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Drohende Überfischung: Hilft dem mauretanischen Nationalpark sein ökonomischer Wert?

Europäische Schiffe fangen große Mengen Fisch vor der Küste Mauretaniens. Naturschützer und Wissenschaftler versuchen die Kinderstube dieser Fische im Nationalpark Banc d’Arguin zu bewahren.
Zwei Personen in einem kleinen Boot tragen orangefarbene Schwimmwesten und blicken auf einen großen blauen Trawler auf dem Meer. Der Himmel ist klar, und zahlreiche Vögel fliegen über dem Wasser. Die Szene vermittelt einen Eindruck von Beobachtung oder Patrouille auf See.
Weit vor der Küste werfen Trawler aus der EU, China oder Russland ihre Netze aus. Im Nationalpark selbst darf nur die lokale Gemeinschaft für den Eigenbedarf fischen.

Ablegemanöver im Norden Mauretaniens: Das 54 Meter lange Schiff hat im Hafen von Nouadhibou nur wenig Platz zum Wenden. Kommandant Sidi Hababa ist konzentriert bei der Sache, und dann nimmt die »Arguin« Kurs auf das offene Meer. »Mit dem Schiff überwachen wir die Seegrenzen, aber auch die Fischerei«, erklärt Hababa. Die Gewässer vor der mauretanischen Küste gehören zu den fischreichsten der Welt, es gibt große Bestände an Sardinen, Makrelen, Seehecht und anderen Fischen. Das lockt Flotten aus aller Welt an – aus China, Europa, Russland oder der Türkei.

Für den Wüstenstaat ist das ein einträgliches Geschäft. Rund 23 Prozent der mauretanischen Exporte entfielen im Jahr 2024 auf Fisch und Meeresfrüchte. Hinzu kommen Einnahmen aus Fischereilizenzen, der Großteil davon stammt aus einem Abkommen mit der Europäischen Union. Zwischen 58 und 61 Millionen Euro zahlt die EU jährlich, um in mauretanischen Gewässern fischen zu dürfen. Nicht zuletzt deshalb tut das Land einiges für die nachhaltige Bewirtschaftung seiner Bestände. Trotzdem sind einige an der Belastungsgrenze oder bereits überfischt. Doch ein gutes Fischereimanagement und eine effektive Kontrolle der Fischereiflotten können der Ausplünderung des Meeres entgegenwirken. In Mauretanien spielt die »Arguin« dabei eine wichtige Rolle.

Kurz nach dem Verlassen des Hafens bringt Leutnant Oumar Belleyhi die Grenzen der Fangverbotszonen in der digitalen Seekarte auf den neusten Stand, denn sie ändern sich von Zeit zu Zeit. Das wissenschaftliche Institut für Meeresforschung und Fischerei in dem Land schlägt dem Fischereiministerium immer wieder Veränderungen der Verbotszonen vor. »Das Ministerium schickt die neuen Koordinaten dann an uns weiter«, sagt Belleyhi. Zwar muss das Ministerium dem Rat der Wissenschaft nicht folgen, tut es aber dennoch häufig, damit die Fischgründe erhalten bleiben.

Nur an einem Ort bleibt die Verbotszone unverändert: rund um den Küstennationalpark Parc National du Banc d’Arguin, nach dem das Überwachungsschiff benannt ist. Er beginnt etwa 100 Kilometer südlich von Nouadhibou und erstreckt sich entlang eines Drittels der mauretanischen Küste. Die 12 000 Quadratkilometer dieses Gebiets hat die Regierung schon 1976 unter Schutz gestellt – das entspricht fast der Fläche Schleswig-Holsteins. Damit ist die Banc d’Arguin eines der größten Schutzgebiete der Welt, vor allem wegen der großen Meeresfläche, die dazu gehört.

Vor wenigen Minuten haben Park-Ranger Jemal Brahimi Bah und ein Kollege ein Fangnetz aus dem Wasser geholt. Es ist über 400 Meter lang und besteht aus Kunststoff, aus einem Nylonfaden. Mit solchen Netzen zu fischen, ist im Nationalpark verboten. »Der Nationalpark ist mir sehr wichtig«, sagt Bah, während er mit nackten, nassen Füßen im Sand steht. Er ist stolz darauf, dass sie das Netz gefunden und geborgen haben, denn kaum etwas davon schaute aus dem Wasser. So etwas zu entdecken, erfordert Spürsinn und Erfahrung. »Diese Netze sind Erdölprodukte. Wenn sie sich losreißen, zersetzen sie sich nicht mit der Zeit. Wie bei anderen Sachen aus Plastik ist das eine echte Meeresverschmutzung.« Sein Beruf erfüllt ihn mit Stolz – es sei ehrenhaft, die Natur zu bewahren. Denn die Banc d’Arguin sei nicht nur für die mauretanische Fischerei von Bedeutung, sondern – mit Blick auf den Klimawandel – für die ganze Welt, findet Bah. »Weil wir viele Seegraswiesen haben, die CO2 absorbieren

Geborgenes Netz |

Das Fischen mit Netzen, die sehr groß sind und aus Kunststofffasern bestehen, ist im Nationalpark verboten. Hin und wieder gelingt es Rangern, herumtreibende Netze aufzuspüren.

Tatsächlich ist der Nationalpark Banc d’Arguin eine Schatzkammer der Biodiversität. Bedeutend ist er aber auch über den Fortbestand der mauretanischen Fischbestände hinaus. Viele Fische, die afrikanische Fischer und internationale Flotten an der Küste und auf dem offenen Meer fangen, sind in den seichten Gewässern des Nationalparks aufgewachsen. Das Schutzgebiet ist für die Ernährung in ganz Westafrika wichtig. Außerdem verbringen hier Millionen Zugvögel aus Nordeuropa die Wintermonate, an der Seite von Geiern, Fischreihern, Flamingos und Meeressäugetieren.

Fischen dürfen innerhalb des Schutzgebiets nur die Angehörigen der lokalen Gemeinschaft der Imraguen, die im Nationalpark leben, und zwar für ihren eigenen Bedarf. Mit den verbotenen Plastiknetzen dürfen aber auch sie nicht losziehen. Es gibt noch weitere Auflagen: Sie dürfen nur mit hölzernen Segelbooten und nur innerhalb bestimmter Fangzeiten zum Fischen ausfahren. In begrenztem Rahmen dürfen die Imraguen ihren Fang aber immerhin verkaufen.

Nationalpark unter Druck

Doch trotz der langjährigen Schutzbemühungen ist der Park unter Druck. Die Parkbewohner fangen immer größere Mengen an Fisch, der meist über Zwischenhändler auf die Märkte in Nouadhibou und der Hauptstadt Nuakschott gelangt. Nami Salihy, der Direktor des Nationalparks, hat dafür sogar ein gewisses Verständnis. »Erlaubt ist nur die Subsistenzfischerei«, erklärt er in seinem Büro in der Hauptstadt. »Aber seien wir realistisch: Die Imraguen brauchen mehr als das, um leben zu können.« Statt den Menschen nur mit Verboten zu kommen, müssten Regierung und Parkverwaltung andere Lösungen für die Bevölkerung finden, wenn sie die Überfischung verhindern wollen.

Hafen in Nouadhibou |

Die Subsistenzfischerei allein verschafft der lokalen Gemeinschaft im Norden Mauretaniens nicht genügend Einkommen.

In den Dörfern der Imraguen gibt es bis heute kein Wasser, keinen Strom, keine Schulen, keine medizinische Versorgung. Aber die Menschen in dieser Gemeinschaft wollen, dass ihre Kinder etwas lernen, und schicken sie daher zur Ausbildung in die Städte – das kostet Geld. Verdienen können die Imraguen das nur mit dem Fischen immer größerer Mengen und dem Verkauf ihres Fangs. Das gefährdet die Bestände im Nationalpark und damit auch in den mauretanischen und in den westafrikanischen Gewässern.

Gegen diese Gefahr will Nami Salihy etwas tun. Deshalb arbeitet er an einem Projekt zur Verbesserung der Lebensbedingungen. »Wir müssen in den Dörfern Wasser und Strom, Schulen und Gesundheitsversorgung bereitstellen«, fordert der Parkdirektor. »Wir müssen Arbeitsplätze schaffen, damit die Menschen uns auch in Zukunft dabei helfen, den Nationalpark zu schützen« – statt die Regeln zu unterlaufen und dadurch neben der Artenvielfalt im Park ihre eigene Lebensgrundlage zu zerstören. Etwas Ökotourismus gibt es bereits, die wichtigste Attraktion ist das Fahren mit den Segelbooten der Imraguen. Aber allzu viel bringt das den Menschen nicht ein. Salihy hat noch eine Idee, mit der er viele Arbeitsplätze schaffen will. »Das Meer spült jeden Tag große Mengen Plastik an, und wir sind dabei, eine Recyclingkette für diese Produkte aufzubauen.« Doch sein geplantes Projekt werde nicht reichen, um die Bestände des Parks zu schützen, sagt der Direktor. Es seien außerdem mehr und mehr Kontrollen nötig, zudem immer mehr Forschung, um die Auswirkungen der Klimakrise besser zu verstehen und den Schutz und den Erhalt einzelner Arten zu verbessern. Das alles kostet Geld.

Andererseits bringt der Nationalpark dem Staat viel Geld ein – ein wichtiges Argument dafür, dass die Regierung höhere Zuwendungen bereitstellt.

»Der Ansatz fußt auf der Idee, dass die Natur Güter und Dienstleistungen produziert, die uns Menschen Nutzen bringen«Julian Sagebiel, Umweltökonom

Ökonomie gegen Überfischung

Wie viel die Banc d’Arguin ökonomisch leistet, haben der Umweltökonom Ewan Trégarot und sein Team berechnet. Sie wurden 2016 von der französischen Entwicklungsagentur AFD beauftragt, die Ökosystemleistungen des Nationalparks zu bewerten. »Der Ansatz fußt auf der Idee, dass die Natur sozusagen Güter und Dienstleistungen produziert, die uns Menschen Nutzen bringen«, erklärt der Volkswirt und Umweltökonom Julian Sagebiel vom German Centre for Integrative Biodiversity Research Halle-Jena-Leipzig. Die Güter und Dienstleistungen der Natur seien aber oft nicht richtig greifbar und flössen deshalb nicht in die Entscheidungsprozesse ein. »Der Ansatz von Ökosystemleistungen hilft, die verschiedenen Dienstleistungen und Güter von der Natur ein bisschen einzuordnen und sichtbar zu machen.«

»Die Idee, den Ökosystemleistungen der Banc d’Arguin einen wirtschaftlichen Wert beizumessen, zielte darauf ab, auf Augenhöhe mit den Entscheidungsträgern diskutieren zu können«, erklärt Trégarot rückblickend. »Üblicherweise argumentieren die mit Faktoren wie dem Wirtschaftswachstum.« Die Umweltökonomen müssten also »mit dem wirtschaftlichen Wert von Ökosystemen kontern, um ihnen zu zeigen, dass es vielleicht gar nicht so viel Geld kostet, ein Ökosystem zu schützen«. Und dass dessen Schutz viel mehr bringen wird, als er kostet. »Dass es sozusagen Rendite bringt, Ökosysteme zu schützen.«

Auch das mauretanische wissenschaftliche Institut für Meeresforschung und Fischerei war an der Studie beteiligt. Das Forschungsteam untersuchte verschiedene Aspekte, etwa wie sich bestimmte Arten einerseits auf die Versorgung der Menschen auswirken und andererseits auf Versorgungsleistungen im Zusammenhang mit der Fischerei. Außerdem regulierende und unterstützende Leistungen, zum Beispiel die Kohlenstoffbindung der Gewässer, den Küstenschutz, den Nährstoffkreislauf oder die Wasserqualität – und die Funktion als Kinderstube für Fische. Darüber hinaus betrachteten die Fachleute den kulturellen Wert dieser Ökosysteme für die lokalen Gemeinschaften. Ob es nun die Imraguen-Gemeinschaften sind, die am Meer im Nationalpark leben, oder ganz allgemein die Menschen in Mauretanien, die vielleicht keinen direkten Kontakt zum Meer haben. »Schon die reine Existenz des Parks hat einen Wert, denn viele Menschen wollen ihn wegen seiner Artenvielfalt schützen«, sagt Trégarot.

200 Millionen Euro jährlich

Der 2018 veröffentlichte Abschlussbericht beziffert den ökonomischen Wert der wichtigsten Ökosystemleistungen auf rund 200 Millionen Euro pro Jahr. Bezogen auf die Wirtschaftsleistung Mauretaniens im Jahr 2026 entspricht das rechnerisch etwa 1,5 Prozent des Bruttoinlandsprodukts. Den größten Anteil hat die Kohlenstoffbindung durch ausgedehnte Seegraswiesen, die in der Studie von Trégarots Team mit jährlich etwa 80 Millionen Euro bewertet wird. Hinzu kommt der Beitrag zur mauretanischen Hochseefischerei, der sich auf rund 70 Millionen Euro jährlich beläuft. Weitere Leistungen wie die Bioremediation, also die Regulation von Nährstoffkreisläufen und die biologische Reinigung des Küstenwassers, oder der Küstenschutz fallen geringer aus, sind aber ökologisch entscheidend. Und Umfragen zeigen, dass die mauretanische Bevölkerung allein dem Erhalt des Parks einen Wert von jährlich etwa 40 Millionen Euro beimisst, unabhängig von seiner Nutzung. Die Umweltökonomie nennt das den Existenzwert: Man fragt Menschen nach ihrer Zahlungsbereitschaft für den Erhalt eines Gutes, selbst wenn sie es nie gebrauchen, und berechnet darüber dessen Wert.

Seit 2018 haben sich weitere Studien mit dem ökonomischen Wert der Banc d’Arguin beschäftigt. Julian Sagebiel hält den Ansatz vor allem bei einem komplexen Schutzgebiet wie der Banc d’Arguin für hilfreich, weil er unterschiedliche Leistungen in ein gemeinsames Raster überführe und damit für die politische Entscheidungsfindung nutzbar mache. Die Stärke von Trégarots Untersuchung liegt für ihn in ihrer Methodenvielfalt: Fischereidaten, biologische Modelle, Satellitenbilder und Befragungen der lokalen Bevölkerung flossen zusammen. Andererseits hänge der Ansatz aber auch von Annahmen, Stichprobengrößen und Modellunsicherheiten ab. Sagebiel wirbt insgesamt dafür, die Ergebnisse solcher Berechnungen als Größenordnungen zu verstehen und sie nicht für »bare Münze« zu nehmen. Die Unsicherheiten ließen sich nicht vermeiden und hätten verschiedene Quellen, angefangen bei der Frage, wie sich verschiedene Ökosystemleistungen überhaupt messen lassen. So sei es schon schwer, überhaupt zu quantifizieren, wie viel Kohlenstoff Seegras aufnehmen kann. »Und noch viel schwerer wird es beispielsweise bei der Umfrage zur Zahlungsbereitschaft der Bevölkerung.«

»Ich bin überzeugt, dass eine emotionale Verbindung mehr bewirken kann, als nur Zahlen und ökonomische Werte nebeneinanderzustellen«Ewan Trégarot, Meeresökologe und Ökonom

Für die anschließende ökonomische Bewertung seien erneut Annahmen und Modelle nötig. Häufig gebe es große empirische Herausforderungen – »angefangen bei der Frage: Wo kriegen wir die Daten her, die wir brauchen?«. Und schließlich stelle sich eine ethische Frage: »Inwieweit kann man Natur überhaupt bewerten? Und inwieweit ist es sinnvoll, einen Geldwert darauf zu setzen?«

Das beschäftigt auch den Meeresökologen und Ökonomen Ewan Trégarot, der zugleich wissenschaftlicher Taucher und Unterwasserfotograf ist. »Ich bin fest davon überzeugt, dass eine emotionale Verbindung am Ende sehr viel mehr bewirken kann, als nur Zahlen und ökonomische Werte nebeneinanderzustellen.« Die Menschen würden ja von Zahlen geradezu überflutet: »Zahlen darüber, wie viele Ökosysteme jedes Jahr degradiert werden, Prozentangaben zur Zerstörung oder riesige Werte zur gespeicherten Kohlenstoffmenge.« Vielleicht könne er deshalb mit seiner Unterwasserfotografie sogar mehr bewirken als mit seinen Berechnungen. »Ich möchte versuchen, Menschen über meine Bilder die Schönheit des Ozeans bewusst zu machen. Und dass es wichtig ist, dieses Ökosystem zu schützen – wegen der dort lebenden Arten oder einfach, weil es schön ist. Weil es direkt vor uns liegt. Weil wir es noch haben und es bewahren müssen.«

Diese Schönheit empfindet Sidi Hababa bereits, der Kommandant des Überwachungsschiffs »Arguin«. Er liebe seine Arbeit, sagt Hababa, obwohl sie oft anstrengend und herausfordernd sei. »Aber draußen auf dem Meer entdeckt man immer etwas Neues, man lernt immer dazu und sammelt Erinnerungen, die bleiben.«

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  • Quellen

Cornet, C., et al., Journal of Sustainability Research 10.20 900/jsr20230009, 2023

Trégarot, E., Ecosphere 10.1002/ecs2.3364, 2021

Trégarot, E., Environmental Development 10.1016/j.envdev.2020.100 584, 2020

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