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Armut: Mangel lässt uns falsche Entscheidungen treffen

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Es ist ein Problem, vor dem gut situierte Durchschnittswesteuropäer oft nur verständnislos dastehen: Viele Menschen, die unter Armut leiden, unternehmen scheinbar nichts, um sich aus ihrer Lage zu befreien. Hilfsangebote werden ausgeschlagen, Betroffene verstricken sich in Schulden oder setzen aufs falsche Pferd, wie zum Beispiel die Lotterie.

Zwei Erklärungen für dieses Verhalten dominieren die Diskussion, meinen Forscher um Anuj Shah von der Booth School of Business in Chicago. Das Verhalten könnte den Armen durch ihr Umfeld anerzogen werden, oder es könnte durch ihre Persönlichkeit bedingt sein – wer bessere Entscheidungen trifft, bleibe eben nicht lange arm oder werde es erst gar nicht. Diesen beiden Ansätzen stellt das Team um Shah nun einen dritten zur Seite, der auf einem allgemeinen psychologischen Mechanismus fußt und ohne Annahmen auskommt, die für Armut spezifisch sind: Jede Form des Mangels, so die Forscher, verschlechtere automatisch die Qualität strategischer Entscheidungen, egal ob es an Geld, Zeit oder anderen Ressourcen fehle.

Shah und Kollegen diagnostizieren dabei ein Aufmerksamkeitsproblem: Die durch die Mangelsituation ("scarcity") ausgelösten Schwierigkeiten seien so präsent und ihre Bewältigung so aufwändig, dass andere Probleme in den Hintergrund träten. Wer mit nur ein paar Euro in der Tasche Lebensmittel kaufen gehe, merke oft gar nicht, dass er andere nötige Anschaffungen vernachlässigt. Wer unter Zeitdruck steht, klebt oft gedanklich an der aktuellen Aufgabe, ohne sich zu überlegen, ob aus strategischer Sicht eine andere vorzuziehen wäre.

Als Beleg für diesen Mechanismus führen Shah und Co. unterschiedliche Experimente an, in denen sie zufällig ausgewählte Freiwillige mit einer Mangelsituation konfrontierten. Die Forscher gaben ihnen zum Beispiel bei einem Ratespiel weniger Versuche oder bei einem Geschicklichkeitsspiel weniger Zeit als "reichen" Kontrollprobanden. Die Ressourcen sammelten sich dabei von Runde zu Runde in einem Budget, so dass sich aktuelle Entscheidungen, etwa wie viel Zeit man auf eine Aufgabe verwendete, in künftigen Runden auswirkten.

Die "Armen" legten dabei nach Auffassung der Forscher die typischen Verhaltensweisen armer Menschen an den Tag: Sie überschuldeten sich, wenn sie sich auf Kosten künftiger Runden Ressourcen leihen durften, und schnitten dabei im Mittel schlechter ab, als wenn sie es nicht durften. Sie waren engagierter bei der Sache und verwendeten mehr Mühe auf gute Resultate – zahlten dafür aber mit einer nachweislich größeren Erschöpfung nach dem Experiment. Und wenn alle Probanden pro Runde eine Vorschau auf den Folgedurchgang erhielten, konnten nur "reiche" Teilnehmer diese Information zu ihren Gunsten verwerten; die "armen" schienen sie zu ignorieren, jedenfalls besserte sich ihre Leistung durch diese Option nicht.

Ressourcenmangel enge den Aufmerksamkeitsfokus ein und treibe die Teilnehmer zu kurzfristigen Problemlösestrategien, fassen die Forscher zusammen – ein Ergebnis, mit dem sie im Übrigen mitnichten alle Erscheinungsformen von Armut erklären wollen, wie sie freimütig einräumen. Die Studie könnte jedoch dabei helfen, unwirksame Interventionsprogramme zu verbessern: Womöglich ist es vielversprechender, gezielt die Aufmerksamkeit der Betroffenen zu lenken, als ihnen lediglich Hilfsangebote zu unterbreiten.

Die Forscher beleuchten damit die Armut aus einem neuen Winkel und liefern einen interessanten Diskussionsbeitrag. Ob sich die Ergebnisse aus den vergleichsweise künstlichen Laborexperimenten allerdings tatsächlich auf die Realität übertragen lassen, werden wohl erst künftige Untersuchungen klären können.

45. KW 2012

Dieser Artikel ist enthalten in Spektrum - Die Woche, 45. KW 2012

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