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Wertschätzung: Bin ich wichtig?

Von anderen Menschen gesehen zu werden, ihnen etwas zu bedeuten: Dieses Gefühl, in der Fachsprache »Mattering« genannt, fördert das Wohlbefinden auf vielfältige Weise. Es kann aus frühen Kindheitserfahrungen erwachsen, lässt sich aber auch später noch beeinflussen.
Junge Frau wird an ihrem Geburtstag gefeiert
Ein Geburtstagskuchen kann Wertschätzung ausdrücken. (Symbolbild)

In South Carolina verteilt eine trauernde Mutter, deren Sohn Jackson sich das Leben genommen hat, Aufkleber an Jugendliche. Auf dem Aufkleber steht »Jackson Matters and So Do You« – zu Deutsch: Jackson ist wichtig, und du bist es auch. »Du bist wichtig«, so lautet auch der Slogan der Nationalen Hotline zur Suizidprävention. Und der Satz »Black Lives Matter« macht auf den Rassismus aufmerksam, dem mehr als einer von acht Menschen in den USA ausgesetzt ist.

Seit etwa 30 Jahren – und heute mehr denn je – gilt »Mattering« als ein psychologisches Konstrukt, das viel über die Gesundheit eines Menschen verraten kann: über Depressionen und Suizidgedanken, über weitere psychische Leiden und sogar über die körperliche Widerstandsfähigkeit älterer Menschen. Zunehmend bildet sich der Konsens heraus, dass das Gefühl der eigenen Bedeutsamkeit etwas psychologisch Eigenständiges ist. »Es gibt kein anderes Konstrukt für das menschliche Bedürfnis, sich geschätzt zu fühlen und von anderen als wichtig angesehen zu werden«, sagt Gordon Flett von der York University in Ontario, Autor des Buchs »The Psychology of Mattering« aus dem Jahr 2018.

Mattering überschneide sich zwar mit den Gefühlen von Selbstwert, sozialer Unterstützung und Zugehörigkeit, erläutert der Psychologe. Es sei aber nicht dasselbe. Wenn sich jemand nicht wichtig fühle, lasse sich das vergleichsweise leicht ändern: »Der Mensch kann lernen, sich auf eine Weise auf andere einzulassen, die sein eigenes Gefühl von Wichtigkeit fördert.«

»Mattering« kann man messen

1981 entwickelte der US-Soziologe Morris Rosenberg eine fünfstufige »Wichtigkeitsskala« mit Fragen wie »Wie sehr sind andere Menschen von Ihnen abhängig?« und »Wie sehr würden Sie vermisst werden, wenn Sie weggingen?«. Rosenberg, bekannt für seine Rosenberg-Selbstwertgefühl-Skala, testete die Mattering-Skala aber nicht selbst. Anfang der 1990er Jahre schlug er auf einer Jahrestagung dem Soziologen R. Jay Turner bei einem Bier vor, die Fragen in eine große Studie im kanadischen Toronto aufzunehmen. Die Daten aus dieser Umfrage wertete daraufhin sein Student John Taylor, heute Soziologe an der Florida State University, in seiner Doktorarbeit aus.

Taylor leuchtete die Skala intuitiv ein, er zweifelte aber zunächst daran, ob es sich dabei wirklich um etwas Neues handelte oder nur um ein anderes Label für das Selbstwertgefühl. Doch 2001, nach einer von ihm durchgeführten Studie, verschwanden die letzten Zweifel. »Mattering unterscheidet sich von Selbstwertgefühl, sozialer Unterstützung und anderen Faktoren«, sagt Taylor. »Es ist ein wichtiger Teil des Selbstkonzepts.«

In den Folgejahren entstanden immer mehr Mattering-Tests, darunter die »Anti-Mattering-Skala« von Gordon Flett mit Fragen wie »Inwieweit hat man Ihnen das Gefühl gegeben, dass Sie unsichtbar sind?» und die von Ae-Kyung Jung und Mary J. Heppner an der University of Missouri entwickelte »Work Mattering Scale«. Wissenschaftler können daneben auch das Gefühl der Bedeutung für die Familie, die Universität, die Gemeinschaft und die Gesellschaft messen. Eine Skala erfasst sogar die Bedeutung für den Partner oder die Partnerin.

»Was die Vernachlässigung durch die Eltern so zerstörerisch macht, ist die Botschaft, die sie an das Kind sendet«Gordon Flett, Psychologe

Der Soziologe Gregory Elliott von der Brown University unterscheidet drei Komponenten von Mattering. Erstens »wahrgenommen werden«: Schenken Ihnen die Leute Aufmerksamkeit, oder gehen sie an Ihnen vorbei? Zweitens »wichtig sein«: Haben Sie Menschen, die sich wirklich für Ihr Wohlbefinden interessieren? Und drittens »sich verlassen können«: Gibt es Menschen, die Sie um Hilfe, Unterstützung oder Rat bitten würden?

Das Gefühl der eigenen Wichtigkeit (oder Unwichtigkeit) beginnt in der Kindheit, sagt Flett. »Was die Vernachlässigung durch die Eltern so zerstörerisch macht, ist die Botschaft, die sie an das Kind sendet«, sagt Flett. »Es fühlt sich daraufhin irrelevant, unsichtbar und unbedeutend.«

Was Mattering für die Gesundheit bedeutet

Bei Teenagern hat das gravierende Folgen. In einer Studie mit 2000 Jugendlichen aus dem Jahr 2009 stellte Elliott fest: Je weniger Jugendliche das Gefühl hatten, der eigenen Familie wichtig zu sein, desto mehr zeigten sie antisoziales, aggressives oder selbstzerstörerisches Verhalten. Umgekehrt gilt: Wer glaubt, für seine Familie wichtig zu sein, gerät weniger leicht auf die schiefe Bahn. Die Psychologin Robin Kowalski von der Clemson University hat die Beiträge von Teenagern auf der Reddit-Seite »Suicide Watch« ausgewertet. »Etwa die Hälfte hatte das Gefühl, nicht wichtig zu sein«, sagt sie.

John Taylor hatte bereits in seiner Studie von 2001 herausgefunden, dass das Gefühl, anderen wichtig zu sein, mit psychischer Gesundheit einhergeht. 2018 entdeckte er außerdem einen Zusammenhang mit körperlicher Gesundheit. Er und seine Kollegen Michael McFarland und Dawn Carr hatten mehr als 1000 Erwachsene im US-Bundesstaat Tennessee ausführlich befragt und bei ihnen körperliche Maße wie Blutdruck, Kortisolspiegel und Hüft-Taille-Verhältnis erhoben.

Das Team stellte fest, dass die Gesundheit mit dem Alter umso stärker unter Stress litt, je weniger die Menschen das Gefühl hatten, für andere wichtig zu sein. »Selbst kleine Unterschiede in Mattering sagen die körperliche und geistige Gesundheit besser vorher als soziale Unterstützung«, berichtet Taylor. Soziale Unterstützung gilt als entscheidender Faktor bei der Beschreibung der körperlichen Widerstandsfähigkeit, kann aber auch mit gestörten Beziehungen zur Familie zusammenhängen. »Mattering ist ein besseres Maß«, sagt er. »Es umfasst nur die positiven Effekte von engen persönlichen Beziehungen.«

Der Psychologe Isaac Prilleltensky von der University of Miami meint, das Gefühl von Bedeutung gründe nicht nur auf persönlichen Beziehungen, sondern auch auf Arbeit und Gemeinschaft. Prilleltensky hat für dieses erweiterte Maß seine eigene Skala entwickelt: »Mattering in Domains of Life Scale«. Sie erlaubt einzuschätzen, inwieweit sich ein Mensch wertvoll, anerkannt und geschätzt fühlt und ob er das Gefühl hat, zum Wohl von anderen beizutragen.

Prilleltensky schuf das Bild eines Rads. Im Zentrum steht »Mattering«, dann folgen zwei Halbkreise: »sich wertvoll fühlen« und »Wert schaffen«, die in Wechselbeziehung stehen zum äußeren Kreis, den Bereichen »Selbst«, »Beziehungen« und »Gemeinschaft«. Das Ziel sei, einen positiven Kreislauf zu schaffen, »bei dem die Vorteile des Gefühls der Wertschätzung zur Wertschöpfung führen«, wie er schreibt. Je mehr eine Person das Gefühl bekommt, für andere wichtig zu sein, desto wahrscheinlicher leistet sie einen Beitrag für sie und erntet so wiederum Aufmerksamkeit und Anerkennung.

Frauen ziehen das Gefühl, wichtig zu sein, mehr aus engen Beziehungen, Männern eher aus ihrem Status innerhalb der Gesellschaft

Mattering-Skalen werden zunehmend auch im Arbeitsumfeld eingesetzt. Ein Team um die Psychologin Julie Haizlip, Professorin für Krankenpflege und Pädiatrie an der University of Virginia, fragte in einer nationalen Umfrage Krankenschwestern und -pfleger nach Burnout-Symptomen. Die Gruppe stellte fest, dass diejenigen, die sich für Patienten und Kollegen wichtiger fühlten, weniger ausgebrannt waren.

»In der Gesundheitsversorgung scheint es mehr um das Zwischenmenschliche als um das Organisatorische zu gehen. Bedeutung erwächst aus den kleinen Dingen«, sagt Haizlip. Dazu kann es gehören, die Hand eines verängstigten Patienten zu halten oder dass die Kollegen das Mittagessen füreinander mitbestellen. In einer aktuellen Studie hat Haizlip herausgefunden, dass es ganz einfach sein kann, ein Gefühl von Wichtigkeit zu vermitteln – etwa, sich an die Namen der Studierenden in der Medizin oder Krankenpflege zu erinnern.

Das Gefühl, wichtig zu sein, hängt auch mit dem Geschlecht zusammen. Frauen berichteten »fast durchgängig« über ein höheres Maß an Wichtigkeit in ihren Beziehungen, sagt Taylor. Das sei schon in den 1990er Jahren so gewesen und heute nicht anders, obwohl sich die Rollen der Frauen verändert haben.

Sowohl Männer als auch Frauen ziehen aus engen Beziehungen ein Gefühl der Wichtigkeit, aber Frauen mehr aus ihrer Rolle als Eltern und enge Freunde, ergab eine aktuelle Studie der Soziologen Rebecca Bonhag und Paul Froese von der Baylor University. Bei Männern entsteht das Gefühl demnach eher daraus, wie sie ihren Status innerhalb einer Gemeinschaft wahrnehmen, zum Beispiel durch Mitgliedschaft in einer Gruppe. Eine Spende an örtliche Organisationen etwa trägt für Männer dazu bei, für Frauen jedoch weniger. Männer, die sich stark als Republikaner identifizierten und in den sozialen Medien aktiv waren, empfanden ein stärkeres Gefühl von Wichtigkeit. Ein solcher Zusammenhang war bei Männern, die politisch unabhängig oder demokratisch orientiert waren, nicht zu beobachten.

Die Ursache ist unklar, aber Bonhag spekuliert, eine starke politische Identifikation könnte Männern ein Gefühl von Bedeutsamkeit vermitteln, die dieses Gefühl zuvor vermisst haben. Wenn das der Fall sei, sagt sie, »wäre das ein beunruhigender Trend«. Andererseits vermutet sie, dass die sozialen Medien Männern helfen, sich auf eine Weise mit anderen verbunden zu fühlen, wie es Frauen durch ihre engen Beziehungen tun.

Das Gefühl, für andere Menschen nicht wichtig zu sein, wird auch mit Suizid- und sogar mit Mordgedanken in Verbindung gebracht. Mehrere Wissenschaftler haben Amokläufe teilweise darauf zurückgeführt. Der Attentäter von der Virginia Tech 2007 hinterließ ein erschreckendes Manifest: »Keiner von euch weiß, wer ich bin, also muss ich euch zeigen, dass ich wichtig bin«, zitiert der Soziologe Gregory Elliott daraus. Eine Studie aus dem Jahr 2003 untersuchte Medienberichte über Schriften von zehn Amokläufern. Ein durchgängiges Thema beschreibt Flett wie folgt: »Man hat mir das Gefühl gegeben, dass ich nicht wichtig bin, aber ich bin wichtiger, als euch bewusst ist.«

Mattering kann man lernen

Da Mattering immer mehr Beachtung findet, wird es in den USA inzwischen in Maßnahmen zur psychischen Gesundheit integriert. Ein wichtiges Beispiel dafür ist die »You Matter Lifeline«. Ein Anruf bei der Telefonnummer 988 kann Menschen mit Suizidgedanken das Gefühl geben, dass ihnen jemand zuhört und sie einem anderen Menschen wichtig sind.

An der McMaster University testen die Psychologin Christine Wekerle und ihre Kollegen »JoyPop«, eine Telefon-App für junge Menschen. Sie soll helfen, die eigene Stimmung zu verstehen, sich von negativen Gedanken abzulenken und soziale Kontakte zu knüpfen. Das soll laut Wekerle »das Gefühl vermitteln, wichtig zu sein, weil man etwas Positives für sich selbst tut«.

Auch einige US-Gemeinden bieten Mattering-Aktionen für junge Menschen an. Kini-Ana Tinkham, Direktorin eines Resilienznetzwerks im US-Bundesstaat Maine, verweist auf eine Gesundheitsstudie aus dem Jahr 2021: Demnach glaubten 51 Prozent der Kinder an Gymnasien und 45 Prozent derer an Mittelschulen, dass sie in ihren Gemeinden keine Rolle spielen. Daraufhin startete der Bundesstaat eine Initiative, die für das Thema Mattering sensibilisieren soll.

Als ein Bibliothekar bemerkte, dass Jugendliche nach der Schule auf einem leeren Grundstück rauchten, bot er ihnen an, einen Lagerraum als Jugendtreff zu gestalten. Ein lokales Outdoor-Programm, »Teens to Trails«, richtete ein Beratungsgremium für Jugendliche ein, um sicherzustellen, dass »wir keine Entscheidung über euch ohne euch treffen«, wie die Geschäftsführerin Alicia Heyburn formulierte. Und im US-Bundesstaat Michigan fanden Forschende heraus, dass Schulkinder durch die Möglichkeit, sich einzubringen und mitzubestimmen, ein stärkeres Gefühl der Wichtigkeit entwickeln.

Wege aus der Not

Denken Sie manchmal daran, sich das Leben zu nehmen? Erscheint Ihnen das Leben sinnlos oder Ihre Not ausweglos? Haben Sie keine Hoffnung mehr? Dann wenden Sie sich bitte an Anlaufstellen, die Menschen in Krisensituationen helfen können: Hausarzt, niedergelassene Psychotherapeuten oder Psychiater oder die Notdienste von Kliniken. Kontakte vermittelt der ärztliche Bereitschaftsdienst unter der Telefonnummer 116 117.

Die Telefonseelsorge berät rund um die Uhr, anonym und kostenfrei: per Telefon unter den bundesweit gültigen Nummern 0800 – 1110111 und 0800 – 1110222 sowie per E-Mail und im Chat auf der Seite www.telefonseelsorge.de. Kinder und Jugendliche finden auch Hilfe unter der Nummer 0800 – 1110333.

Laut Kini-Ana Tinkham aus Maine macht es schon einen Unterschied, wenn die Kinder einfach nur wahrgenommen werden – etwa, wenn ein Ladenbesitzer zum Beispiel sage: »Justin, ich habe dich schon eine Weile nicht mehr gesehen. Wie geht es dir?« Viele Interventionen erfolgen spontan, ohne dass es dazu eine Institution braucht. Jugendliche können Gruppen beitreten, sich ehrenamtlich engagieren. Anderen zu helfen, steigert das Selbstwertgefühl. Die Forschung zeigt, dass ältere Menschen das Gefühl entwickeln, für andere wichtiger zu sein, wenn sie auf Facebook mehr mit anderen interagieren.

Einem vernachlässigten Kind hilft es schon, wenn sich eine Vertrauensperson – sei es eine Verwandte, ein Lehrer oder Betreuer –, um es kümmert und ihm Aufmerksamkeit schenkt. Doch wie Berichte aus der klinischen Praxis besagen, sind manchmal viele Veränderungen nötig, um Menschen das Gefühl zu vermitteln, für andere wichtig zu sein. Es ist aber nicht unmöglich. Und das Gefühl, für jemanden wichtig zu sein, kann viel bewirken, sagt Flett. »Sie können nicht mehr denken, dass sie unwichtig sind.«

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