nicht ziemlich dunkel?

Ganz und gar nicht. Ich erlebe den Weltraum als gigantische Explosion von Farben. Sie bewegen sich überwiegend im ultravioletten und infraroten Spektrum, weshalb sie für Normalsterbliche unsichtbar sind. Die Menge der Farben ist so überwältigend, dass ich mir das nicht länger als zwei Stunden »ansehen« kann, ohne dass mir schwindelig und schlecht wird. Sobald ich mich an die Massen von Eindrücken gewöhnt habe, hätte ich gerne einen permanenten Draht ins All. Dann brauche ich nicht als Astronaut in den Weltraum zu reisen, um ihn zu erkunden, sondern kann ihn von der Erde aus beobachten. Ich hatte kürzlich Kontakt mit SETI, der Organisation, die nach intelligentem außerirdischem Leben sucht. Ihren Projekten fehlt es an Leuten, um all die aus dem Weltraum aufgefangenen Daten zu analysieren. Wenn sich Menschen entsprechende Sensoren implantieren lassen, können sie das All als Sinnesastronauten erforschen. Meine Cyborg-Kollegin Moon Ribas spürt zum Beispiel Mondbeben über einen Sensor in ihren Füßen.

»Uns selbst als Spezies neu zu gestalten, wäre auch ein Segen für die Umwelt«

Warum wollten Sie ein künstliches Sinnesorgan, anstatt beispielsweise Ihre Wahrnehmung mit künstlicher Intelligenz zu verbessern? Worin liegt der Unterschied?

Eine künstliche Intelligenz hätte mir einfach die Farben in meiner Umwelt genannt. Ein künstliches Sinnesorgan stimuliert mein Gehirn, diese Intelligenz selbst zu entwickeln. Die Antenne vermittelt mir Vibrationen, die zu den Farben gehören, und es liegt an meinem Gehirn, diese Schwingungen zu interpretieren. Indem ich die Technologie in meinen Körper integriere, werde ich intelligenter. Die Antenne hat nichts mit virtueller oder erweiterter Realität zu tun; ich nenne das »offenbarte Realität«. Sie enthüllt eine Wirklichkeit, die eigentlich ständig um uns herum ist, die wir aber mit unseren gewöhnlichen Sinnen nicht wahrnehmen können. Die infraroten und ultravioletten Strahlen existieren ja bereits, nur werden sie für mich durch die Technologie erkennbar. Ich bin überzeugt davon, dass es künftig noch mehr künstliche Sinnesorgane geben wird und sie uns noch mehr verborgene Aspekte unserer Umwelt offenbaren werden.

Sie verfügen bereits jetzt über weitere künstliche Sinne. Mit einem Implantat in Ihrem Knie erkennen Sie, wo der magnetische Nordpol der Erde liegt. Mit einem Zahn, in dem Bluetooth-Technologie steckt, können Sie Morsezeichen senden, indem Sie mit den Zähnen klappern. Was steht noch auf dem Programm?

Im Moment arbeite ich an einer Sonnenuhr, einer Art Stirnband, an dem ein warmer Punkt innerhalb von 24 Stunden einmal um den Kopf herumwandert. Sobald das funktioniert, lasse ich mir das Band zwischen Schädel und Kopfhaut implantieren. Wenn mein Gehirn sich an diese Art der Zeitwahrnehmung gewöhnt hat, will ich versuchen, die Rotationsgeschwindigkeit und damit meine Zeitwahrnehmung zu manipulieren. Wenn ich möchte, dass eine Situation länger dauert, lasse ich den Wärmepunkt langsamer rotieren und erwecke die Illusion, dass die Zeit langsamer vergeht. Wenn ich im Flugzeug die Drehzahl auf die Fluggeschwindigkeit einstelle, kann ich vielleicht einen Jetlag verhindern. Ich überlege auch, mir einen Schwanz in den Rücken zu implantieren, um meinen Gleichgewichtssinn zu verbessern. Eines Tages hoffe ich, ein Organ zu schaffen, mit dem ich meinen Sinn für Humor steuern kann. Dann könnte ich alles im Leben lustig finden und lachend sterben.

Das Interview erschien im Original im belgischen Wissenschaftsmagazin »eos wetenschap« in der Ausgabe »Experimenten«.

Vor einigen Jahren haben Sie die Cyborg Foundation mitgegründet, eine Organisation, die sich für die Rechte der heutigen und künftigen Cyborgs einsetzt. Warum sollten Menschen erwägen, sich Technologie implantieren zu lassen?

Es wundert mich immer wieder, dass es niemand langweilig findet, jahrelang stets die gleichen Informationen aus denselben Sinnesorganen zu erhalten. Wenn man seinen Körper um einen einfachen Sensor ergänzt, bekommt man einen neuen Sinn und damit eine Wirklichkeit offenbart, die stets da war, ohne dass man sie wahrgenommen hat. Uns selbst als Spezies neu zu gestalten, wäre auch ein Segen für die Umwelt. Seit Jahrtausenden passen wir den Planeten an unsere Bedürfnisse an. Weil wir auch dann aktiv sein wollen, wenn es draußen dunkel ist, haben wir das künstliche Licht erfunden, was sich für zahlreiche andere Tierarten verheerend auswirkt. Wir haben Klimaanlagen und Heizgeräte entwickelt, um es an schwülen Sommertagen angenehm frisch und an kalten Winterabenden schön warm zu haben. Wenn wir künstliche Organe entwerfen, die es uns ermöglichen, im Dunkeln zu sehen und unsere Körpertemperatur selbst zu steuern, dann können wir die Erde in Ruhe lassen und jede Menge Energie sparen. Ich habe Sinne und Organe, die nicht menschlich sind. Deshalb fühle ich mich nicht zu 100 Prozent menschlich. Weniger Mensch zu werden, ist nichts, wovor man Angst haben müsste. Ich kann Dinge tun, die ein normaler Mensch nicht kann. Und das erlebe ich als eine enorme Bereicherung.

Mehr über Neil Harbisson

Der 1982 geborene britische Künstler ließ sich 2004 eine Antenne in seinen Kopf implantieren: eine Art metallener Fühler, der am Hinterkopf im Schädel verankert ist und sich nach vorne über die Stirn biegt. An dessen Ende hängt eine kleine Kamera, auch »Eyeborg« genannt, die Lichtwellen auffängt und die Frequenzen in Form von Vibrationen an das Gehirn weitergibt. 360 Farbtöne kann Harbisson so an ihren unterschiedlichen Wellenlängen erkennen und die Sättigung der Farben an der Intensität der Vibrationen ablesen.

In einem Ted-Talk aus dem Jahr 2012 berichtet er, wie sich sein Sinneserleben mit dem Implantat veränderte. Zunächst habe er sich die Farbnamen für die Frequenzen einprägen müssen, aber mit der Zeit habe sich alles zu einer Wahrnehmung und schließlich zu Gefühlen vermengt, die inzwischen auch in seinen Träumen auftauchten. Umgekehrt assoziiere er Töne mit Farben – Telefonklingeln etwa höre sich für ihn grün an.

Seit Harbisson auf seinem britischen Pass mit seinem »Eyeborg« abgebildet ist, gilt Harbisson als erster von einer Regierung anerkannter Cyborg. Als Mitgründer der Cyborg Foundation und der Transspecies Society vertritt er seit 2010 die Rechte von Cyborgs und will nichtmenschliche Identitäten sowie die Entwicklung neuer Sinne und Organe fördern. Laut dem britischem Kybernetiker Kevin Warwick wird ein Mensch zum Cyborg, wenn dessen Biologie, besonders das Nervensystem, mit einer Technologie verschmilzt. Die Definition ist jedoch umstritten, weil die Grenzen mit den Möglichkeiten der modernen Medizin zunehmend verschwimmen.

13/2019

Dieser Artikel ist enthalten in Spektrum - Die Woche, 13/2019

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