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Paläoanthropologie: Menschliche Schmuckkultur lange vor der Besiedlung Europas

Zwei Handvoll <i>Nassarius gibbosulus</i>
Homo sapiens war schon lange Kulturmensch, bevor er erstmals den Fuß auf den Boden Europas setzte. Dies schließen Forscher aus wohl mindestens 100 000 Jahre alten, zu Schmuckstücken verarbeiteten Schneckengehäusen aus Israel und Nordafrika. Der anthropogene marine Kettenschmuck ist damit etwa 25 000 Jahre älter als zuvor in Südafrika ausgegrabene ähnliche Exemplare, die bislang als ältester derartiger Nachweis galten.

Nassarius-gibbosulus-Schmuck aus der Skhul-Höhle | Diese perforierten Nassarius-gibbosulus-Exemplare schmückten schon vor mehr als 100 000 Jahren im levantischen Moustérien einen unserer Ahnen. Forscher fanden sie schon 1930 in der Skhul-Höhle in Israel (Maßstabb: 1 Zentimeter).
Die Wissenschaftler um Marian Vanhaeren vom University College London hatten in alten Museumsbeständen nach Schneckenfunden geforstet, die als Beifunde frühmenschlicher Überreste katalogisiert worden waren. Sie entdeckten dabei zwei vor Jahrzehnten im israelischen Es-Skhul sowie eine im algerischen Oued-Djebbana ausgegrabene, perforierte Schalen der Schneckenspezies Nassarius gibbosulus, die nach Analyse der Wissenschaftler Frühmenschen als Schmuckstücke gedient hatten.

Das Alter der 1930 in Skhul gefunden Schalen glauben die Forscher nachträglich genau datieren zu können, indem sie eine anhaftende Bodenprobe mit denen der genau untersuchten Schichten des Fundortes verglichen. Die Schneckenschale ist demzufolge einer Schicht zuzurechnen, in der auch zehn anatomisch moderne Homo-sapiens-Skelette aus dem levantischen Moustérien begraben waren. Sie hatten nach neueren Elektronenspinresonanz-Untersuchungen eines Mahlzahns vor 100 000 bis 135 000 Jahren gelebt.

Schnecken-Schmuck aus Oued Djebbana | Die Schneckenschmuckstücke aus dem algerischen Fundort Oued Djebbana sind nicht exakt zu datieren – vielleicht aber auch knapp 100 000 Jahre alt (Maßstab: 1 Zentimeter).
Auch die in Algerien gefundene Schneckenschale könnte ähnlich alt sein, spekulieren die Forscher. Sie wurde bei Relikten der nordafrikanischen Aterian-Kultur gefunden, die einige Wissenschaftler bis in eine Zeit vor 90 000 Jahren zurückverlegen. Der Fundort selbst ist allerdings bislang nur unzureichend datiert. Hinweise auf ein hohes Alter liefern aber auch die Schneckenspezies selbst, so die Forscher: Die Gehäuse sind deutlich größer, als heutige Nassarius-Exemplare werden. In der letzten Zwischeneiszeit, dem vor rund 115 000 Jahren endenden Riß/Würm-Interglazial, hatte die Spezies aber insgesamt dickere und weitere Schalen ausgebildet, wie sie die Fundexemplare aufweisen.

Unstrittig ist nach Ansicht der Forscher, dass die Schnecken als Schmuck an Ketten getragen wurden. Darauf deuten Gebrauchspuren und die Perforation hin. Zwar könnten in sehr seltenen Fällen ähnliche Abnutzungsspuren und Löcher auch beim Lagern im Boden entstehen, dass aber zwei derartige Exemplare wie in Skhul in einer Höhle nebeneinander zu liegen kommen, sei äußerst unwahrscheinlich. Menschen müssen sie bewusst perforiert oder bereits passend gelochte Exemplare gesammelt haben, so Vanhaeren. Zudem seien die maritimen Schmuckstücke offenbar über weite Strecken transportiert und gehandelt worden: Der Fundort in Algerien etwa lag nie näher als 190 Kilometer von der Küste.

Die Schmuckfunde belegen nach Ansicht der Forscher, dass schon frühe anatomisch moderne Menschen kulturell-kognitiv moderne Entwicklungsstufen erreicht hatten. Offenbar existierte die Idee, Schmuckstücke aus kultischen, symbolischen oder ästhetischen Gründen zu tragen, im nordafrikanisch-levantischen Raum demnach lange bevor die ersten Homo sapiens vor 40 000 Jahren nach Europa vordrangen. Und mit dem Kult ging auch die Fähigkeit einher, sprachlich zu kommunizieren, glauben die Wissenschaftler.

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