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Milchstraße: Rätselhafter galaktischer Bogen war optische Täuschung

Supernovae? Sternenwinde? Mysteriöse Aktivität am Schwarzen Loch? Seit Jahrzehnten rätseln Fachleute über eine Struktur am Milchstraßenzentrum. Die Lösung ist ein bisschen ernüchternd.
Eine astronomische Aufnahme zeigt eine komplexe Struktur im Weltraum, die in blauen und grünen Tönen leuchtet. Die Darstellung umfasst leuchtende Gaswolken und filigrane, fadenartige Strukturen, die sich durch das Bild ziehen. Im Zentrum befindet sich ein besonders heller Bereich, der möglicherweise auf eine hohe Konzentration von Energie oder Materie hinweist. Der Hintergrund ist dunkel, mit verstreuten Lichtpunkten, die Sterne oder andere Himmelskörper darstellen könnten.
Aufnahme des »Galactic center lobe« (GCL) im Radiobereich. Der Bogen scheint sich direkt über dem Herzen der unten waagerecht verlaufenden Milchstraße zu wölben. Doch das ist eine Täuschung.

Seit Jahrzehnten rätseln Fachleute über eine gigantische Struktur direkt über dem Zentrum der Milchstraße. Lange Filamente bilden einen ausladenden Bogen, umrahmt von Magnetfeldlinien, der von mysteriösen, energiereichen Vorgängen im Herzen der Milchstraße zu zeugen schien. Von einer Supernova-Explosion bis hin zu geheimnisvollen galaktischen Winden reichten die Erklärungen für das als »Galactic center lobe« (GCL) bezeichnete Phänomen. Tatsächlich jedoch fielen Generationen von Experten einer optischen Täuschung zum Opfer. Einer Arbeitsgruppe um Kathryn Kreckel vom Astronomischen Rechen-Institut der Universität Heidelberg gelang es nun erstmals, die gesamte Struktur abzubilden und zu analysieren. Laut der in der Fachzeitschrift »Astronomy & Astrophysics« veröffentlichten Analyse handelt es sich um eine kleine Blase aus ionisiertem Gas in weniger als einem Viertel der Entfernung zum Milchstraßenzentrum – allerdings genau in der Sichtlinie.

Dass es sich beim GCL tatsächlich um ein Vordergrundobjekt handelt, ist keine neue Idee. Bislang ließ sich das aber nicht endgültig nachweisen. Das Team um Kreckel trug jedoch die noch fehlenden Daten zusammen und nutzte Beobachtungen des Sloan Digital Sky Survey (SDSS). Demnach handelt es sich um eine H-II-Region, in der sich neue Sterne bilden und ionisiertes Wasserstoffgas durch die Strahlung naher Sterne zum Leuchten angeregt wird. Die Täuschung kam dadurch zustande, dass der untere Rand der Blase genau auf der galaktischen Ebene verläuft und von den zahlreichen Objekten im Milchstraßenzentrum überstrahlt wird. Dadurch erschien der sichtbare Teil der Struktur als Bogen, der vom Zentrum all dieser Objekte ausgeht.

Der Arbeitsgruppe gelang es, den bisher unsichtbaren Teil der Struktur anhand von Spektrallinien des ionisierten Schwefels direkt abzubilden. So zeigte sie, dass es sich um einen geschlossenen Ring handelt. Gleichzeitig analysierte sie die Absorption des Lichts von Hintergrundobjekten entlang verschiedener Sichtlinien. Mithilfe dieser Messungen wies sie nach, dass das Objekt handelsüblichen Staub enthält, wie man ihn in H-II-Region findet. Dafür sprechen auch das Spektrum des vom Ring ausgesendeten Lichts sowie dessen einheitliche räumliche Bewegung.

Anhand dieser Absorption konnten die Fachleute auch das schwierigste Problem lösen, nämlich die Entfernung des Objekts genau zu bestimmen. Dazu nutzten sie neu entwickelte Karten der dreidimensionalen Verteilung von Staub im Milchstraßensystem und verglichen ihre gemessene Absorption des Lichts von Hintergrundsternen in verschiedenen Entfernungen mit diesen Daten. Dabei kamen sie für alle Sichtlinien zu dem gleichen Ergebnis: Der mysteriöse Ring fällt mit einem Staubvorhang in rund 6500 Lichtjahren Entfernung zusammen – weniger als ein Viertel der rund 26 000 Lichtjahre, die das galaktische Zentrum von uns entfernt ist.

  • Quellen

Kreckel, K. et al., Astronomy & Astrophysics 10.1051/0004–6361/202659505, 2026

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