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UN-Ozeankonferenz: Drastische Maßnahmen zum Meeresschutz nötig

Die Weltmeere sind für das Leben auf der Erde unverzichtbar. Ihr Schutz wurde trotz aller Erkenntnisse über Vermüllung und Überfischung lange vernachlässigt. Auf einer UN-Konferenz sollen Lösungen gefunden werden.
Ein Surfer steht am Strand vor einer Kulisse aus Müll
Der Anblick eines vermüllten Strands – wie hier bei Rio de Janeiro in Brasilien – ist mittlerweile eher die Regel als die Ausnahme.

In Portugals Hauptstadt hat die zweite Ozeankonferenz der Vereinten Nationen (UNOC) begonnen. Drastische Maßnahmen seien vor allem in Hinblick auf die Verschmutzung mit Plastik und anderem Müll nötig, sagte UN-Generalsekretär António Guterres bei der Eröffnung des fünftägigen Treffens. Die Weltmeere leiden zunehmend unter Vermüllung, Überfischung und Artensterben, unter Erwärmung und Versauerung, unter Korallen- und Gletscherschwund. Die Lage ist so ernst, dass sogar Vertreter von Russland und der Ukraine in Lissabon kooperieren wollen.

Die Ozeane seien »durch menschliche Aktivitäten in nie da gewesenem Maße bedroht«, heißt es auf der UNOC-Homepage. Schon wenige Zahlen machen auch Laien das Ausmaß des Problems deutlich. Stichwort Plastik: Jährlich werden elf Millionen Tonnen Kunststoff in die Ozeane gekippt, und diese Menge dürfte sich in den kommenden Jahrzehnten weiter erhöhen. Dabei gehören die Bilder von Meeresschildkröten, die sich in Fischernetzen verfangen, von Seevögeln, die ihre Küken mit Plastikteilen füttern, oder von Delfinen, die Einkaufstüten verschlucken, schon jetzt zum Alltag.

Gleichzeitig schreiten die vom Klimawandel verursachte Erwärmung und auch die Versauerung der Ozeane »in alarmierendem Tempo voran«, ließ die internationale Umweltschutzorganisation Oceancare in ihrer Mitteilung zur Konferenz wissen. Bei anhaltender Erwärmung werde die Arktis schon vor 2050 im Sommer zum ersten Mal praktisch eisfrei sein. Der Anstieg des Meeresspiegels bedroht Inseln und komplette Küstengebiete. »Wir wissen, was getan werden muss. Deshalb ist es ernüchternd, das kollektive Versagen der ganzen Welt mitanzusehen«, klagte Oceancare-Geschäftsführerin Fabienne McLellan. »Was wir jetzt brauchen, sind sinnvolle und mutige Maßnahmen, die messbar und umsetzbar sind.«

Die Schweizerin ist nicht die Einzige, die in Lissabon Druck machen wird. Neben Regierungsdelegationen aus etwa 150 Staaten, darunter Deutschland mit Bundesumweltministerin Steffi Lemke (Die Grünen), neben Forschenden und Vertretern der Privatwirtschaft haben sich ebenso Angehörige von hunderten Nichtregierungsorganisationen angekündigt.

»Wenn wir das Zerstören der Meere nicht beenden, gefährden wir nicht nur wunderbare Naturschätze, sondern auch unsere eigenen Lebensgrundlagen«(Steffi Lemke, Bundesumweltministerin)

Steffi Lemke sagte vorab: »Wenn wir das Zerstören der Meere nicht beenden, gefährden wir nicht nur wunderbare Naturschätze, sondern auch unsere eigenen Lebensgrundlagen. Meeresschutz hilft uns im Kampf gegen die Klimakrise, die Verschmutzungskrise und das Artenaussterben.« Man müsse »übergreifender denken und den Schutz der Meere und Ozeane sowie die natur- und umweltverträgliche Nutzung miteinander in Einklang bringen«.

Die Ministerin betonte, dass Deutschland eine nationale Strategie erarbeite: »Eine eigene Unterabteilung Meeresschutz innerhalb des Ministeriums befindet sich gerade im Aufbau.« Zudem werde noch in diesem Sommer der erste Meeresbeauftragte der Bundesregierung seine Arbeit aufnehmen.

Ehrgeizig sind die Pläne der UN allemal. Man will auf der einzigen Konferenz der Weltgemeinschaft, die sich ausschließlich den Weltmeeren widmet, gemeinsame Maßnahmen zur Rettung des riesigen Ökosystems auf den Weg zu bringen. Das ist das 14. von insgesamt 17 Zielen der UN-Agenda 2030. Unter anderem sollen in acht Jahren 30 Prozent der Ozeane unter Schutz stehen. Laut Greenpeace sind es derzeit weniger als drei Prozent, es gibt aber verschiedene Angaben.

Kein Anlass zu Optimismus

Doch kann man vor dem Treffen, das wegen Corona mit zweijähriger Verzögerung stattfindet, überhaupt optimistisch sein? Zur Frage, ob konkrete Ergebnisse in Reichweite seien, teilen die UN mit: Es werde eine Erklärung zur Umsetzung und Erleichterung des Schutzes und der Erhaltung der Ozeane geben. Und man erwarte, »dass alle Beteiligten, von Regierungen über Unternehmen bis hin zur Zivilgesellschaft, konkrete und realistische freiwillige Verpflichtungen eingehen, um die verschiedenen meeresbezogenen Probleme anzugehen, die ihre Gemeinden, Länder und darüber hinaus betreffen«.

Das Problem liegt beim Begriff »freiwillig«. Maria Santos von der portugiesischen Umweltorganisation Zero steht mit ihrer Meinung nicht allein da: »Die Erklärung von Lissabon wird nicht bindend sein. Das stellt die Wirksamkeit doch sehr in Frage«, sagte sie vorab.

Zu denjenigen, die laut UNOC in Lissabon nach »innovativen, wissenschaftlich fundierten Lösungsvorschlägen« suchen werden, gehören unter anderem der amerikanische Klima-Sonderbeauftragte und Ex-Außenminister John Kerry, dessen russischer Kollege Ruslan Edelgerijew, ein enger Vertrauter von Kremlchef Wladimir Putin, und UN-Generalsekretär António Guterres. Auch Staats- und Regierungschefs wie Emmanuel Macron und Boris Johnson wollen nach Angaben der Regierung Portugals möglicherweise vorbeischauen.

Meeresschutz ist überlebensnotwendig

Sie alle wissen ganz genau: Es geht »nicht nur« um das Überleben von bedrohten Meerestieren wie Gelbflossen-Thunfisch, Papageientaucher, Blauwal, Blauhai, Glattrochen, Karettschildkröten und vielen mehr. Die Weltmeere, die über 70 Prozent der Erdoberfläche bedecken und mehr als 80 Prozent des Lebens auf der Erde beherbergen, sind auch für den Menschen überlebenswichtig. Für Milliarden sind sie Arbeits- und Ernährungsgrundlage. Sie sind ein entscheidender Bestandteil des globalen Klimasystems, produzieren über die Hälfte des Sauerstoffs, den wir atmen, und absorbieren rund ein Viertel aller CO2-Emissionen.

»Wir haben die Meere in so etwas wie die Klos des Planeten verwandelt. Es ist an der Zeit, Nein zu sagen«(António Costa e Silva, Portugals Wirtschaftsminister)

Die Portugiesin Maria Santos ist, wie so viele, trotzdem skeptisch, dass man »die Unvereinbarkeit der meisten Umweltschutzziele mit denen der Wirtschaft« bald werde überwinden können. Doch der Minister für Wirtschaft und Meeresangelegenheiten ihres Landes, António Costa e Silva, sprach als Gastgeber der Konferenz schon vor einiger Zeit Klartext: »Wir haben die Meere in so etwas wie die Klos des Planeten verwandelt. Es ist an der Zeit, Nein zu sagen.«

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