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Ökologie: Massenstelldichein der Tiere

Im Norden Australiens sorgen Stare für ein Spektakel: Ihre Kolonien ziehen jedes Jahr eine einzigartig vielfältige Tiergemeinschaft an, die von den Vögeln profitiert.
Weberstare brüten in Kolonien in AustralienLaden...

Jeden Sommer ziehen die Weberstare (Aplonis metallica) von Neuguinea auf die nordaustralische Cape-York-Halbinsel, um dort zu brüten. Bis zu 1000 Vögel nisten dabei gemeinschaftlich auf Bäumen in immer gleichen Waldstücken – und locken mit diesem Massenereignis zahlreiche andere Tierarten an, die aus den Brutversuchen einen Vorteil ziehen wollen. Mindestens 42 unterschiedliche Wirbeltierpezies versammeln sich zeitweilig unter den Nistplätzen, wie eine achtjährige Studie von Daniel Natusch von der University of Sydney und seinem Team zeigt – die weltweit vielfältigste Tiergemeinschaft, die bislang in Zusammenhang mit einem derartigen Ereignis nachgewiesen wurde. Verschiedene Säugetiere, Reptilien, Amphibien und Vögel versuchen dabei auf unterschiedliche Weise direkt und indirekt von den Weberstaren zu profitieren. Die Wissenschaftler beeindruckte dabei nicht nur die reine Biodiversität, sondern auch die Quantität, in der einzelne Spezies auftraten: Ihre Anzahl war im unmittelbaren Umfeld der Brutkolonien 100- bis 1000-mal größer als in weitem Umkreis üblich.

Stare ziehen andere Tiere massenhaft anLaden...
Rund um die Starenkolonie | Jedes Jahr kehren die Stare zu ihren traditionellen Nistplätzen zurück (a). Die großen Brutkolonien locken zahlreiche andere Tiere an: Pythons (b) lauern auf abstürzende Küken, Palmkakadus und Buschhühner (c) fressen ebenso herabfallende Früchte wie Wasserbüffel und Schweine (d), die sich unter den Bäumen einfinden.

Während der Brutzeit selbst locken die Stare zahlreiche Beutegreifer an, die auf herabgefallene Küken und Eier oder verletzte Elterntiere spekulieren: Dingos, Pythons, Baumschlangen, aber auch eingeschleppte Agakröten sowie Greifvögel suchen regelmäßig diese Plätze auf, wo sie günstig an energiereiche Nahrung kommen. Eine zweite Gruppe an Tieren besteht aus Samen fressenden Arten wie Buschhühnern oder Palmkakadus, die Früchte und anderes Pflanzenmaterial aufsammeln, welche die Stare verlieren. Daneben gibt es noch Arten, die indirekt Nutzen aus den Kolonien ziehen. Denn die Vögel produzieren auch riesige Mengen Kot, der den Boden unter den Bäumen düngt und so das Pflanzenwachstum fördert beziehungsweise zahlreiche Insekten anlockt. Schweine wühlen im Untergrund nach Larven und Wurzeln, Wasserbüffel sowie verschiedene Beuteltiere fressen den Unterwuchs, und diverse Lurche und Reptilien delektieren sich an herumschwirrenden Fliegen oder Käfern. Während die Tage von Vögeln und Säugetieren dominiert werden, gehören die Nächte den Reptilien und Amphibien, so dass quasi rund um die Uhr Betrieb unter den Bäumen herrscht.

Und wahrscheinlich ist die Artenvielfalt sogar noch größer, denn Amphibien und Reptilien gingen nicht immer den aufgestellten Kameras in die Falle – vielfach waren sie nur zufällig abgebildet, wenn ein größeres Säugetier das Foto ausgelöst hatte. Insekten und andere Wirbellose wurden zudem nur oberflächlich erfasst, obwohl sie ebenfalls mannigfaltig die vorhandenen Ressourcen nutzen. Es sei nicht ungewöhnlich, dass große Tieransammlungen Fressfeinde und andere Kostgänger anlocken, aber nicht in dem beobachteten Umfang wie hier in Nordaustralien, so die Autoren. In Florida versammeln sich beispielsweise Alligatoren unter Reiherkolonien, wo sie ins Wasser stürzende Nestlinge fressen. Ihre Anwesenheit hält allerdings andere Spezies auf Distanz. Pinguine wiederum locken an ihren Brutplätzen Schwertwale, Seeleoparden und Haie sowie Raubmöwen an – angesichts ihrer meist kühlen Verbreitungsschwerpunkte fehlt jedoch die tropische Vielfalt.

Die Cape-York-Halbinsel gehört zu den letzten, wenig erschlossenen und erforschten Wildnisgebieten der Erde. Invasive Arten wie Schweine, Büffel oder Agakröten haben sich hier allerdings ebenfalls bereits breitgemacht. Ihr konzentriertes Auftreten unter den Brutbäumen wäre daher eine gute Gelegenheit, sie gezielt zu eliminieren, meinen die Forscher.

41/2016

Dieser Artikel ist enthalten in Spektrum - Die Woche, 41/2016

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