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Klinische Tests: Medizinische Fachjournale in der Hand der Pharmaindustrie?

"Medizinische Fachzeitschriften sind eine Erweiterung der Marketingabteilung von Pharmakonzernen." Mit provokanten Thesen wie dieser kritisiert Richard Smith, der langjährige Herausgeber des British Medical Journal, angebliche Verflechtungen zwischen Pharmaindustrie und medizinischen Fachzeitschriften. Bedenklich seien insbesondere in renommierten Magazinen veröffentlichte klinische Studien, wie etwa Tests neuer Arzneimittel. Denn dadurch erhielten sie den Nimbus unantastbarer Beweiskraft, den sie aber auf Grund von oftmals vorteilhaft zusammengestellten Ergebnissen nicht verdienten.

Für die Pharmakonzerne sei die Publikation günstig ausfallender klinischer Tests eine weit effizientere Marketingmethode als Anzeigen zu schalten. "Eine vorteilhafte Studie hat den Wert von tausenden Werbeseiten", meint Smith, da die Tests – in den richtigen Magazinen publiziert – eine hohe Glaubwürdigkeit bei den Lesern genössen. Smith verweist auf Untersuchungen, nach denen inzwischen zwei Drittel bis drei Viertel der in den führenden Journalen erscheinenden Tests von der Pharmaindustrie finanziert werden. Für die Herausgeber der Zeitschriften sei ein gefährliches finanzielles Abhängigkeitsverhältnis zur Industrie entstanden, etwa weil der Nachdruck häufig angefragter klinischer Tests viel Geld in ihre Kassen spüle.

Smith beanstandet ferner, dass das Sponsoring der Forschung auch sichtbar die Ergebnisse beeinflusse. Nur sehr selten würden Befunde publiziert, welche die Produkte der Firmen in einem unvorteilhaften Licht erscheinen lassen. Die Ursache dafür sieht Smith unter anderem in einer geschickten Auswahl der Testdaten. Bei großangelegten Studien, durchgeführt in mehreren Einrichtungen, könnten die Einzelergebnisse jeweils passend kombiniert werden. Dadurch sei es zudem möglich, die Resultate eines klinischen Tests gleich mehrfach zu veröffentlichen. Für die Herausgeber der Zeitschriften sei dies nur schwer zu überprüfen.

Um die Objektivität von medizinischen Journalen zu wahren und das Abhängigkeitsverhältnis zu durchbrechen, mahnt Smith grundlegende Reformen an. Mit öffentlich finanzierten klinischen Tests könnten alle erhältlichen Verfahren für bestimmte Beschwerden miteinander verglichen werden. Außerdem sollten die Fachzeitschriften das Veröffentlichen klinischer Studien ganz stoppen. Die Dokumentationen der Tests wären stattdessen – nach Smiths Wunsch – auf überprüften Webseiten einsehbar. Die Fachjournale könnten sich dann darauf konzentrieren, die Studien kritisch zu beschreiben.

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