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Bildung

Mehr Schuljahre gleich höhere Intelligenz?

Drei Jahre vor dem Abitur erreichen G9-Gymnasiasten einen höheren IQ als G8-Gymnasiasten, ergab eine Studie in Nordrhein-Westfalen. Doch die Ergebnisse sind schwer zu interpretieren.
Jugendliche guckt beim Lernen genervt von ihrem Buch auf

Im Jahr 2001 verkürzten erstmals einige Bundesländer die Schulzeit an Gymnasien von neun auf acht Jahre. Fast alle Bundesländer zogen im Lauf der Jahre nach. Seitdem wurde wiederholt Kritik an der G8-Reform laut: Den Kindern bliebe vor lauter Lernen keine Freizeit, so eines der Argumente. 2014 kehrte Niedersachsen als erstes Bundesland zu G9 zurück, andere folgten oder erlauben beide Varianten. Zwei neue Studien könnten den Trend zurück zu G9 weiter anheizen.

Ein Team um Sebastian Bergold, Juniorprofessor für Kinder- und Jugendpsychologie im Bildungskontext an der Technischen Universität Dortmund, hat die Entwicklung der Intelligenz des ersten G8-Jahrgangs mit der des letzten G9-Jahrgangs verglichen. Dazu testeten die Autoren den IQ von mehr als 600 Jugendlichen an zwei Gymnasien in Nordrhein-Westfalen zu Beginn der Sekundarstufe II: bei G8-Schülern also bei ihrem Eintritt in die zehnte Klasse, bei G9-Schülern zu Beginn der elften Klasse. Da die Reform nichts am Curriculum geändert hatte, sollten alle Jugendlichen bis zu diesem Zeitpunkt den gleichen Unterrichtsstoff gelernt haben.

G9-Schüler besser in Sprache und Mathe, aber nicht kreativer

Das Ergebnis veröffentlichten Bergold und sein Team im Herbst 2017 in der Fachzeitschrift "Cognitive Development": Die G9-Gymnasiasten schnitten in den meisten kognitiven Fähigkeiten besser ab als die G8-Gymnasiasten. Sie erzielten höhere IQ-Werte in sprachlichen, mathematischen und räumlichen Fähigkeiten sowie in der Verarbeitungsgeschwindigkeit und -kapazität. Nur in Merkfähigkeit und Kreativität waren sie nicht überlegen.

Die so genannte Effektstärke, ein normiertes Maß für Mittelwertsunterschiede, lag bei der allgemeinen Intelligenz zwischen 0,5 und 0,6 und damit im mittleren Bereich. Rund zwei Drittel der G9-Schüler haben demnach einen höheren IQ als der Durchschnitt der G8-Schüler. Würden sich die beiden Gruppen nicht bedeutsam unterscheiden, lägen jeweils rund 50 Prozent über beziehungsweise unter dem Mittelwert.

Allerdings können die Autoren nicht ausschließen, dass die G9-Schüler bereits in der fünften Klasse, also bei Eintritt ins Gymnasium, im Durchschnitt einen höheren IQ aufwiesen als die G8-Gymnasiasten. "Alles, was behauptet wird, steht auf Grund der fehlenden Eingangswerte auf tönernen Füßen", meint daher Professor Wolfgang Schneider, Leiter der Begabungspsychologischen Beratungsstelle an der Universität Würzburg. Der Bildungsforscher führt eigene Studien an, nach denen sich die Intelligenztestwerte von Kindern und Jugendlichen zwischen der fünften und siebten Klasse kaum veränderten. Ähnlich stabil könnte der IQ auch bis zur zehnten oder elften Klasse bleiben.

Jedes Schuljahr zwei bis sechs IQ-Punkte mehr?

Fest steht: Schulbildung führt insgesamt zu einem besseren Abschneiden in Intelligenztests. Schon 1991 bezifferte der US-amerikanische Entwicklungspsychologe Stephen Ceci den Zugewinn im IQ auf zwei bis sechs Punkte pro Schuljahr. Der Grund für den Zusammenhang ist jedoch unklar. Einige Forscher meinen, der Intelligenzzuwachs hänge direkt mit dem bearbeiteten Unterrichtsstoff zusammen, weil Schüler zum Beispiel spezifisches Wissen oder Lesekompetenz aufbauten, die ihnen beim Lösen der Intelligenztestaufgaben helfen würden. Andere Wissenschaftler sind dagegen davon überzeugt, dass jedes zusätzliche Schuljahr tatsächlich allgemeine Fähigkeiten wie abstraktes Denken oder Problemlösen fördere.

Florian Schmiedek, Professor für Methoden der Entwicklungs- und Pädagogischen Psychologie am Deutschen Institut für Internationale Pädagogische Forschung in Frankfurt am Main, hält systematische IQ-Unterschiede zwischen den Jahrgängen für unwahrscheinlich. Er merkt an, dass insbesondere der Einfluss des Alters auf die Intelligenzwerte in der Untersuchung nur schwer kontrolliert werden konnte. Die Autoren haben zwar versucht, den Alterseffekt mit Hilfe statistischer Verfahren aus ihrem Befund herauszurechnen. Ihren Methoden zufolge ließ sich der Vorteil für den G9-Jahrgang nur zu einem kleinen Teil (14 bis 15 Prozent) auf das höhere Alter zurückführen.

Welche Rolle spielt das Alter?

Die Autoren geben jedoch zu, dass diese Strategie "nicht optimal" gewesen sei. Florian Schmiedek erklärt: "Wenn die Zusammensetzung der Schüler eines Jahrgangs durch vorgezogene oder zurückgestellte Einschulungen nicht repräsentativ ist, wird der Effekt des Alters auf die Intelligenz eher unterschätzt, während der Effekt der Beschulung auf den IQ eher überschätzt wird." Anders gesagt: Es ist methodisch schwierig, den Einfluss des Alters von dem der Beschulung zu trennen, wenn man unterschiedliche Jahrgänge vergleicht.

Trotzdem seien die beobachteten Effekte so stark, dass sie wohl nicht allein mit dem Einfluss des Alters auf den IQ erklärt werden könnten. Macht ein zusätzliches Schuljahr also tatsächlich schlauer?

Das glauben jedenfalls die Autoren der neuen Studien. Denn das Curriculum und die Gesamtzahl der Unterrichtsstunden blieben bei der Umstellung von G9 auf G8 unverändert. Als Beleg dafür, dass die G8-Schüler in der Sekundarstufe I tatsächlich in fünf Jahren vergleichbar viel gelernt hatten wie die G9-Schüler in sechs Jahren, führen die Autoren die Durchschnittsnoten der Jahrgänge an, die sich nicht signifikant voneinander unterschieden.

"Die Notenverteilung allein sagt aber wenig aus, da sie auch vom Klassenkontext abhängt", meint Wolfgang Schneider. "Besser wären normierte Testverfahren gewesen." Der Bildungsexperte bezweifelt, dass die Schulen das Curriculum in den G8- und G9-Jahrgängen tatsächlich gleich umgesetzt haben. Zudem ist er davon überzeugt, dass die G8-Laufbahn die Schüler intellektuell stärker herausfordert als die G9-Laufbahn, da der Unterrichtsstoff in kürzerer Zeit gelernt werden muss.

Wie wichtig ein forderndes Lernumfeld für die Intelligenzentwicklung ist, zeigte kürzlich die Analyse von Daten einer Schulleistungsstudie. In der so genannten LAU-Untersuchung (kurz für: Aspekte der Lernausgangslage und der Lernentwicklung) wurden von 1996 bis 2005 mehr als 8600 Hamburger Kinder aller Schulformen zunächst in der fünften Klasse, dann in der siebten und erneut in der neunten Klasse unter anderem auf ihren IQ getestet. Psychologen um Karin Guill vom Leibniz-Institut für die Pädagogik der Naturwissenschaften und Mathematik in Kiel fanden nun heraus, dass die Hamburger Gymnasiasten in der Studie nach vier Jahren einen deutlich höheren Zugewinn an Intelligenzpunkten erzielten als die Haupt- oder Realschüler. Sie führen dies auf ein kognitiv stimulierenderes Umfeld an Gymnasien zurück.

Diese Interpretation steht außerdem im Widerspruch zu den höheren Intelligenzwerten der G9-Schüler. "Wenn G8 die Kinder mehr fordert als G9, wieso hat das dann keinen positiven Effekt auf den IQ?", fragt sich Wolfgang Schneider.

Als Argumente pro oder kontra G8 taugen die Befunde nicht

Womöglich ist nicht die Zeit in der Schule, sondern außerhalb der Schule verantwortlich für die IQ-Unterschiede. Denn während viele G9-Gymnasiasten nachmittags frei hatten, saßen die G8-Gymnasiasten noch im Unterricht. "Vielleicht hatten die G9-Schüler durch ein günstigeres Verhältnis von Zeit innerhalb und außerhalb der Schule mehr Möglichkeiten, das Gelernte anzuwenden oder nachts im Schlaf zu konsolidieren", schlägt der Frankfurter Entwicklungspsychologe Schmiedek vor.

Eine abschließende Antwort auf die Frage, wie das eine Schuljahr mehr die allgemeine Intelligenz fördert, ist auch auf Basis der neuen Ergebnisse nicht möglich. Als Argumente für oder gegen die G8-Reform taugen die Befunde ebenfalls nicht – zumindest darin sind sich die Experten einig. Auch weil die Ergebnisse auf Stichproben an lediglich zwei Schulen in Nordrhein-Westfalen beruhen: "Für praktische Empfehlungen braucht es weitere Studien mit mehr Schulen und in anderen Bundesländern", so Florian Schmiedek. Unklar bleibt zudem, wie sich die Intelligenz bis zum Abitur und in Ausbildung oder Studium weiter entwickeln wird. "Vielleicht relativiert sich der gefundene Unterschied bis zum Berufseintritt wieder", meint Florian Schmiedek.

50/2017

Dieser Artikel ist enthalten in Spektrum - Die Woche, 50/2017

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