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Forschungsförderung: Mehr Wissenschaft wagen!

Mit spekulativen Projekten hat man als Newcomer in der deutschen Forschungsförderung kaum eine Chance. Zwei neue Projekte könnten jetzt denen helfen, die durchs Raster fallen.
Schiff aus Geldscheinen

Die Kamera zoomt auf das Hinterteil eines Pferdes. Es hebt den Schweif und äpfelt. Eine junge Frau kommt ins Bild. Sie klaubt einen Pferdeapfel vom Boden auf, schnuppert genießerisch daran und spricht begeistert in die Kamera: "Hmm – reine Energie!"

Saskia Oldenburg ist Ingenieurin und wissenschaftliche Mitarbeiterin am Institut für Umwelttechnik und Energiewirtschaft an der Technischen Universität Hamburg-Harburg. Gemeinsam mit ihrem Team verfolgt sie ein Ziel: Die Entwicklung eines Trennadapters, um Pferdemist für Biogasanlagen nutzbar zu machen. Doch für Jungforscher wie Oldenburg ist es in Deutschland nicht einfach, für solche Ideen schnell und unbürokratisch Fördermittel als Anschubfinanzierung zu bekommen. Denn oft passen sie mit ihren Vorhaben in keines der üblichen Förderprogramme.

Deshalb ist sie vor ein paar Monaten mit ihrem Anliegen an die Öffentlichkeit gegangen und warb um finanzielle Unterstützung über die Crowdfunding-Plattform ScienceStarter: Wer dort vorgestellte Projekte für gut und wichtig hält, kann online einen gewissen Geldbetrag spenden – aus reinem Interesse an der Sache, denn als Gegenleistung gibt es lediglich mehr oder weniger wertvolle Aufmerksamkeiten, gestaffelt nach der Höhe der Spende.

Das Geld der Masse | Auf Sciencestarter" werben vor allem Nachwuchswissenschaftler das Geld für ihre Projekte ein. Jeder kann einen kleineren oder größeren Betrag spenden.

Bislang, so erläutert Oldenburg, werde das Potenzial von Pferdemist für die Energiegewinnung kaum genutzt. Der Mist aus den Boxen besteht nämlich nicht nur aus den Exkrementen, sondern auch aus Stroh und Sand. "Stroh verstopft unsere Fördertechnik, und wenn wir zu viel Sand in der Biogasanlage haben, können wir bald keine Energie mehr erzeugen, weil die Anlage einfach voll ist", sagt sie. Der Trennadapter soll Sand und Stroh herausfiltern, das Stroh wird zerkleinert und ebenfalls der Biogasanlage zugeführt.

Lücke im Förderungssystem

Crowdfunding könnte vor allem für junge Wissenschaftler – Masterstudenten, Doktoranden und Postdocs – eine Lücke im deutschen Forschungsförderungssystem schließen. "Wer an Projektideen mit ungewissem Ausgang arbeitet, für die eventuell noch keine Vorergebnisse vorliegen, hat es oftmals schwer, eine Förderung durch staatliche Förderinstitutionen zu erhalten. Zumal wenn man als Wissenschaftler noch keine lange Publikationsliste auf seinem Feld vorzuweisen hat", sagt Thorsten Witt, der Projektleiter von ScienceStarter.

Dass die breite Masse als Geldgeber auftritt, ist in der deutschen Wissenschaftscommunity gleichwohl noch ein Novum, und ScienceStarter ist hierzulande die erste Plattform dieser Art. Im Gegensatz zu den USA, wo Spenden für die Wissenschaft auch auf Grund eines komplett anderen Finanzierungssystems von Hochschulen und Forschung eine lange Tradition haben, kennt man in Deutschland die so genannte Schwarmfinanzierung durch Fremde und Freunde vor allem im Zusammenhang mit Kulturprojekten.

Damit gute Forschungsideen nicht verloren gehen, hat die Initiative "Wissenschaft im Dialog" mit Fördermitteln des Stifterverbands für die Deutsche Wissenschaft ScienceStarter ins Leben gerufen. Elf wissenschaftliche Projekte quer durch alle Disziplinen haben seit November bereits erfolgreich die benötigten Mittel von Unterstützern einwerben können. Insgesamt rund 58 000 Euro wurden dafür eingesammelt. Auf der Website tummeln sich derzeit vor allem kleine Projekte: Die gewünschten Summen sind überschaubar, meist im vier-, selten im fünftstelligen Bereich. Jeder Wissenschaftler legt ein Profil an, in dem er sich und sein Projekt vorstellt. Danach bleiben drei Monate Zeit, um die gewünschten Mittel zusammenzubringen. Nur wer erfolgreich die volle Summe einwirbt, darf tatsächlich über das Geld verfügen.

"Forschungsförderung ist in Deutschland eher eine Belohnung für Geleistetes als für die Leistung, die noch kommen wird."(Eicke Latz)

So gelang es auch Saskia Oldenburg, mit ihrem unterhaltsamen Video auf ScienceStarter über 100 Nutzer – Privatleute, Unternehmer, Freunde, Familie – als finanzielle Unterstützer zu gewinnen. Die benötigten knapp 15 000 Euro kamen binnen zwei Monaten zusammen.

Sichtbarkeit erhöhen

Thorsten Witt betont jedoch: "Es ist nicht die Aufgabe des Portals, Geld für die Forschungsförderung einzutreiben und den gewöhnlichen Weg der Förderverfahren zu ersetzen. Denn das übliche Begutachtungsverfahren ist natürlich unverzichtbar, wenn es sich um größere Fördersummen und länger laufende Projekte handelt. Wir verstehen uns vielmehr als Ergänzung und wollen vor allem den Austausch zwischen Wissenschaft und Öffentlichkeit herstellen." Meistens finde Forschung nämlich unter Ausschluss der Öffentlichkeit statt – ScienceStarter sei deshalb in erster Linie eine Kommunikationsplattform, auf der Wissenschaftler aus allen Fachgebieten interessierte Bürger von der gesellschaftlichen Relevanz ihrer Vorhaben überzeugen könnten.

Über ein Projekt-Blog werden Fans und Unterstützer des jeweiligen Projekts auf dem Laufenden gehalten. Das Herzstück jedes Profils ist ein kurzer Film über das Vorhaben. Für viele Wissenschaftler sei es ungewohnt, auf diese Art Aufmerksamkeit zu erzeugen. "Sich und sein Projekt quasi anpreisen zu müssen, fällt vielen Forschern schwer", sagt Witt. Wer regelmäßig an so genannten Science Slams teilnehme, wo man in wenigen Minuten sein Projekt auf den Punkt bringen müsse, sei sicherlich im Vorteil.

"Forschungsförderung ist in Deutschland in den allermeisten Fällen eher eine Belohnung für bereits nachweislich Geleistetes als für die Leistung, die noch kommen wird – eher ein Reward- als ein Award-System", erklärt auch Eicke Latz, Direktor des Instituts für Angeborene Immunität an der Universität Bonn. Die Crowdfunding-Plattform findet er deshalb interessant – und würde sie auch jungen Wissenschaftlern in seinem Umkreis empfehlen.

Latz pendelt als Wissenschaftler zwischen Bonn und der Medical School der University of Massachusetts und kennt sowohl das deutsche als auch das US-amerikanische Fördersystem gut. Auf der anderen Seite des Atlantiks lasse sich unglaublich viel über Spenden bewegen – bis hin zum millionenschweren Neubau für ein Institut, berichtet der Immunologe.

Experimenteller Ansatz

Wer in Deutschland durchs staatliche Förderraster fällt, dem bleiben dagegen bislang wenig Alternativen, es sei denn, man klopft bei der Industrie als Forschungsförderer an. Doch viele Forscher fürchten dabei um ihre Unabhängigkeit. Für sie tut sich seit einem Jahr eine weitere Möglichkeit mit der neuen Förderinitiative "Experiment!" der Volkswagenstiftung auf. Die Stiftung will damit ausdrücklich die Erkundung ungewöhnlicher, noch unerprobter Forschungsideen unterstützen: Jährlich erhalten bis zu 15 Wissenschaftler aus den Natur-, Ingenieur- und Lebenswissenschaften eine 18-monatige Förderung von bis zu 100 000 Euro. Anders als beim Crowdfunding müssen die Bewerber ihre Projektskizzen jedoch einer wissenschaftlichen Jury vorlegen, deren Votum über eine Förderung entscheidet. Bewerben kann sich jeder Wissenschaftler, vom Doktoranden bis zum Professor. Über 700 hatten in der ersten Förderrunde ihr Glück versucht.

Eine Besonderheit ist die kurze Zeitspanne von drei Monaten zwischen Antragstellung und dem Bescheid. Der Normalfall im deutschen Fördersystem sieht anders aus: "Oft zieht sich die Prozedur bis zu einem Jahr lang hin", sagt Eicke Latz, der die Volkswagenstiftung vor dem Start der neuen Initiative als Experte beraten hat. Vor allem in den schnelllebigen Natur- und Lebenswissenschaften gehen damit Wettbewerbsvorteile verloren.

"Wir fördern nicht Personen, sondern Ideen."(Ulrike Bischler)

Das wichtigste Kriterium für die "Experiment!"-Förderung ist die kurze Projektskizze. Nicht länger als drei Seiten soll der Antrag sein und keine langen Publikationslisten enthalten. "Er muss das Innovative und Visionäre des Forschungsansatzes überzeugend auf den Punkt bringen", sagt Ulrike Bischler, eine der "Experiment!"-Koordinatoren. "Wir fördern nicht Personen, sondern Ideen". Die Begutachtung erfolge anonym. So solle sichergestellt werden, dass der Fokus der Jury auf der Bewertung der Idee liege und nicht darauf geschaut werde, ob jemand sich bereits seine Meriten in der Wissenschaftsszene verdient habe.

Irrtum mit einkalkuliert

Und wenn eine Idee sich als Irrtum entpuppt? "Die Wissenschaftler lernen aus ihren Fehlern – auch darum geht es ja in unserer Initiative", sagt Ulrike Bischler. "Denn auch gescheiterte Versuche bringen vielleicht neue, wichtige Erkenntnisse."

Auch der Mediziner Christian Herzmann könnte grandios scheitern, sollte er mit seinen Kollegen im Forschungslabor eine falsche Fährte verfolgen: Der Tuberkuloseexperte gehört zu den ersten "Experiment!"-Geförderten und arbeitet am Forschungszentrum Borstel in der Nähe von Lübeck an einem neuartigen Nachweisverfahren für Lungentuberkulose. Seine Idee: Warum dafür nicht einen Kaugummi entwickeln, an dem sich die Bakterien nachweisen lassen, nachdem der Proband eine Weile gekaut hat? Die Idee klingt so verrückt wie bestechend. Sie hat einen ernsten Hintergrund: "Die Lungentuberkulose belegt in der Statistik der tödlichen Krankheiten noch immer einen Spitzenplatz", sagt Herzmann. Der Kaugummi könnte in Entwicklungsländern, etwa in Afrika, zum Einsatz kommen, wo schlechte Infrastrukturen aufwändige Verfahren für den Nachweis einer Infektion oft unmöglich machen. "Die Chancen meines Teams auf konventionelle Förderung wären gleich Null gewesen", sagt Herzmann, der sein Projekt nun seit ein paar Monaten mit Optimismus vorantreibt.

Forschungsideen mit Potenzial voranzubringen und das Risiko des Scheiterns dabei von vorn herein einzukalkulieren – in Deutschland ist dies ein ungewohnter Gedanke. "In der US-amerikanischen Wissenschaftskultur beispielsweise gilt das Scheitern nicht als Schande", sagt Latz. "Dort zählt, dass man etwas Neues, Innovatives gewagt hat."

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