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Ökologie

Mehr oder weniger im Warmen

Als Warmblüter ist klar: Je kälter die Umgebung, desto nützlicher ein großer Körper als effektiver Wärmespeicher. Ob das aber auch für Insekten gilt? Und welche Rolle spielt eigentlich die vom Menschen befeuerte Klimaheizung?
Schuld an allem hat die SPD. Oder der Staat, die Unternehmer, Gewerkschaften oder wahlweise ein anderer gerade populärer Sündenbock. Etwa der Klimawandel. Folgen wir dem Schema: Der Klimawandel ist schuld an den häufiger werdenden Ameisen-Bissbelästigungen nordamerikanischer Kinder durch südamerikanische Feuerameisen. Oder ist das nun doch etwas übertrieben und unwissenschaftlich?

Nicht völlig, wie neue Erkenntnisse von Michael Kaspari, einem Zoologen der Universität von Oklahoma nahe legen. Seine Forschungsgelder erhält er, um Neues über die Auswirkungen der globalen Erwärmung auf Ökosysteme zu erforschen. Sein Untersuchungsobjekt sind Ameisen, die ihn und seine Helfer von 1994 bis 1997 durch Südamerika tingeln ließen. Dort sammelten die Wissenschaftler aus 49 unterschiedlichen Ökosystemen – vom kühlen Höhenlagen-Kiefernwald bis hinunter in die dampfenden Dschungel am Amazonas – repräsentative Vertreter von 665 Ameisenkolonien.

Kaspari begann mit einer Herausforderung, die anderen bislang offenbar zu mühselig gewesen war: Er überprüfte in zeitraubend langwieriger Auszähl- und Vermessungsarbeit praktisch das, was allerlei eher geistig fleißige Theoretiker über die Zusammensetzung von Lebensgemeinschaften vorhergesagt hatten. Zum Beispiel, dass in warmen Regionen wechselwarme Kleintiere wie Insekten eher größer sein sollten als in kälteren. Dafür gäbe es schon gute Gründe: Meist produzieren Pflanzen im Warmen, bei zudem ausreichender Wasserversorgung, genug Ausgangsmaterial, von dem andere Organismen dann leben können. Und ist ein hier heimischer Verwerter größer, dann schafft er es besser von diesem Reichtum zu profitieren. Also ist als wechselwarmes Tier bei steigender Temperatur und somit steigendem Angebot immer auch größer gleich effektiver. Soweit Theorie 1.

Theorie 2 hält mit etwas dagegen, was in simplifizierendenr Weltsicht gar nicht gern gehört wird: einem "kommt drauf an". Zum Beispiel darauf, ob der Reichtum des warmen Ökosystems von einem Individuum auch im Wettbewerb mit anderen ökonomisch eingesetzt wird. Reines Wachstum ist ja schön – aber sollte dieses nicht irgendwann aufhören, um die geerntete Energie in die Nachkommenschaft zu investieren? Laut Theorie 2 muss sich ein optimaler Größenmittelwert einpendeln: Oberhalb von diesem wäre es Unsinn, weiter zu wachsen: Die eingebrachte Ressourcenbeute kann nicht vollständig angelegt und genutzt werden, und übertriebene Größe wird so zur Verschwendung.

Logisch, dass dieser Sachverhalt bei besonders guter Versorgungslage – und somit weniger gewalttätigem Verteilungskampf – zunehmend Gewicht bekommt: Hier haben Spezies noch größere Vorteile, die früh im Leben ihr Wachstum einstellen und dann der Verteilung von Ressourcen den Vorzug geben gegenüber der übertriebenen Lagerauffüllung. Theorie 2 sagt also voraus, dass im Warmen kleinere Arten größere Chancen haben als im Kühlen. Solange es also überhaupt Groß und Klein gibt, sollten die Kleinen sich in besser geheizten Lagen vermehrt durchsetzten.

Ungleiche Arten: <i>Parapnera clavata</i> und <i>Carebara reina</i>
Ungleiche Arten: Parapnera clavata und Carebara reina | Zwei ungleiche Ameisenarten: Die große Arbeiterin von Paraponera clavata und die auf ihrem rechten Fühler eingeklinckte Carabara reina leben beide in Wäldern Südamerikas.
Kasparis Sammelwut und Normierungsarbeit gibt dem nun recht: Seine Analysen belegten zunächst die enormen Unterschiede zwischen einzelnen Ameisenspezies und -kolonien: Ein durchschnittlicher Ameisenarbeiter in gemäßigten Waldregionen kann knapp zweieinhalb Milligramm wiegen – oder, bei einer Art aus Hochlandwüsten, rund 40-Mal weniger. Kolonien können aus 9000 Arbeiterinnen bestehen – wieder in der Wüste – oder nur aus durchschnittlich 63, wie eine Art des kühlen Kiefernwaldes. Generell aber gilt: Ameisenkolonien in warmen Regionen bilden tatsächlich generell kleinere Individuen, davon aber eine größere Anzahl.

Neben dem von obiger "Theorie 2" vorausgesagten Kosten-Nutzen-Prinzip ist dafür auch der Räuberdruck in warmen Regionen zuständig, spekuliert Kaspari. Höhere Temperaturen gleich größerem Primärreichtum des Systems gleich mehr Arten – und somit gleich mehr Räubern, rechnet der Forscher vor. Womit das Leben einzelner Individuen sowohl gefährdeter, als auch wertloser werden muss: So gesehen ist es besser, als warmliebende Kolonie gleich ein paar mehr Arbeiterinnen zu produzieren, nachdem einige davon ohnehin gefressen werden dürften.

Und damit nun wieder zurück zu Sündenböcken und Feuerameisen: Im vergangenen Jahrhundert begann Solenopsis invicta, die aggressive und bissige Rote Feuerameise den Süden der USA zu unterwerfen – zum Nachteil von Gebissenen und einheimischer Fauna. Das daran nun der Klimawandel unmittelbar Schuld ist, bleibt nun zwar unbewiesen, jedenfalls aber bedeuten höhere Temperaturen leichtere Bedingungen für die individuell kleinen, aber zahlenmäßig ganz großen Ameisenvölker.

Genau solche Spezies, gibt Kaspari zu bedenken, gehen übrigens wie die Feuerameise als Pioniere leichter auf weite Wanderschaft in ihnen bislang verschlossene Gebiete. Mit wärmerem Klima könnte derartiges bald häufiger geschehen, warnt der Forscher – ein weiteres kleines Beispiel für die zu erwartenden Folgen von Änderungen im globalen Klimageschehen. Und ach ja, apropos Sündenbock: Am Klimawandel sind wir alle übrigens nicht ganz unschuldig. Bevor wir wieder nur auf einen Einzelnen schimpfen.
23.03.2005

Dieser Artikel ist enthalten in Spektrum - Die Woche, 23.03.2005

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