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Mathematikgeschichte: Wir kennen nun erstmals den Namen eines Maya-Mathematikers

Auf einem alten Putzfragment der Maya fanden Archäologen nicht nur eine Formel zur Berechnung von Himmelszyklen, sondern auch die Signatur ihres Verfassers. Damit erhält die Mathematikgeschichte der Maya erstmals ein Gesicht.
Tikal in Guatemala
Die Maya haben nicht nur imposante Bauwerke errichtet, sondern sie hatten auch erstaunliche Mathematikkenntnisse.

Die Mathematikwelt hat ein neues Genie: eine Person, die sich durch ihre Rechenleistungen in der Wissenschaftsgeschichte verewigt hat. Doch Auszeichnungen wird sie nicht mehr erhalten: Sie starb vor mehr als 1000 Jahren im Maya-Reich.

Schon lange ist bekannt, dass die Maya Mathematik beherrschten. Ihre Kalender etwa zeigen ein tiefes Verständnis astronomischer Zyklen, das komplexe Berechnungen erfordert. Doch wie so viel indigenes Wissen, das während der europäischen Eroberung Amerikas zerstört oder vergessen wurde, galten die Namen der Gelehrten als verloren – im Gegensatz zu den bekannteren Figuren aus dem antiken Griechenland, Mesopotamien oder China.

Das hat sich nun geändert. In einer in der Fachzeitschrift »Antiquity« veröffentlichten Studie haben Archäologen ein geheimnisvolles Putzfragment entschlüsselt, das mindestens 1100 Jahre alt ist. Die darauf abgebildeten Symbole stellen eine mathematische Formel dar, welche die Bewegungen von Himmelskörpern beschreibt. Neben der Formel finden sich Hieroglyphen, die übersetzt lauten: »So spricht Sak Tahn Waax.« Letzteres entspricht einem männlichen Maya-Namen, der »Fuchs mit weißer Brust« bedeutet.

»Ich glaube, das war sein großer Auftritt«, sagt die Archäologin Heather Hurst vom Skidmore College und leitende Autorin der Studie. »Er hat quasi gesagt: ›Hier ist meine verrückte Mathematik – Boom!‹« Sak Tahn Waax ist damit der erste mesoamerikanische Mathematiker, dessen Name bekannt ist.

Ist das Mathe oder kann das weg?

Die Entdeckung geht auf das Jahr 2010 zurück, als ein Forschungsteam an der Ausgrabungsstätte Xultun in Guatemala arbeitete – einer einst lebhaften Stadt mit Tausenden von Gebäuden, die vom Dschungel zurückerobert wurde. Ein Kollege von Hurst stieß auf ein Loch, das Grabräuber gegraben hatten und dabei ein bemaltes Wandgemälde freilegten. Das Forschungsteam setzte die Grabung fort und entdeckte einen großen Raum voller Wandmalereien.

Eine Wand schien mit Schmutz bedeckt. Bei genauerem Hinsehen entpuppten sich diese jedoch als dünne Putzschichten mit seltsamen Zeichen. Die Forschenden konnten ihre Bedeutung zunächst nicht entschlüsseln. Die mysteriösen Fragmente gingen ihnen aber nicht aus dem Kopf. Mehr als zehn Jahre lang grübelten Hurst und ihre Kollegen immer wieder darüber nach.

»Es sah aus wie eine Ansammlung von Zahlen und Daten«, erinnert sich Hurst. »Es dauerte eine Weile, den Code zu knacken.« Schließlich gelang es dem Archäologen Franco D. Rossi vom Massachusetts Institute of Technology: Demnach sind die Zeichen auf einem bestimmten Putzstück als eine Art himmlische Chronologie zu verstehen. Das Team konnte rekonstruieren, wie die Symbole die Umlaufzeiten von Planeten wie Mars und Venus in Bezug auf die Sonne angeben. Die Gravuren verbinden all diese Zyklen in einer einzigen mathematischen Formel – neben der Unterschrift des Autors. »Er spielt mit interessanten Übereinstimmungen wie dem kleinsten gemeinsamen Vielfachen und verknüpft das mit dem bestehenden 260-Tage-Ritualkalender«, erklärt Hurst.

»Das ist nicht nur eine mathematische Übung, sondern das Werk einer namentlich bekannten Person, deren Wissen es wert war, festgehalten zu werden«Oswaldo Chinchilla, Anthropologe

»Dieser Text ist einzigartig, weil er so viele Zyklen in einem einzigen Satz zusammenfasst und dabei wunderschöne rhetorische Symmetrien zeigt«, sagt der Anthropologe Oswaldo Chinchilla von der Yale University, der nicht an der Studie beteiligt war. Diese Symmetrien verbinden wissenschaftliche Beobachtungen der Planetenbewegungen mit bedeutungsvollen Zahlen und Daten der Maya-Kultur. Noch wichtiger als die mathematischen Erkenntnisse sei laut Chinchilla aber der Name des Autors: »Das ist nicht nur eine mathematische Übung, sondern das Werk einer namentlich bekannten Person, deren Wissen es wert war, festgehalten zu werden. Das verleiht den Berechnungen eine persönliche Dimension.«

Gabrielle Vail, Archäologin an der University of North Carolina in Chapel Hill, sieht darin Parallelen zu Inhalten des späteren Dresdner Kodex, einem der ältesten erhaltenen Maya-Texte, der ebenfalls voller mathematischer Formeln steckt. »Das könnte die ursprüngliche Quelle für einige der Ideen im Kodex sein«, vermutet sie.

Doch es sind noch viele Fragen offen. Der mit Wandmalereien geschmückte Raum in Xultun gehörte vermutlich zu einer Wohnstätte einer Handwerkerfamilie oder einer Zunft von Papierherstellern und Schreibern. Ob Sak Tahn Waax dort lebte oder jemand anderes seine berühmte Formel zitierte, ist unklar. Hurst hofft, durch Untersuchungen der anderen Putzfragmente – die von mindestens einem weiteren Schreiber stammen – und durch weitere Ausgrabungen in der verlorenen Stadt mehr zu erfahren. »Irgendwann werden wir vielleicht mehr über diesen Astronomen erfahren«, sagt Vail. »Allein der Gedanke daran lässt mir eine Gänsehaut über den Rücken laufen.«

  • Quellen

Rossi, F. et al., Antiquity 10.15 184/aqy.2026.10 378, 2026

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