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Verhütung: Man(n) packt's an

Auf den ersten Blick gibt es mittlerweile einen wahren Wust an möglichen Ansatzpunkten für Verhütungsmethoden beim Mann. Doch wer genauer hinsieht, muss leider feststellen: Fast alle sind noch reichlich unausgegoren.
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Empfängnisverhütung ist vor allem Frauensache – bislang jedenfalls. Zum Beispiel verhüten rund zwei Drittel der Paare in Deutschland laut einer UN-Umfrage mit der Pille. Viele Männer wären mittlerweile aber gewillt, ebenfalls ihr Scherflein beizutragen. "Es gibt immer mehr Männer, die rational sagen: Ich müsste eigentlich auch am Risiko teilhaben und nicht nur am Spaß", erzählt der deutsche Spezialist in Sachen männliche Kontrazeption Eberhard Nieschlag vom Institut für Reproduktionsmedizin des Universitätsklinikums Münster. Und das scheint nicht nur für unsere Breiten zu gelten, denn Untersuchungen hätten überraschenderweise gezeigt, dass die Akzeptanz auch in solchen Ländern relativ hoch sei, die einen hohen "Machoanteil" haben, wie in Südamerika, fügt der Mediziner hinzu [1].

Noch ist die Auswahl für Männer aber klein. Sie können entweder Kondome benutzen oder sich sterilisieren lassen. Doch Präservative erfreuen sich keiner großen Beliebtheit: In Deutschland verhüten nach UN-Angaben gerade einmal knapp fünf Prozent damit. Besonders Paare in langjährigen Beziehungen möchten die Fummelei auf Dauer vermeiden. Und selbstverständlich ist Sterilisation nur eine Option für Männer in fortgeschrittenerem Alter, die sich sicher sind, ihre Familienplanung definitiv beendet zu haben.

Bedarf an neuen Möglichkeiten wäre also da. Die Entwicklung neuer Methoden konzentriert sich dabei auf chemische Wirkungsweisen. Bei nicht-medikamentösen Ansätzen tut sich leider nicht viel – wahrscheinlich weil das, was bislang getestet wurde, teilweise ziemlich seltsam anmutet.

Spermien kochen

So gäbe es die Möglichkeit, Spermien thermisch zu töten – entweder durch körpereigene oder extern zugeführte Wärme. Es gibt beispielsweise spezielle Vorrichtungen, welche die Hoden näher an den Körper schnallen. Da das die Temperatur nur geringfügig erhöht, müssten Männer so einen Stützapparat dauerhaft tagsüber tragen. Bislang hat keine Studie überzeugend beweisen können, dass dieser Aufwand mit einem verlässlichen Verhütungsschutz belohnt wird.

Die zweite thermische Methode hört sich noch masochistischer an. Sie geht auf unveröffentlichte Arbeiten zurückt, welche die Schweizer Ärztin Martha Vögeli zwischen 1930 und 1950 in Indien durchführte. Dabei baden die Männer wiederholt in heißem Wasser, um die Spermien von außen regelrecht zu verbrutzeln. Obwohl wissenschaftlich nicht belegt, geistert diese Methode trotzdem hartnäckig durch das Internet.

Stöpsel für den Samenleiter

Den Samenleiter zu blockieren, klingt nach einer logischeren Variante. Kleinere Studien mit Silikonstöpseln zeigten recht gute Wirkung beim Stoppen der Spermien, doch noch hat niemand am Menschen überprüft, ob das reversibel ist. Andere Versuche mit flüssigen Substanzen, die dann im Samenleiter aushärten, scheinen wenig Erfolg versprechend: Bis zu zwei Jahre dauerte es in einer Studie, bis keine Spermien mehr durchkamen. Nach dem Entfernen mussten die Männer genauso lang warten, bis das Ejakulat die ursprüngliche Spermienkonzentration enthielt, ein Viertel der Probanden sogar bis zu vier Jahre [2].

Reichlich dubios klingt auch eine ausschließlich in Indien getestete und vielfach beworbene Methode, die sich RISUG (Reversible Inhibition of Sperm Under Guidance) nennt. Angepriesen wird unter anderem, dass der Verhütungsschutz bei einigen Probanden nun schon seit über zehn Jahren anhält. Doch ob dieser Schutz beim Menschen reversibel ist – wie der Name verspricht –, ist noch überhaupt nicht klar, denn Tests dazu fehlen. Westliche Wissenschaftler zweifeln zudem die Daten zur Toxizität an. Bei RISUG injiziert der Arzt ein Gel in den Samenleiter, das ihn nur teilweise blockiert. Das Polymer hat aber eine besondere Eigenschaft: Es ist elektrisch geladen. Die vorbei schwimmenden Spermien sollen dadurch derart geschädigt werden, dass sie nicht mehr zeugungsfähig sind.

Medikamente und Co

Dann wäre da noch der Griff zur Chemie. Dazu zählt beispielsweise der Versuch, Männer mit Naturstoffen vorübergehend zeugungsunfähig zu machen. Auch das hat noch zu keinem überzeugenden Ergebnis geführt. Die spermienzerstörende Wirkung von Gossypol etwa, einer Substanz aus Samen der Baumwollpflanze, war bei einigen Probanden mehrerer Studien nicht wieder rückgängig zu machen.

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Medikamente | So schön es wäre, eine nicht-medikamentöse Verhütungsmethode für Männer zu finden – momentan sieht es nicht danach aus.
Wissenschaftler hoffen aber auch, dass schon zugelassene Medikamente sich zu Kontrazeptiva weiterentwickeln lassen – doch stecken alle derartigen Versuche noch in der vorklinischen Phase, in der es darum geht, ob sie den Sprung von Tierversuchen zu Tests am Menschen schaffen. Diese Hoffnung hat sich gerade für den bisher vielversprechenden Kandidaten Miglustat zerschlagen: Es stellte sich heraus, dass man bei den ersten Tierversuchen zufälligerweise den einzigen Mäusestamm erwischt hatte, bei dem das Medikament Verhütungsschutz bewirkt. Bei anderen Mausstämmen, geschweige denn beim Menschen, klappte das nicht mehr [3].

Dafür gibt es aber positive Nachrichten über einen anderen Stoff, das Adjudin. Spermien entwickeln sich nur richtig, wenn sich ihre Vorläuferzellen an "Ammenzellen" anlagern, die so genannten Sertoli-Zellen. Adjudin kann das verhindern und dadurch vorübergehend unfruchtbar machen. Dieser Verhütungsschutz funktionierte bisher in Ratten, allerdings nur mit so hohen Dosen, dass manche Tiere schlimme Nebenwirkungen bekamen. Wissenschaftler um Dolores Mruk vom Population Council in New York berichten nun von einen Trick: Sie koppelten Adjudin an das follikelstimulierende Hormon (FSH), das ausschließlich an Sertoli-Zellen andocken kann. Dank dieses effizienten Boten konnten sie die Dosis so weit verringern, dass es zu keinen unerwünschten Nebenwirkungen kam [4]. Damit wird es wahrscheinlicher, dass man den Stoff am Menschen testen kann. Doch selbstverständlich kann er bei diesem Sprung wie Miglustat immer noch eine Bruchlandung hinlegen.

Hormonelle Methoden am weitesten

So weit in der Entwicklung, dass eine reelle Anwendung nicht mehr in völlig unerreichbarer Ferne schwebt, sind bisher nur die hormonellen Ansätze. Hemmen will man vor allem die zwei von der Hirnanhangsdrüse gebildeten Gonadotropine – das schon erwähnte FSH und das luteinisiernde Hormon (LH). LH regt die Testosteronproduktion in den Hoden an, das zusammen mit FSH für die Bildung der Spermien gebraucht wird. Da das Ganze ein Regelkreis ist, wirkt Testosteron wiederum hemmend auf die Produktion der Gonadotropine. Studien mit insgesamt mehr als 600 Paaren zeigten, dass die Spermienproduktion durch die Gabe von Testosteron versiegen kann und die Männer so vorübergehend unfruchtbar werden. Dieser Ansatz wirkt bei fast allen Asiaten, allerdings nur bei 60 bis 70 Prozent der so genannten Kaukasier, Menschen mit weißer Hautfarbe. Warum? Das ist noch ein großes Rätsel.

Für hormonelle männliche Kontrazeption in der westlichen Welt "besteht deshalb die Notwendigkeit, noch ein zweites Hormon dazu zu geben", klärt Nieschlag auf. Es gab mittlerweile unzählige Tests von unterschiedlichsten Kombinationen, meist mit verschiedenen Gestagenen, die wie Testosteron FSH und LH hemmen. Die Krux bisher: Versuchsgruppen waren meist klein und die Aussagekraft deshalb gering. Nun haben es einige wenige Kombinationen zu größeren Studien mit ein paar Hundert Teilnehmern geschafft. Bis aber tatsächlich Mittel auf den Markt kommen, werden trotzdem noch viele Jahre ins Land ziehen.

Spritzen schrecken leicht abLaden...
Spritzen schrecken leicht ab | Testosteron lässt sich leider am besten verabreichen, indem man es in die Muskeln spritzt. Alternative Verabreichungsformen führten bislang nicht zu erfolgreichem Verhütungsschutz.
Denn es gibt noch etliche Probleme zu überwinden. Abgesehen davon, dass es etwa drei Monate braucht, bis die Wirkung einsetzt und sich nach Absetzen der Anwendung wieder aufhebt – denn so lange dauert der Entwicklungszyklus eines Spermiums –, werden Männer die Hormone wohl nicht als Pille einnehmen können. Leider baut die Leber nämlich gerade diese Moleküle postwendend ab. Vermutlich wird man deshalb nicht darum herum kommen, die "Pille für den Mann" durch Injektionen und Implantate zu verabreichen. Fragt sich also, was mit der momentan hohen Akzeptanz passiert, wenn Männer irgendwann direkt damit konfrontiert werden. Begeistern wird es sie sicher nicht.
11.11.2006

Dieser Artikel ist enthalten in Spektrum - Die Woche, 11.11.2006

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