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Sexuelle Belästigung: #MeToo im Labor?

Der prominente Kosmologe Lawrence M. Krauss soll Frauen sexuell belästigt haben – ein Vorwurf, der in den letzten Jahren auch andere Koryphäen traf. Braucht die Wissenschaft ihre eigene #MeToo-Debatte?
junge Frau macht ein Stopp-Handzeichen

Der prominente Physiker Lawrence M. Krauss ist von der Arizona State University suspendiert worden, nachdem ein Artikel auf der Website »Buzzfeed« diverse Anschuldigungen von sexueller Belästigung gegen ihn bekannt gemacht hatte. Ist der Fall der Startpunkt einer #MeToo-Bewegung in der Wissenschaft? Zumindest zeigen einige ähnlich gelagerte Fälle ein vergleichbares Muster, was dafür spricht, dass die Machtverhältnisse in der Wissenschaft es ähnlich wie im kulturellen Bereich betroffenen Frauen erschweren, sich öffentlich zu äußern.

Krauss zählt zu den prominentesten Figuren der US-amerikanischen Wissenschaft. Er ist ein angesehener Kosmologe, der mehrere Bestseller geschrieben hat und auch schon in »Spektrum der Wissenschaft« von seinem Forschungsgebiet berichtete. Daneben gilt Krauss als lautstarker Vertreter des Atheismus und tritt öffentlich für mehr Wissenschaftlichkeit ein.

Übergriff im Hotelzimmer?

In dem »Buzzfeed«-Bericht wirft ihm unter anderem Melody Hensley sexuelle Belästigung vor. Die Maskenbildnerin lernte Krauss 2006 auf einer Veranstaltung der Skeptiker-Vereinigung Center for Inquiry (CFI) in Washington D.C. kennen. Hensley war damals ein großer Fan sowohl von Krauss als auch der Skeptiker-Bewegung, weshalb sie laut »Buzzfeed« zunächst die ein oder andere anzügliche Bemerkung des US-Kosmologen ignorierte. Anschließend nahm sie Krauss' Einladung zum Abendessen an. Doch anstatt ins Restaurant zu gehen, habe er sie zunächst in sein Hotelzimmer gebeten, berichtet Hensley.

Lawrence M. Krauss
Lawrence M. Krauss | Der US-Kosmologe ist unter anderem für sein populärwissenschaftliches Engagement bekannt. Im Frühjahr 2018 beteuerten mehrere Frauen, Krauss habe sie sexuell belästigt, was der Physiker dementiert.

Dort habe er sie auf das Bett geschoben und sich auf sie gelegt. Hensley hatte nach eigenem Bekunden Schwierigkeiten, unter Krauss hervorzukommen, schaffte es aber schließlich, als er versuchte, ein Kondom auszupacken, und rannte aus dem Zimmer. Erst viele Jahre später sprach Hensley, die mittlerweile geschäftsführende Direktorin der CFI-Niederlassung in Washington D.C. war, mit Kolleginnen über den Vorfall.

Und dann geschah genau das, was sie damals befürchtete, als sie den Vorfall für sich behalten hatte: In den sozialen Medien und in den Blogs der Skeptiker-Bewegung wurde sie beleidigt, es soll sogar Vergewaltigungs- und Morddrohungen gegen sie gegeben haben – eine Erfahrung, die laut »Buzzfeed« auch andere Frauen gemacht hatten, die sich öffentlich über sexuelle Belästigung in der Bewegung beklagt haben.

Neun Jahre nach dem Vorfall mit Krauss gab Hensley schließlich ihren Posten auf und zog sich zurück. Sie sagt, sie verlasse das Haus kaum noch und vermeide es, online zu sein. Sie könne den Sexismus in der Skeptiker-Bewegung nicht ertragen, vor allem plage sie, dass Frauen nicht geglaubt würde, wenn sie von sexueller Belästigung berichten: »Dabei geschehen solche Dinge ständig.«

Dementi des US-Kosmologen

Krauss hat sich in einer im März 2018 online gestellten Stellungnahme ausführlich zu den Vorwürfen geäußert, die Hensley und andere Frauen gegen ihn erhoben haben. Das Zusammentreffen mit Hensley und alles, was daraufhin geschah, habe einvernehmlich stattgefunden – dazu zähle auch die Entscheidung, es schließlich doch nicht zum Geschlechtsverkehr kommen zu lassen.

Im »Buzzfeed«-Artikel werden noch weitere Fälle genannt, in denen Krauss meist sehr viel jüngere Frauen begrapscht oder ihnen gegenüber anzügliche Bemerkungen gemacht haben soll. Außerdem bestätigen einige Frauen aus seinem Arbeitsumfeld, dass sie sich gegenseitig sowie andere vor Krauss gewarnt hätten. »Buzzfeed« zitiert zudem aus einigen Mails, in denen sich sowohl Betroffene beschweren als auch Kolleginnen und Kollegen diskutieren, ob Krauss auf Veranstaltungen noch tragbar sei.

Fast immer ist öffentlicher Druck nötig, damit Sexismus-Vorwürfe Konsequenzen haben.

In seinem ausführlichen Statement führt Krauss das alles auf Missverständnisse zurück, die durch seine offene und warmherzige Art entstanden sein könnten. Diese Art wiederum sei aber zentral dafür, dass Menschen sich auf Augenhöhe begegnen und dass eine gute Lernatmosphäre entstehe, und dafür sei er als lehrender Professor schließlich verantwortlich.

Er bedauere, wenn sich jemand durch sein Verhalten unwohl oder belästigt gefühlt habe. Zu einem Fall im Rahmen einer Konferenz im Jahr 2016 in Melbourne, den drei Beteiligte unabhängig voneinander in »Buzzfeed« namentlich bezeugen und bei dem er einer Frau an die Brust gefasst hatte, schreibt er dann jedoch: Vermutlich habe er nur seine Hand hochgenommen, um seine Augen vor dem Blitz einer Kamera zu schützen.

Aussage gegen Aussage – und nun?

Wie so oft bei mutmaßlichen Fällen von sexueller Belästigung steht Aussage gegen Aussage. Fest steht, dass es in der Wissenschaft immer wieder zu vergleichbaren Situationen kommt. Denn es gibt zwischen Professoren und ihren Studentinnen und Doktorandinnen ein ausgeprägtes Machtgefälle, was auch in anderen Gesellschaftsbereichen ein Nährboden für sexuellen Missbrauch ist. Oft ist es für die Betroffenen schwer, sich gegen ihre ehemaligen Betreuer zu wenden. Und oft dauert es Jahre, bis die verantwortlichen Stellen Konsequenzen ziehen.

Ein Beispiel hierfür ist der Fall des Paläoanthropologen Brian Richmond, Kurator am American Museum of Natural History in New York, der wie Krauss zu den Koryphäen seines Fachs zählt. Eine wissenschaftliche Mitarbeiterin hatte dem Museum bereits 2014 mitgeteilt, dass Richmond sie in einem Hotelzimmer in Florenz nach einer Konferenz sexuell belästigt habe. Richmond seinerseits behauptete, der Kontakt habe einvernehmlich stattgefunden, und beteuerte in einem dem Wissenschaftsmagazin »Science« vorliegenden Statement seine Unschuld. Das Museum beließ es bei der Feststellung, er habe gegen die Vorgaben verstoßen, »die unangemessene Beziehungen zwischen Vorgesetzten und Untergebenen verbieten«, und teilte die Mitarbeiterin einem anderen Vorgesetzten zu. Für Richmond änderte sich nichts.

Oft bringt erst öffentlicher Druck etwas ins Rollen

Hier war ebenfalls öffentlicher Druck nötig, bevor der Vorfall ernsthafte Konsequenzen für Richmond hatte: Die Mitarbeiterin machte den Fall auf einer Konferenz öffentlich, was andere Forscher veranlasste, Richmonds Aktivitäten an der George Washington University in Washington (GWU) und der Koobi Fora Field School in Kenia, die zur GWU gehört, genauer zu untersuchen. So kamen Vorwürfe ans Licht, laut denen Richmond Studentinnen der Field School sexuell belästigt haben soll. Daraufhin trat der Paläoanthropologe von seinen Tätigkeiten für die Field School zurück. Seinen Posten am Museum hingegen behielt er aber.

Erst eine dritte Untersuchung durch eine externe Organisation, deren Ergebnisse nicht öffentlich wurden, führte dazu, dass Richmond im Dezember 2016 schließlich auch im Museum kündigte. Einige Forscher arbeiten seither nicht mehr mit ihm zusammen, heißt es, und ein Insider von einem wissenschaftlichen Journal berichtete, dass sich manche Kollegen weigerten, seine Artikel für Fachzeitschriften zu begutachten.

Übergriffe in der Antarktis

Brutale Erfahrungen beschreibt auch Jane Willenbring, die heute außerordentliche Professorin an der Scripps Institution of Oceanography der University of California, San Diego, ist: Der prominente Antarktisgeologe der Boston University David Marchant habe sie während verschiedener Forschungsaufenthalte in der Antarktis mit Steinen beworfen, während sie urinierte, und wiederholt einen steilen Hang hinabgeschubst, schreibt sie in einem Bericht, den »Science« zitiert. Zudem habe er sie häufiger wüst beschimpft.

Bereits im Dezember 1999 habe Marchant, damals 38, angefangen, sie sexuell zu belästigen, schreibt Willenbring in dem Bericht, auf dessen Grundlage die Boston University derzeit die Vorfälle untersucht. Damals, während ihrer ersten Forschungsexpedition als 22-jährige Masterstudentin, war neben ihrem Masterbetreuer Marchant auch dessen Bruder Jeffrey Marchant dabei, mit dem sie ein Zelt teilen musste. Ihr Betreuer habe ihr immer wieder gesagt, sein Bruder habe einen »pornografischen« Penis, und sie aufgefordert, mit ihm Sex zu haben.

Nachdem Marchant sie schließlich immer mit Steinen beworfen habe, wenn sie auf dem Feld zur Toilette ging, habe sie angefangen, weniger zu trinken, so dass sie zwölf Stunden durchhalten konnte, ohne zu urinieren. Das führte zu einer Blasenentzündung, doch Marchant habe ihr untersagt, einen Arzt aufzusuchen.

Der Vorfall führte schließlich zu einer Untersuchung der Boston University, die Marchant im Herbst 2017 für sein Verhalten rügte, ihn beurlaubte und ihn offenbar auch entlassen will. Marchant ließ über seinen Anwalt mitteilen, dass er seine ehemalige Studentin nicht sexuell belästigt habe. Und er legte einen Widerspruch gegen die Entscheidung seines Arbeitgebers ein, den die Universität im Februar 2018 jedoch zurückwies.

Warten, bis die Karriere es zulässt

Jane Willenbring schreibt, sie habe nur aus Angst vor beruflicher Vergeltung durch ihren Peiniger bis Oktober 2016 gewartet, um ihre Beschwerde bei der Universität einzureichen. Sie habe sich erst als Wissenschaftlerin etablieren wollen. Einige andere der damals anwesenden Frauen und zwei männliche Zeugen sagten laut »Science«, dass sie sich bis heute schuldig fühlen, weil sie nicht eingegriffen hätten. Offenbar herrschte eine verbreitete Angst davor, der eigenen Karriere zu schaden – vermutlich nicht einmal zu Unrecht.

Gerade Feldstudien in der Geologie oder Archäologie scheinen für Forscherinnen ein großes Risiko zu bergen, wie die Anthropologin Kate Clancy von der University of Illinois herausgefunden hat, als sie für eine Studie 666 Teilnehmer solcher Feldaufenthalte befragte – Männer wie Frauen. Die Studie, die 2014 in »PLoS One« veröffentlicht wurde, enthält dramatische Zahlen.

So berichteten 64 Prozent der Befragten, sexuelle Belästigung erfahren zu haben, wozu die Autoren der Studie beispielsweise unangebrachte Kommentare zu körperlicher Schönheit oder zu mentalen Geschlechterunterschieden zählten, aber auch unangenehme sexuelle Anspielungen. Mehr als 20 Prozent berichteten gar von sexuellen Übergriffen. Dazu zählten der Studie zufolge sowohl ungewollter physischer Kontakt als auch sexuelle Handlungen ohne beidseitiges Einverständnis.

Exoplanetenforscher Marcy
Geoffrey Marcy | Der Astronom zählte lange zu den berühmtesten Exoplaneten-Forschern. 2015 zog er sich nach Sexismus-Vorwürfen weitgehend aus der Wissenschaft zurück.

Nach Interviews mit einer zufälligen Auswahl aus den 666 Befragten fasst Clancy die Ergebnisse auf der Homepage ihrer Universität folgendermaßen zusammen: »Viele der Wissenschaftler zeigten einen echten Mangel an Klarheit darüber, was angemessenes berufliches Verhalten ausmacht, weil es im Gelände keine Regeln gäbe oder die Regeln nicht durchgesetzt würden oder weil sich der Direktor selbst des psychischen Missbrauchs oder sexueller Gewalt schuldig gemacht hätte.«

Auf Forschungsexpeditionen komme erschwerend hinzu, dass es kaum einen Ort gebe, an den sich Betroffene zurückziehen können. Und Frauen, die sich wehrten, erlebten häufig, dass sie weniger zum Projekt beitragen durften oder unwichtigere Aufgaben zugeteilt bekamen. Das erklärt auch, wieso viele Fälle vermutlich gar nicht oder erst Jahre später öffentlich gemacht werden. Zudem ist das Verfahren, das dann meist folgt, für viele zusätzlich entwürdigend: Schließlich dauert es oft viele Monate oder Jahre, bis sie ihrem Peiniger nicht mehr begegnen müssen.

Nur die wenigsten Beschuldigten sind einsichtig

Schlagzeilen machte auch ein Fall an der University of California in Berkeley, als Ende 2014 Vorwürfe bekannt wurden, denen zufolge der Astronom Geoffrey Marcy Studentinnen belästigt haben soll: Nach einer langwierigen Prüfung veranlasste die Hochschule den Rücktritt des berühmten Exoplanetenjägers. Die Universität erklärte, man wolle »unmissverständlich klarstellen«, dass die Untersuchungen ein Verhalten von Professor Marcy aufgedeckt hätten, »das verachtenswert und unentschuldbar ist«.

Marcy zog sich letztlich auch von anderen wissenschaftlichen Posten zurück und veröffentlichte einen Brief, in dem er sich für sein Verhalten entschuldigte. Unter den hochkarätigen Wissenschaftlern, die sich mit dem Vorwurf sexueller Belästigung konfrontiert sehen, ist solche Einsicht bis heute die Ausnahme.

16/2018

Dieser Artikel ist enthalten in Spektrum - Die Woche, 16/2018

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