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Mekong: Der wertvollste Fluss der Welt

Lässt sich Natur in Geld aufwiegen? Ja, mit guten Methoden. Im Fall von Flüssen sind die Berechnungen zwar besonders knifflig, aber sie zeigen: Die Gewässer sind unbezahlbar.
Luftaufnahme eines weitläufigen Flussdeltas mit zahlreichen kleinen Inseln, die von üppigem Grün bedeckt sind. Das Wasser des Flusses ist blaugrün und fließt ruhig zwischen den Inseln hindurch. Der Horizont zeigt eine dichte Baumlinie unter einem klaren blauen Himmel.
Der Mekong, der längste Fluss in Südostasien, wandelt sich permanent. Seine Sandbänke ändern laufend ihre Lage wie hier im Norden Kambodschas.

Dort, wo sich der Mekong in zahllosen Wasserläufen durch den Norden Kambodschas bahnt, schlüpfen jährlich bis zu 200 Milliarden Fischlarven und ermöglichen die größte Binnenfischerei der Welt. Zugleich bilden die tiefsten Stellen des Flusses den Lebensraum für einige der weltweit größten Süßwasserfische. Man könnte meinen, im Mekong schwämmen bloß Fische im Überfluss. Doch der Strom birgt weit mehr Schätze.

Der Flussabschnitt in Nordkambodscha ist ein im Rahmen der Ramsar-Konvention geschütztes Feuchtgebiet. Zudem steht er auf der Vorschlagsliste der UNESCO-Welterbestätten und beherbergt die letzten lebenden Mekong-Delfine. Wandernde Sandbänke schaffen hier ständig neue Lebensräume, überschwemmte Wälder speichern Kohlenstoff und die Sedimente düngen die Felder flussabwärts. Der Mekong formt nicht nur die Landschaft, sondern auch die Kultur und die Weltsicht der Menschen, er stiftet Sinn, liefert Nahrung und Wasser. Ökologen sprechen bei diesen Funktionen von Ökosystemleistungen. Und Ökonomen wiederum versuchen, diese Leistungen in Geldwerte zu übertragen.

Im Fall von Flüssen bereitet diese Bewertung einige Schwierigkeiten, weshalb Experten bisher im Vergleich zu Wäldern und Ozeanen selten deren Naturkapital beziffert haben. Meist werden Flüsse einfach als Wasserwege oder als Quelle für Wasserkraft abgehandelt, obwohl sie in Wirklichkeit ein gigantisches »Kapital« bieten und auf vielschichtige Weise eine Lebensgrundlage für die Flussanrainer bilden.

Die Bedingungen für eine Berechnung sind demnach komplex. Noch dazu ist die Datenlage spärlich und man stößt auf methodische Schwierigkeiten. Aus diesen Gründen ist der tatsächliche Geldwert des Mekong bislang unbekannt.

Dabei steht viel auf dem Spiel. Auf einer Länge von mehr als 4000 Kilometern durchfließt der Mekong sechs Länder und ist das Habitat von mehr als Tausend Fischarten. In seinem unteren Einzugsgebiet leben gut 60 Millionen Menschen, von denen viele direkt vom Fluss abhängig sind – sie fischen, betreiben Landwirtschaft oder bestreiten anderweitig ihren Lebensunterhalt am und durch den Fluss. Auf der Welt gibt es nur wenige Orte, an denen so viele Menschen so sehr von einem Wasserweg profitieren wie am Mekong. Allerdings steht diese Lebensgrundlage permanent unter Druck – durch Überfischung, die Errichtung von Dämmen, das Abbaggern von Sand, durch Verschmutzung, Abholzung und die Folgen des Klimawandels.

Fischen in Kambodscha | Fischer fahren mit ihren Booten unweit von Phnom Penh auf den Mekong hinaus.

Den wahren Wert des Mekong zu bemessen, ist daher keine akademische Fingerübung, sondern notwendig, um die Ökosystemleistungen des Flusses weiterhin zu erhalten und die von ihm abhängigen Menschen zu schützen.

Was zählt als Naturkapital?

Als Forscher befassen wir uns seit einiger Zeit mit dem Mekong – allerdings nicht als Ökonomen, die auf die Bewertung von Naturkapital spezialisiert sind. Vielmehr taxieren wir den Wert des Mekong auf unseren jeweiligen Fachgebieten. Das sind Wasserwirtschaft, Ökologie und Journalismus. Aus diesen Blickwinkeln heraus sehen wir einen Fluss, der noch mehr Leistungsbereiche abdeckt als bisher angenommen, weit über Aspekte wie Nahrung, Wasser und Hochwasserschutz hinaus. Und selbst die bekannten Ökosystemleistungen dürften in Wahrheit einen höheren Wert haben als gedacht. Schwierig zu quantifizieren sind kulturelle und religiöse Bereiche. Dafür legen sie das ganze Dilemma der Naturkapitalbewertung offen: Was soll einberechnet werden, und was wird meist ausgeklammert? Können Werte wie Klimaresilienz, Identität oder Sinnhaftigkeit gleichwertig zu Fisch oder Reis erfasst werden, um den vollen Wert des Mekong zu erfassen?

Vermutlich ist es unmöglich, je für einen Fluss einen einzigen gültigen »Preis« zu berechnen. Aber der Wert lässt sich stückeln. Und das kann helfen, die Weichen für die Zukunft richtig zu stellen.

Es gibt verschiedene Ansätze, den Wert des Naturkapitals zu ermitteln. So lassen sich die Kosten ansetzen, die für den Ersatz einer Leistung aufgebracht werden müssten: zum Beispiel, wenn ein Fischbestand zusammenbricht und der Verlust an Protein durch Importe abgefangen werden muss. Oder wenn es nötig wird, die Ufer, die ehemals durch Sedimente und Mangroven auf natürliche Weise geschützt waren, durch Deiche zu stabilisieren. Ein weiterer Weg der Berechnung ist die Marktpreisermittlung: Man setzt für die verlorenen Dienste die bestehenden Preise für Güter wie Fisch oder Wasser (zur Bewässerung) an. Außerdem lassen sich Szenarien modellieren: Wie wirken sich Veränderungen auf den Wasserlauf, auf Fischbestände oder landwirtschaftliche Betriebe aus? Klar ist: Um den wahren Wert des Mekong zu bemessen, ist eine Mischung aus verschiedenen Methoden unerlässlich.

Rechnen per Abzinsung

Um die sozioökonomischen Effekte abzuschätzen, die durch Eingriffe ins Flusssystem entstehen, ermitteln Wirtschaftsexperten auch den sogenannten Nettobarwert. Vereinfacht gesagt gibt diese Kennzahl alle in Zukunft zu erwartenden Einnahmen wieder – ausgedrückt in heutigen Geldwerten. Um den Barwert zu ermitteln, nutzt man den Rechenweg der Abzinsung. Man stellt also fest, wie viel ein derzeitiges Naturkapital nach einem bestimmten Zeitraum noch wert sein wird. Die Abzinsung beruht auf der Annahme, dass Einnahmen, die in der Zukunft entstehen, weniger wert sein werden, als würde man sie heute generieren. Setzt man nun die Abzinsungsrate hoch an, fällt der Wert zukünftiger Ökosystemleistungen viel geringer aus, als wenn man die natürlichen Ressourcen heute ausbeuten, damit aber zukünftige Ökosystemleistungen zerstören würde. Somit werden ökologische Leistungen langfristig unter Wert bemessen.

Fischladung | Am See Tonle Sap hieven Fischer ihre Fänge aus dem Wasser. Die kleinen Siamesischen Schlammkarpfen (Henicorhynchus siamensis) sind in den Mekong-Ländern von hoher wirtschaftlicher Bedeutung.

Eine andere Sichtweise ergibt sich aus indigenen Traditionen und westlichen Nachhaltigkeitskonzepten, die den Fokus auf die Zukunft legen: Jede Entscheidung, die heute über natürliche Ressourcen getroffen wird, sollte auch künftigen Generationen weiterhin Profite garantieren und nicht nur kurzfristig Erträge erwirtschaften.

Die bisherigen Bewertungen des Mekong beschränken sich meist auf bestimmte Orte oder den direkten Nutzen einiger weniger Dienstleistungen. So sind für die Fischerei sehr viel mehr Daten verfügbar als für andere Bereiche, weil Fisch für die Länder der Region eine enorm große Rolle spielt. Die zwischenstaatliche Organisation Mekong River Commission (MRC) schätzt, dass im Gebiet des unteren Mekong jedes Jahr mehr als zwei Millionen Tonnen Wildfang im Wert von etwa zehn Milliarden US-Dollar ins Netz gehen. Zum Vergleich: Die Erträge der Binnenfischerei in ganz Nordamerika betragen rund ein Zehntel davon, in Europa etwa ein Zwanzigstel.

55 Milliarden US-Dollar Verlust

Bereits im Jahr 2013 hat der World Wildlife Fund (WWF) in einer Studie ermittelt, dass durch menschliche Eingriffe am Mekong im Lauf von 25 Jahren Ökosystemleistungen im Wert von bis zu 55 Milliarden US-Dollar zerstört würden. Einen Großteil davon verursachen Staudämme. Gemeinsam mit Kollegen arbeiten wir weiterhin daran, die hohen Umweltkosten von Dämmen zu berechnen. Das bisherige Ergebnis lautet: Der Verlust von Ökosystemleistungen, der mit vielen Wasserkraftprojekten verbunden ist, übersteigt gemessen in Geldwerten oft die anvisierten Profite aus der Stromerzeugung. Eine weitere Berechnung hat gezeigt, dass sich der von der MRC veranschlagte Ertrag von 33,4 Milliarden US-Dollar aus Wasserkraftprojekten für das untere Einzugsgebiet des Mekong tatsächlich auf keinen Gewinn, sondern auf einen Verlust von 7,3 Milliarden belaufen wird.

Viele Studien konzentrieren sich auf das Risikokalkül hinter den Staudammprojekten. Seit China in den 1990er-Jahren mit dem Bau von Staudämmen am oberen Mekong begonnen hat, entstanden im unteren Einzugsgebiet ebenfalls zahlreiche Wasserkraftwerke, vor allem in Laos, das sich selbst als »Batterie Südostasiens« bezeichnet. Das Land hat zunächst die Nebenflüsse, später aber auch den Hauptarm mit Dämmen zugepflastert. Heute sind auf das gesamte Flusssystem bezogen mehr als 100 große Wasserkraftwerke sowie Hunderte kleinerer Dämme verschiedener Funktion verteilt.

Die Bauten blockieren Fischwanderwege und verändern jahreszeitlich bedingte Hochwasserereignisse, die zum Beispiel für die Fortpflanzung von Fischen essenziell sind. Zwischen 2003 und 2019 sind die Populationen von mehr als 100 Fischarten im kambodschanischen See Tonle Sap, der über einen Nebenarm mit dem Mekong verbunden ist und oft als Herz des Flusssystems bezeichnet wird, um fast 90 Prozent zurückgegangen. Die Folge: Die Einnahmen aus der Fischerei sind um ein Drittel eingebrochen. Einige Modellrechnungen legen nahe, dass die Fischpopulationen in Kambodscha und Vietnam durch Staudämme im Hauptstrom um 60 bis 90 Prozent sinken könnten. Das Gebiet, in dem Fischer und Landwirte einst verlässlich wirtschaften konnten, schrumpft – da die Wasser- und Sedimentströme, die dem Mekong einst ungehindert Leben einhauchten, umgeleitet und reduziert werden.

Sand, Kies und Schlick sind bares Geld

Was wenige wissen: Eine bedeutende Ökosystemleistung des Mekong ist der Transport von Sedimenten. Der Strom fließt vom Hochland von Tibet bis zum Südchinesischen Meer und befördert auf diesem Weg Sand, Kies und Schlick flussabwärts. Aus den Sedimenten formen sich Flussufer und – weil sie Nährstoffe enthalten – auch fruchtbare Überschwemmungsgebiete, die für die Landwirtschaft und die Nahrungsmittelproduktion unerlässlich sind. Sobald dieses Material die Meeresküste erreicht, bildet es das Mekong-Delta, eine Landschaft von der Größe der Niederlande, in der 17 Millionen Menschen leben und die eine der produktivsten Landwirtschaftsregionen der Welt darstellt. Diese Landschaft befindet sich allerdings weniger als zwei Meter über dem Meeresspiegel. Ohne eine kontinuierliche Zufuhr von Sedimenten könnte ein Großteil davon bis zum Ende des Jahrhunderts vom steigenden Meer geschluckt werden.

Sicher ist: Der Sedimentvorrat schwindet bereits. Unsere Modell- und Feldstudien zeigen, dass weniger als 50 Millionen Tonnen Sediment pro Jahr das Delta erreichen – zuvor waren es etwa 160 Millionen Tonnen. Der massive Schwund ist vor allem auf intensiven Sandabbau und flussaufwärts gelegene Dämme zurückzuführen, deren Stauseen Sedimente zurückhalten.

Die Situation birgt zusätzlichen Zündstoff. Zugunsten der Wasserkraft, mit der eigentlich schädliche Emissionen aus fossiler Energiegewinnung ausgeglichen werden sollen, verliert man die natürliche Uferbildung. Dieser Verlust führt zu Bodensenkungen, lässt die Ufer erodieren und nimmt den Menschen ihre Lebensgrundlage, vom Reisanbau bis zur Fischzucht. Zwar könnten Deiche als Uferschutz einige dieser Leistungen ersetzen, dennoch wären die Wasserbauten mit milliardenschweren Bau- und Unterhaltskosten verbunden. In Naturkapitalberechnungen und den Entwicklungsplänen für den Mekong tauchen solche Posten allerdings selten systematisch auf. Das zeigt, wie wenig der wahre Wert der Sedimente berücksichtigt wird.

Umweltverträglichkeit: Zweitrangig

Wie bei vielen anderen Flusssystemen auch ist am Mekong die Nutzung durch den Menschen mit Kompromissen verbunden. Die Wasserkraft schafft Arbeitsplätze, sorgt für Einnahmen sowie Energiesicherheit und vermeidet den Ausstoß von Treibhausgasen, aber sie raubt der Fischerei und der Landwirtschaft die Grundlage. Sie zerstört somit Naturkapital und mindert Ökosystemleistungen. Im Idealfall würde der Ausbau der Wasserkraft auf einer strategischen Analyse beruhen, die das gesamte Einzugsgebiet berücksichtigt und darauf abzielt, den Nutzen zu maximieren und Schäden zu minimieren. Staudämme werden jedoch meist aus rein wirtschaftlichen Überlegungen heraus gebaut. Studien zur Umweltverträglichkeit entstehen häufig erst dann, wenn die Entscheidung, einen Damm zu bauen, bereits gefallen ist. Die Umweltfolgeabschätzungen beruhen zudem oft auf lückenhaften Daten. Und fast nie erwägen die Entscheidungsträger, ob ein anderer Standort oder eine andere Form von erneuerbarer Energie den gleichen Nutzen bei geringeren Umweltauswirkungen bringen könnte.

Mekong-Delta | Im Süden Vietnams mündet der Mekong ins Meer. Wie das Satellitenfoto zeigt, spült der Fluss Sedimente an und generiert so fruchtbare Ackerflächen. Millionen Menschen sind deshalb vom Fluss abhängig.

Doch genau das ist möglich, wie unsere Studien zeigen. Möchte man aus der Wasserkraft das meiste herausholen und sie optimal nutzen – also den Energiegewinn mit dem Verlust an natürlichem Kapital ausgleichen – , dann entstehen deutlich weniger Umweltschäden bei gleichzeitiger Deckung des Energiebedarfs, wenn Projekte in bereits geschädigten Gebieten angesiedelt werden. Oder bestehende Dämme mit Solar- und Windenergie kombiniert würden.

Einige Staudämme an Nebenflüssen in Laos haben die prognostizierten Erträge eingefahren, während Projekte am Hauptarm oft hohe Kosten verursachten und nur geringe Gewinne produzierten. Besser wäre es auch, wenn vornehmlich kleine Talsperren weiter flussaufwärts platziert würden. Dort könnten sie circa 70 Prozent der Wasserkraft in Energie umsetzen, würden aber gleichzeitig lediglich 20 Prozent aller Sedimente zurückhalten, die der Mekong auf seinem Weg ins Südchinesische Meer mitnimmt. Dennoch entstehen immer noch Staudämme an ungeeigneten Stellen, wie in der Nähe von Luang Prabang. Die Stadt gilt als Tourismusmagnet und als kulturelles Herz von Laos.

Wie viel kostet das Heimatgefühl?

Denn Staudämme verändern auch Ökosystemleistungen, die sich schwer beziffern lassen. Wer an einer Bootstour auf dem Mekong in Laos teilnimmt, kann diese immateriellen Werte sehen. Das Boot fährt an bewaldeten Hügeln, nebelverhangenen Bergen und beschaulichen Dörfern vorbei, während Fischer aus langen Holzbooten ihre Netze auswerfen. Es ist eine bedächtige Fahrt. Dann, 14 Kilometer vor Pak Beng, fährt das Boot am geplanten Standort eines umstrittenen Wasserkraftprojekts vorbei, das von China finanziert wird. Noch ist das Gebiet unberührt.

Doch sollte der gigantische 912-Megawatt-Staudamm gebaut werden, müsste dafür ein Gebiet in der Größe von Paris überflutet werden. Das würde »gravierende soziale und ökologische Schäden« verursachen, so die Einschätzung der NGO International Rivers. Zahlreiche Menschen müssten umgesiedelt werden, die Fischerei flussabwärts wäre stark beeinträchtigt.

Die Bootstour führt in die Stadt Pak Beng, wo viele der Reisenden abends das familiengeführte Restaurant Sabaidee besuchen. Die Speisekarte bietet traditionelle laotische Gerichte und lädt die Gäste ein, Nachrichten in Dutzenden Sprachen zu hinterlassen. Der Besitzer und ehemalige Mönch, Sivilai Lay, befürchtet, dass der Damm das Ende des Bootstourismus einläutet und stattdessen mehr chinesische Besucher kommen. Müsste er dann seine Speisekarte ändern und chinesische Küche servieren? Vielleicht, sagt Lay resigniert. Für ihn und sein Geschäft mag die Anpassung sinnvoll sein, aber sie geht auch auf Kosten von Werten, die schwer zu beziffern sind: Heimatgefühl, Tradition und kulturelle Identität.

Farbschauspiel | Bei Phnom Penh treffen der Fluss aus dem Tonle Sap und der Mekong aufeinander. Allerdings kehrt sich die Fließrichtung je nach Jahreszeit um: In der Regenzeit fließt der Mekong Richtung See, in der Trockenzeit hingegen führt der See Wasser zum Mekong ab.

Die Ökosystemleistungen sind miteinander verwoben

Fischerei, Landwirtschaft und Sedimenttransport sind unbestritten wichtig, doch der Mekong bietet noch mehr Ökosystemleistungen. Seine wesentliche Rolle für die Nahrungs- und Wasserversorgung, den Hochwasserschutz oder als Transportweg ist noch einigermaßen offenkundig, aber Flüsse leisten auch weniger Augenscheinliches: Sie treiben den Nährstoffkreislauf an und speichern Kohlenstoff. Viele dieser Ökosystemleistungen werden unterschätzt – nicht, weil sie weniger wert sind, sondern weil sie schwieriger zu erfassen sind. Fakt ist allerdings: Der Mekong funktioniert wie ein dicht gewobener Teppich aus natürlichen Prozessen. Zieht man an einem Faden, löst sich das gesamte Gewebe auf.

Einen solchen Faden bildet die biologische Vielfalt. Der Oberlauf des Unteren Mekong im Norden Kambodschas beherbergt weltweit einzigartige Süßwasserarten, darunter den vom Aussterben bedrohten Mekong-Riesenwels(Pangasianodon gigas) und die Riesenbarbe (Catlocarpio siamensis). Forschende schreiben diesen seltenen Arten einen erheblichen Existenzwert zu – also den Wert, der allein darin liegt, zu wissen, dass sie in freier Wildbahn existieren, selbst wenn man sie kaum sichtet oder wirtschaftlich nutzt. Dieser Wert, der den Marktpreis als Lebensmittel weit übersteigt, dürfte in den buddhistisch geprägten Ländern des unteren Mekong besonders hoch sein. Die Menschen dort pflegen eine tiefe kulturelle und spirituelle Bindung zu ihrem Fluss. Vielerorts finden sich Darstellungen riesiger Fische, etwa in den historischen Tempelstädten von Angkor am Tonle Sap.

Sterben die Arten aus, gehen diese Werte unwiederbringlich verloren. Wenn man solche nicht marktwirtschaftlichen Leistungen vollständig berücksichtigen würde, läge der Gesamtwert des Mekong viel höher. Die Frage ist aber: Hätte der Betrag tatsächlich Einfluss auf Entscheidungen über die Zukunft des Flusses?

Auf Bootstour | Bei Luang Prabang in Laos lockt der Mekong zahlreiche Touristen, die mit Booten über den Fluss tuckern.

Selbst das Konzept vom Naturkapital hat Befürworter und Kritiker. Die einen sagen, es helfe dem Naturschutz, weil man sich der Sprache der politischen und wirtschaftlichen Entscheidungsträger bedient. Die anderen sagen, die Natur sei um ihrer selbst willen wertvoll und es sei moralisch falsch, diese auf einen reinen Geldbetrag zu reduzieren. Diese ethische Frage ist absolut berechtigt; abgesehen davon hat sich aber gezeigt, dass häufig überhaupt nicht über den Wert von Flüssen gesprochen wird, wenn es um Infrastrukturprojekte geht.

Ein Preisschild für die Fischerei

Richtig durchgeführt, erweist sich eine Bewertung jedoch als äußerst wirksam, um Flüsse nachhaltig zu erschließen. In Kambodscha hat sehr wahrscheinlich die genaue Wertangabe für die Fischerei dazu geführt, dass die Pläne für zwei Mekong-Dämme verworfen wurden. Außerdem hilft die Bewertung, die Ausweisung von Schutzgebieten besser zu begründen, Wirtschafts- und Schutzzonen festzulegen und Geldgeber davon zu überzeugen, den Naturschutz zu fördern. Allerdings werden solche Gelegenheiten oft verpasst. Der Sedimentschwund im Delta wurde bisher nicht beziffert, ebenso wenig spielen die finanziellen Folgen eine Rolle, wenn der Flutpuls – die jährliche Hoch- und Niedrigwasserphase – nachlässt. Obwohl diese Ökosystemdienstleistungen relativ einfach zu bewerten wären und das Ergebnis zu besseren Entscheidungen führen könnte.

In der Realität muss die Wirtschaftslogik häufig anderen Interessen weichen. Am Mekong, wie in vielen anderen Teilen der Welt auch, nutzen Unternehmer und Politiker häufig Gesetzeslücken, um ihre eigenen Interessen durchzusetzen. In Laos profitieren thailändische Banken von großen Krediten, die sich im Fall der Xayaburi-Talsperre auf 80 Milliarden Baht (umgerechnet ungefähr 2,18 Milliarden Euro) belaufen. Die Banken verdienen an den Zinsen und profitieren somit von regionalen Infrastrukturprojekten. Als Investoren genießen sie eine garantierte Rendite, weil sie Verträge mit dem staatlichen thailändischen Versorgungsunternehmen EGAT geschlossen haben, das sich langfristig verpflichtet hat, 95 Prozent der Stromproduktion in Xayaburi abzunehmen. Doch diese Logik ist absurd, da Thailand bereits Stromüberschüsse produziert und das Projekt somit mehr profit- als bedarfsgesteuert ist.

Dieselbe Dynamik treibt auch andere Rohstoffindustrien an. So setzt sich am Mekong unvermindert der Sandabbau fort, obwohl erdrückende Beweise vorliegen, dass die langfristigen Verluste – Erosion der Ufer, verlorene Habitate und Landabsenkung – die kurzfristigen Gewinne bei Weitem übersteigen. Auch hier ist die Rechnung oft auf den Profit von Unternehmen und einzelnen Personen zugeschnitten, nicht auf das Wohl der Gemeinden oder den Erhalt des Flusssystems. Dieser Umstand ist über Ländergrenzen hinweg relevant, denn das gesamte Mekong-Delta liegt in Vietnam. Das Land selbst betreibt allerdings nur wenige Staudämme, die somit auch kaum Sediment zurückhalten.

Der weltweit größte Süßwasserfisch

Es braucht genaue und verlässliche Daten, um den Wert des Mekong zu ermitteln – die sind jedoch nicht immer leicht zu bekommen. Die Regierungen verfügen zwar über gute Zahlen zum Tourismus und die MRC erhebt einige hydrologische Daten, aber viele Ökosystemleistungen sind nach wie vor schlecht oder gar nicht untersucht. Zwar gibt es Daten zur Fischerei, allerdings sind diese häufig lückenhaft, weil Fänge aus der Kleinfischerei zur Selbstversorgung meist nicht gemeldet werden.

Die Lehre daraus ist: Zahlen allein bilden bloß eine Seite der Medaille ab. Das Naturkapital zu beziffern ist nicht nur eine technische Frage, sondern auch eine Frage des Narrativs. Denn eine gute Geschichte kann der Öffentlichkeit und den politischen Entscheidungsträgern den Wert bildhaft vor Augen führen; sie schärft die Wahrnehmung, stärkt das Selbstbewusstsein der Menschen und verleiht einer Sache Gewicht. Und manchmal kann eine einzige Geschichte große Wellen schlagen: Als wir 2022 dokumentierten, wie in Kambodscha ein fast 300 Kilogramm schwerer Riesensüßwasserstechrochen (Urogymnus polylepis) gefangen wurde – der bisher größte Süßwasserfisch weltweit – , verbreitete sich die Nachricht um den gesamten Globus. Kambodschanische Amtsträger strotzten vor Stolz. Fotos des Fisches hängen noch heute in den Fluren der höchsten Regierungsstellen.

Riesenrochen | Im Juni 2022 stießen Fischer auf einen Riesensüßwasserstechrochen im Mekong in Kambodscha. Das Tier wog rund 300 Kilogramm.

Dieser eine Rochen, der wieder in die Freiheit entlassen wurde, hat die Bemühungen befeuert, den Abschnitt des Mekong in Kambodscha zum UNESCO-Welterbe erklären zu lassen. Außerdem wurde die Region vor Kurzem von der International Union for Conservation of Nature als wichtiges Hai- und Rochengebiet (»Important Shark and Ray Area«) anerkannt. Diese Fischart sorgt nicht für überragende monetäre Einnahmen, aber ihre Geschichte entwickelte politische und kulturelle Durchschlagskraft.

Ein Fluss, der Leben garantiert

Das wirft weitere Fragen auf. Wie sortieren wir diese verschiedenen Wertekategorien? Sollten nützliche Dienstleistungen wie Fischfang, Landwirtschaft und Transport anders gewichtet werden als »nicht nützliche« wie Schönheit, Kulturerbe und Heimatgefühl? Die Anrainer betrachten den Mekong meist unter rein praktischen Gesichtspunkten; sie sprechen selten von einem »wilden« oder »landschaftlich reizvollen« Fluss, wie es Menschen aus dem Westen tun. Doch das bedeutet nicht, dass es ihnen an Emotionalität mangelt. Wenn überhaupt, steigt die Bedeutung des Flusses, weil er das tägliche Leben garantiert. Sollten wir den Wert des Mekong also daran messen, dass es ohne ihn kein Leben gäbe?

Was ist mit den Werten, die über die menschliche Nutzung hinausgehen? Was ist der Fluss für die Tier- oder Pflanzenarten wert, die von ihm abhängen? Diese Fragen können nicht nur Ökonomen beantworten; sie zwingen uns, über die üblichen Bedingungen zur Bewertung von Naturkapital hinauszudenken und den Wert umfassender zu denken.

Werden wir so jemals eine wissenschaftlich begründete Zahl für den Gesamtwert des Mekong berechnen können? Und wenn ja, was wird sie enthalten? Führt sie zu besseren Entscheidungen? Die Antwort liegt wohl jenseits der nackten Zahlen: in den Narrativen, die um das Naturkapital und die Ökosystemdienstleistungen gebildet werden.

Eines ist jedoch sicher: Der wertvollste Fluss der Welt ist mehr wert als das, was wir bisher berechnen konnten.

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  • Quellen

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Intralawan, A. et al., Ecosystem Services 10.1016/j.ecoser.2018.01.007, 2018

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