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Immunsystem: Masern als Gedächtniskiller

Das Masernvirus kann uns nicht nur kurzfristig, sondern jahrelang zusetzen. Das liegt daran, dass es unser immunologisches Gedächtnis löscht, sagen Forscher nun.
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Sich gegen Masern impfen zu lassen, ist offenbar noch wichtiger als gedacht. Ein Team um Michael Mina und Stephen Elledge von der Harvard Medical School hat entdeckt, dass unser Immunsystem nach einer Konfrontation mit dem Virus vieles vergisst. Bis zu 73 Prozent der Antikörper, die nicht geimpfte Kinder zuvor im Blut hatten, gingen ihnen durch die Masern verloren. Der Impfstoff, der gegen Masern, Mumps und Röteln schützt, bewirkte hingegen keinen solchen Gedächtnisverlust. Die Impfung bietet also nicht nur Schutz vor diesen Krankheiten, sondern könnte auch damit einhergehende oder nachfolgende Infektionen durch andere Erreger verhindern, schreibt das Forscherteam nun im Fachjournal »Science«.

Schon seit vielen Jahren beobachten Ärzte, dass das Masernvirus unser Immunsystem über den Krankheitszeitraum hinaus unterdrückt. Frühere Studien eines Teams um Mina hatten gezeigt, dass das Krankheits- und Sterberisiko von Betroffenen für bis zu fünf Jahre nach der Infektion erhöht ist. Um herauszufinden, warum Menschen, die an den Masern erkrankt sind, anfälliger für andere Krankheitserreger werden, untersuchte das Team nun deren Antikörper. Das sind jene Abwehrstoffe, die unsere Immunzellen als Antwort auf Erreger herstellen, die sie bereits kennen. Mit Hilfe einer speziellen Detektionsmethode, die es erlaubt, Tausende verschiedener Antikörper zu unterscheiden, stellte das Team um Mina und Elledge fest, dass das Repertoire von Kindern im Schnitt um 33 bis 40 Prozent kleiner war, nachdem sie an den Masern erkrankt waren. Bei 12 der 77 untersuchten Kinder war das Antikörpersortiment sieben Wochen nach der Maserninfektion von um mehr als 40, bei einem sogar um 73 Prozent geschrumpft. Die absolute Menge an Antikörpern veränderte sich dabei allerdings nicht – lediglich deren Spezifität.

Als Testgruppe wurden Kinder im Durchschnittsalter von neun Jahren aus einer Gegend in den Niederlanden gewählt, in welcher besonders viele Anhänger reformierter Kirchen wohnen. Zahlreiche dieser strenggläubigen Menschen lassen sich und ihre Kinder nicht impfen. In jenen Glaubenshochburgen, die auch als »Bibelgürtel« bezeichnet werden, breiten sich alle zwölf Jahre die Masern aus und infizieren jeweils rund 2500 Menschen. Als ein solcher Ausbruch bevorstand, bat das Forscherteam die Eltern um Erlaubnis und nahm im Abstand von zehn Wochen Blutproben der Kinder.

Die hochansteckende Virusinfektion äußert sich vor allem durch Fieber und einen typischen Hautausschlag. Häufig bringt sie allerdings Komplikationen mit sich, zum Beispiel eine lebensbedrohliche Entzündung des Gehirns oder Infektionen durch Bakterien. So litten 10 der 43 Kinder, die während der Studie besonders schwer an den Masern erkrankt waren, gleichzeitig an einer Mittelohrentzündung, die meist durch Bakterien ausgelöst wird. Gegen den bakteriellen Erreger Staphylococcus aureus – sowie das Masernvirus – hatten die betroffenen Kinder nach abgeklungener Infektion mehr Antikörper als zuvor. Das zeigt, dass sich ihr Immunsystem wieder aufbaut – dafür muss es aber (nochmals) in Berührung mit den Krankheitserregern kommen. Mina und Elledge schlagen darum vor, Kinder, die die Masern hatten, im Zweifel erneut gegen typische Kinderkrankheiten zu impfen. Noch sinnvoller wäre aber sicher, sie direkt gegen die Masern zu impfen. »Kinder aus ideologischen Gründen nicht gegen Masern zu impfen, ist unverantwortlich«, meint Richard Neher, Forschungsgruppenleiter zur Evolution von Viren und Bakterien an der Universität Basel. In zehn EU-Ländern ist die Impfung bereits Pflicht. Der Deutsche Bundestag berät aktuell über ein solches Gesetz.

Das Antikörper-Repertoire von Kleinkindern, die eine Impfdosis gegen Masern, Mumps und Röteln erhalten hatten, nahm keineswegs ab: Die Impfung hat demnach, anders als das »echte« Virus, keinen zusätzlichen Einfluss auf Antikörper produzierende Immunzellen. Auf Grund der Ergebnisse vermutet das Forscherteam, dass das Masernvirus nicht nur die B-Zellen im Blut infiziert, sondern auch so genannte Gedächtniszellen im Knochenmark – und diese somit auslöscht. »Die neuen Untersuchungen weisen darauf hin, dass die Schädigung Monate bis Jahre anhalten und zu einem generell erhöhten Infektionsrisiko führen kann«, sagt Klaus Überla, Direktor des Virologischen Instituts am Universitätsklinikum Erlangen. Seiner Meinung nach unterstreicht die Studie eindrücklich die Notwendigkeit, konsequent gegen die Masern zu impfen.

45/2019

Dieser Artikel ist enthalten in Spektrum - Die Woche, 45/2019

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