Darmkrebs: Mehr Darmkrebsfälle bei Jüngeren in Deutschland

Aktuellen Daten zufolge steigt die Zahl der Darmkrebsfälle bei jüngeren Menschen in Deutschland. Das Phänomen ist auch aus anderen Ländern bekannt und sorgt seit Jahren für Diskussionen. Laut den Zahlen fällt der Anstieg in Deutschland weniger deutlich aus als beispielsweise in den USA. Betroffen ist hierzulande vor allem die Gruppe der 20- bis 29-Jährigen, wie ein Forschungsteam um Volker Arndt vom Deutschen Krebsforschungszentrum berichtet. In dieser Altersgruppe gab es jährlich 3,3 Prozent mehr Neudiagnosen bei den Männern und 3,9 Prozent mehr bei den Frauen. Bei den 30- bis 39-Jährigen waren es jährlich 2,2 Prozent (Männer) beziehungsweise 2,0 Prozent (Frauen) mehr.
Ein Großteil dieser Fälle hat laut der Auswertung eine vergleichsweise gute Prognose – etwa, weil die Tumoren im frühen Stadium erkannt werden, oder weil die Betroffenen wenige Begleiterkrankungen haben und deshalb die Therapien besser vertragen. Ein zeitigeres Darmkrebs-Screening, also vorgezogene Früherkennungsuntersuchungen – die derzeit ab einem Alter von 50 Jahren angeboten werden –, hält die Forschungsgruppe für nicht angezeigt, da die Zahl der Neudiagnosen bei den 40- bis 49-Jährigen in den zurückliegenden 20 Jahren stabil geblieben sei.
Experten wie Thomas Seufferlein vom Universitätsklinikum Ulm, die selbst nicht an der Studie beteiligt waren, schließen sich dieser Einschätzung an. »Eine Veränderung des Screeningprogramms ist auf dieser Datenbasis nicht sinnvoll«, sagt Seufferlein dem Science Media Center (SMC) Deutschland. »Wir müssen allerdings die Daten im Blick behalten, um Screeningprogramme rechtzeitig anzupassen.«
Auch Christian Pox vom St. Joseph-Stift Bremen hält einen vorgezogenen Beginn der gesetzlichen Darmkrebsfrüherkennung und -vorsorge derzeit für wenig sinnvoll, wie der Mediziner dem SMC gegenüber erläuterte. »Ein viel größerer Effekt könnte erreicht werden, wenn die Teilnahmerate an der gesetzlichen Krebsfrüherkennung bei den Berechtigten von 50 Jahren und älter gesteigert werden würde. (...) Zum anderen ist es wichtig, erstgradige Verwandte von betroffenen Patienten – wie Geschwister oder Kinder – besser zu identifizieren. Diese haben ein erhöhtes Darmkrebsrisiko und sollten bereits mit 40 Jahren mit der Darmkrebsfrüherkennung beginnen.«
Rätselhafte Ursachen
Die genauen Gründe dafür, warum bei jüngeren Menschen mehr Darmkrebserkrankungen diagnostiziert werden, bleiben auch mit den neuen Daten unklar, betont das Forschungsteam. Vermutlich gebe es einen Zusammenhang mit Lebensstiländerungen in den zurückliegenden Jahrzehnten. »Dazu zählen Adipositas (krankhaftes Übergewicht, Anm. d. Red.) im Kindes- und Jugendalter, Antibiotikaeinnahme, Bewegungsmangel, ungesunde Ernährung und Reproduktionstechnologien, die potenziell zu frühkindlichen physiologischen oder metabolischen Veränderungen führen und das Darmmikrobiom beeinflussen.«
Generell hingen Darmerkrankungen mit Faktoren wie Bewegungsmangel und ungesunder Ernährung zusammen, erläutern die Fachleute. Adipositas stelle einen Zustand chronischer Entzündung dar und gelte als wahrscheinlichste Ursache für das vermehrte Auftreten des frühen kolorektalen Karzinoms (Early-Onset Colorectal Cancer, EOCRC). So lautet die Bezeichnung für Tumoren des Dickdarms oder Mastdarms, die vor dem 50. Lebensjahr diagnostiziert werden.
Bisherige Studiendaten zeigen der Forschungsgruppe zufolge, dass Adipositas – insbesondere, wenn sie bereits in jungen Jahren auftritt – mit einem höheren Risiko für frühen Darmkrebs einhergeht. In Deutschland ist der Anteil krankhaft Übergewichtiger unter den 25- bis 34-Jährigen zwischen 1990 und 2010 bei Männern von 11 auf 17 Prozent und bei Frauen von 9 auf 14 Prozent gestiegen.
In den USA hingegen wuchs dieser Anteil bei den 20- bis 39-Jährigen zwischen 2007 und 2016 von 31 auf 36 Prozent und in der Altersgruppe der 2- bis 19-Jährigen von 17 auf 19 Prozent, wie die Experten erläutern. Die Zahlen seien nicht direkt vergleichbar, belegten aber eine deutlich geringere Adipositas-Häufigkeit in Deutschland als in den USA. Möglicherweise liege hier der Grund für den merklich geringeren Anstieg früher Darmkrebsfälle in Deutschland. Christian Pox plädiert dafür, die Gründe weiter zu untersuchen – die Häufigkeit von Übergewicht scheine nicht der einzige Faktor zu sein.
Geringere Sterblichkeit in Deutschland
Die Sterblichkeit infolge von früh auftretendem Darmkrebs sei in den USA zwischen 2004 und 2020 durchschnittlich um 1,2 Prozent pro Jahr gestiegen, heißt es in der Studie weiter. Auch diese Entwicklung sei in Deutschland nicht erkennbar, die entsprechende Sterblichkeit sei nahezu stabil geblieben. Eine mögliche Ursache sehen die Wissenschaftler in einer verbesserten Früherkennung hierzulande. Für ihre Studie wertete die Forschungsgruppe die Krebsregisterdaten aus neun Bundesländern sowie dem Landkreis Münster über den Zeitraum von 2003 bis 2023 aus. Zusammengenommen repräsentieren diese Daten etwa 46 Prozent der deutschen Bevölkerung.
Insgesamt kommt Darmkrebs bei unter 50-Jährigen in Deutschland aber vergleichsweise selten vor. Nur etwa 5 Prozent der Fälle entfallen hierzulande auf diese Altersgruppe. Zum Vergleich: »In den USA werden mittlerweile 14 Prozent aller Personen mit Darmkrebs in einem Alter unter 50 Jahren diagnostiziert«, wie Seufferlein erklärt. Der Beginn des Darmkrebs-Screenings sei dort deshalb auf das 45. Lebensjahr herabgesetzt worden.
Die Häufigkeit von Darmkrebs über alle Altersgruppen hinweg sinkt dagegen in zahlreichen Ländern, einschließlich der USA und Deutschland – und zwar schon seit mehreren Jahrzehnten, wie es in der Studie ebenfalls heißt. Fachleute führen das unter anderem auf die Einführung von Screening-Programmen zurück, mit denen bereits Vorstufen erkannt werden. Hinzu kommen Fortschritte in der Therapie. Nach Daten des Statistischen Bundesamtes sank die Zahl entsprechender Todesfälle binnen 20 Jahren um 17 Prozent: Starben im Jahr 2003 noch 28 900 Menschen in Deutschland an Darmkrebs, waren es 2023 noch 24 100. (dpa/fs)
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