Direkt zum Inhalt

Eisenzeit: Massengrab zeigt Spuren eines grausamen Rituals

Vor 2800 Jahren wurden erst knapp 80 Menschen erschlagen und dann auffallend aufwändig bestattet. Die Opfer: vor allem Frauen und Kinder. Was dahinter steckt, ist noch völlig rätselhaft.
Ein teilweise freigelegtes menschliches Skelett liegt in sandigem Boden. Der Schädel ist gut sichtbar, während andere Knochen, wie Rippen und ein Oberschenkelknochen, teilweise von Erde bedeckt sind. Die Szene deutet auf eine archäologische Ausgrabung hin.
Von »strategischer Gewalt gegen Frauen und Kinder in einem beispiellosen Ausmaß für die Zeit« sprechen Experten, die die Bestatteten eines Massengrabs auf dem Gebiet des heutigen Serbien untersuchten. Ausgegraben wurde es bereits in den 19070er-Jahren (Symbolbild).

Es muss ein grausiges Schauspiel gewesen sein, das sich vor rund 2800 Jahren im heutigen Serbien abspielte: In einer Grube von einem halben Meter Tiefe und drei Meter Durchmesser türmten sich die Leichen von 77 Menschen. Es waren vor allem Kinder und junge Frauen, die mit eingeschlagenen Schädeln auf einem Stapel lagen. Obenauf folgten ganze oder zerlegte Schlachttiere, verbrannte Getreidekörner, zerbrochene Mahlsteine. Auch bronzene Schmuckstücke und Keramikgeschirr landeten im Grab. Es ist die Szenerie eines mutmaßlichen Rituals, dessen tieferer Sinn der Forschergruppe, die es nun anhand der Skelette der Toten rekonstruierte, verschlossen bleibt.

Archäologisch ergraben wurde das Massengrab von Gomolava, wie es nach seinem Fundort heißt, bereits in den 1970er-Jahren. Es liegt rund 50 Kilometer westlich von Belgrad am Ufer des Flusses Save. Nach der Ausgrabung gelangten die Überreste der Toten in ein Museum in Novi Sad. Zunächst hatten Experten das Massengrab als Resultat einer Epidemie oder eines Überfalls auf eine Siedlung gedeutet.

Doch beide Erklärungen sind wohl falsch. Stattdessen, so das Team um Linda Fibiger von der University of Edinburgh in einem Fachbeitrag für das Magazin »Nature Human Behaviour«, habe man es mit dem Ergebnis strategischer Gewalt zu tun, die sich gezielt gegen Frauen und Kinder richtete – und das in einem Ausmaß, das beispiellos sei für das vorgeschichtliche Europa.

Offenbar hatte das Töten System: Laut alten Dokumenten war in den 1950er Jahren neben dem nun untersuchten bereits ein weiteres Massengrab mit mehr als drei Dutzend Toten identifiziert worden, mit ebenfalls vorwiegend weiblichen Opfern. Diese Skelette sind jedoch nicht mehr existent.

Die Opfer, die Fibigers Team untersuchte, waren durch Schläge gegen den Schädel und Pfeil- oder Speerstiche umgebracht worden. Zwischen Tod und Bestattung scheint zudem nur wenig Zeit vergangen zu sein: Vermutlich gelangten alle Opfer noch lebend an den Ort des Massengrabes.

Die Opfer waren scheinbar wahllos ausgesucht

Auffallend ist auch, dass die Toten – mit Ausnahme einer Frau, die mit zwei leiblichen Töchtern im Massengrab endete – nicht miteinander verwandt waren, nicht einmal weitläufig. Die Isotopenzusammensetzung ihrer Knochen bestätigte, dass alle Bestatteten aus dem weiteren Umkreis stammen, teils sogar weit entfernt vom heutigen Serbien aufwuchsen. Was sie im Leben verband und warum gerade sie zum Sterben ausgewählt worden waren, bleibt offen.

Offenkundig spielten Alter und Geschlecht eine wichtige Rolle. Von den 72 Opfern, deren Merkmale bestimmt werden konnten, waren nur 21 männlich und von diesen nur drei älter als 18 Jahre. Nur eine Person hatte das Alter von Mitte 40 überschritten.

Damit starben in Gomova insbesondere Angehörige einer Bevölkerungsgruppe, die militärisch keine Bedrohung für einen eventuellen Gegner darstellte, die aber – sogar aus Sicht eines etwaigen Feindes – einen hohen Wert gehabt haben dürfte, schreiben die Wissenschaftler.

Sofern es sich bei den Toten um die Verlierer in einem Konflikt handelte, kamen am Ufer der Save also Menschen zu Tode, die der Sieger theoretisch auch für seine Zwecke hätte ausbeuten können, sei es als Mütter für den eigenen Nachwuchs oder als Sklaven. In dieser Hinsicht erinnere das Massengrab an die damals in ganz Europa verbreitete Praxis, wertvolle Gegenstände oder erbeutete Waffen rituell unbrauchbar zu machen und zu deponieren, schreibt das Team um Fibinger in seinem Beitrag.

Für einen solchen rituellen Kontext spricht nach Meinung der Fachleute auch die Wahl des Ortes. Er scheint über Hunderte Generationen eine herausragende Bedeutung in der kulturellen Landschaft eingenommen zu haben. Eine erste Nutzung findet sich bereits im 6. Jahrtausend v. Chr. Von da an könnte der auf einem Hügel gelegene Ort als Landmarke gedient haben.

Als das Massengrab im 9. Jahrhundert v. Chr. angelegt wurde, befand sich die gesamte Pannonische Tiefebene, an deren Südrand Gomolava liegt, im Umbruch. Halbnomadisch lebende Hirten hatten sich als Neuankömmlinge im Zentrum ausgebreitet, andere Gruppen besiedelten erneut längst aufgegebene, aber noch immer vorhandene Riesenfestungen aus den Jahrhunderten davor. Spannungen zwischen Alteingesessenen und Neuankömmlingen, die jeweils unterschiedliche Lebensweisen verfolgten, seien häufig gewesen. Aus welcher dieser archäologisch fassbaren Gruppierungen die Bestatteten stammten oder diejenigen, die sie erschlugen, ließ sich bislang noch nicht ermitteln. Genetisch passen sie am ehesten zu lange in der Region beheimateten Populationen.

WEITERLESEN MIT »SPEKTRUM +«

Im Abo erhalten Sie exklusiven Zugang zu allen Premiumartikeln von »spektrum.de« sowie »Spektrum - Die Woche« als PDF- und App-Ausgabe. Testen Sie 30 Tage uneingeschränkten Zugang zu »Spektrum+« gratis:

Jetzt testen

(Sie müssen Javascript erlauben, um nach der Anmeldung auf diesen Artikel zugreifen zu können)

  • Quellen
Fibiger, L. et al., Nature Human Behaviour 10.1038/s41562–025–02399–9, 2026

Schreiben Sie uns!

Wenn Sie inhaltliche Anmerkungen zu diesem Artikel haben, können Sie die Redaktion per E-Mail informieren. Wir lesen Ihre Zuschrift, bitten jedoch um Verständnis, dass wir nicht jede beantworten können.

Partnerinhalte

Bitte erlauben Sie Javascript, um die volle Funktionalität von Spektrum.de zu erhalten.