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Künstliches Leben: Meinung: Allmacht nicht in Sicht

Künstliches Genom, künstliches Leben? Wer so denkt, hat die Rechnung buchstäblich ohne den Wirt gemacht, findet Lars Fischer.
Neuron und GliazelleLaden...

Kaum jemand hat so ein gutes Gespür für wahrhaft mythische Bilder wie der Molekularbiologe J. Craig Venter, der jüngst mit seinem "künstliches Lebewesen" Schlagzeilen machte – einer Mikrobe namens Synthia 3.0, erschaffen in dem nach dem Meister persönlich benannten Institut. Man hat quasi schon das Bild vor Augen, wie der bis hin zum Rauschebart nachgerade gottgleiche Wissenschaftler allmächtig über seiner Schöpfung...

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Lars Fischer | Lars Fischer ist Wissenschaftsjournalist und Redakteur bei "Spektrum.de".

Manchmal ist die Wissenschaft ein Scheinriese: Je näher man herankommt, desto schneller schrumpft sie auf Normalmaß. Venters Team hat bei weitem kein neues Wesen erschaffen, sondern nur ein so genanntes Minimalgenom – ein natürliches Erbgut, technisch auf den geringstmöglichen Satz an Genen reduziert. Trotzdem besteht es noch aus Einzelteilen, die Venter von einem Organismus geborgt hat und deren Funktion er und sein Team oft noch nicht einmal verstehen.

Die Zelle wiederum ist in dieser Nahsicht nicht mehr die austauschbare Hülle für unsere Genprogramme, sondern mit ihren Membranen, Filamenten, Kinasen, Botenstoffen wieder jene chemische Maschine, deren einschüchternde Komplexität alle menschliche Technik bei Weitem in den Schatten stellt. Und noch mehr: Ohne die Zelle wäre das künstliche Erbgut nicht mehr als ein Schmier kohlenstoffhaltigen Materials. Sie ist es, die Venters Schöpfung Leben einhaucht, nicht umgekehrt.

Trotz aller Forschung wissen wir noch nicht besonders viel darüber, wie die Zelle und damit das Leben selbst funktioniert. Sie wirft Schlaglichter auf einzelne Komponenten und Signalwege, die bestimmte Funktionen erfüllen, doch zwischen diesen Inseln des Wissens klaffen große Lücken. Selbst in der DNA, die wir ja nun zu kennen glauben, kommen immer wieder völlig unerwartete Phänomene zum Vorschein. Die Lebenswissenschaften sind oft noch ein Vorantasten ins Dunkel: Das große Ganze ist bis heute nicht einmal im Ansatz überschaubar.

Venter hat sich aber nun, darin liegt die Bedeutung seiner Forschung, ein kleines Ganzes geschaffen. So klein, dass man es mit geduldiger Arbeit vielleicht eines Tages vollständig verstehen wird – und damit dann auch die große Maschine Leben ein wenig besser. Bisher allerdings zeigt Synthia 3.0 vor allem, dass die wissenschaftliche Entschlüsselung des Lebens derzeit weniger schöpferische Allmacht zu bieten hat als vielmehr eine Art Pilgerfahrt ins Ungewisse.

15/2016

Dieser Artikel ist enthalten in Spektrum - Die Woche, 15/2016

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