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Minimalismus: Ist weniger mehr?

Meine Wohnung, mein Auto, mein Style: Viele definieren sich über das, was sie haben. Doch Konsum macht uns nicht immer glücklich – der aktuelle Trend zum Minimalismus allerdings auch nicht.
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»Oh Lord, won’t you buy me a Mercedes Benz?«, sang Janis Joplin 1970. All ihre Freunde würden schließlich Porsche fahren, heißt es in dem Lied – ein beißender Kommentar auf den Versuch, durch den Konsum kostspieliger Statussymbole Ansehen und Glück zu erlangen. Mercedes verwendete den Song später in mehreren TV-Werbespots, der ironischen Botschaft zum Trotz. Die Blues-Sängerin war vor den materiellen Verlockungen übrigens selbst nicht gefeit: Sie fuhr einen knallbunt lackierten Porsche Cabrio.

Was wir unser Eigen nennen, prägt unsere Identität. Das erkannte schon William James (1842–1910), einer der Urväter der modernen Psychologie. Für ihn beschränkte sich das Selbst nicht allein auf Körper und Geist. Vielmehr umfasste es alles, was einen Menschen umgibt: Familie und Freunde ebenso wie Kleidung und Ländereien. Dieses »erweiterte Selbst« offenbart sich dann, wenn Menschen plötzlich ihr gesamtes Hab und Gut verlieren. 1991 untersuchten Forscher die psychologischen Folgen eines verheerenden Feuers in Kalifornien. Was den Flammen zum Opfer fiel, bekamen die Betroffenen größtenteils von den Versicherungen ersetzt. Dennoch berichteten viele Menschen von regelrechten Identitätskrisen. »Das Feuer nahm mir alles, was ich hatte, aber auch alles, was ich war«, erzählte ein Befragter. »Wir wurden Waisen ohne Erinnerung«, ergänzten zwei Frauen. Die neuen Kleider wären nicht wie die alten, hätten traurige Farben, beklagten sie. »Ich wurde zu einer anderen Person«, so eine von ihnen. »Die frühere ging im Feuer verloren.«

Menschen scheinen Dinge intuitiv in eigen und fremd zu kategorisieren. Dabei genießt persönlicher Besitz offenbar eine Art kognitive Sonderbehandlung – selbst dann, wenn es sich eigentlich nur um nebensächlichen Krimskrams handelt. Der britische Psychologe David J. Turk konnte das gemeinsam mit seinem Team in einer bildgebenden Studie zeigen. 19 Versuchspersonen lösten über einen kleinen Monitor Aufgaben, während sie im Hirnscanner lagen. Gemäß einem vorgegebenen Farbcode sollten sie Bilder von Supermarktwaren in einen von zwei virtuellen Einkaufskörben ziehen, beispielsweise Äpfel, Socken oder Bleistifte. Einer der beiden Körbe gehörte angeblich ihnen, der andere dem Versuchsleiter – eine wirkliche Bedeutung hatte diese Zuordnung aber nicht. In einem anschließenden Gedächtnistest mussten sich die Teilnehmer rasch entscheiden, ob die präsentierten Artikel aus ihrem oder dem fremden Korb stammten. Obwohl das Szenario hochgradig künstlich war, ergab sich ein deutlicher Unterschied: An Produkte aus dem persönlichen Warenkorb konnten sich die Probanden besser erinnern als an andere. Während sie Fotos der »eigenen« Waren betrachteten, war zudem ein Netzwerk von Arealen aktiv, bei dem Teile des präfrontalen Kortex und die linke Inselrinde offenbar eine Schlüsselrolle spielen. Turk und seine Kollegen vermuten, dass in diesen Regionen gezielt selbstbezogene Informationen, etwa über Besitz, verarbeitet werden. Wie genau das vonstattengeht, ist allerdings noch unklar.

Was uns gehört, erscheint wertvoller

Unsere Habseligkeiten sind uns lieb und teuer. Manchmal sogar so sehr, dass sie uns zu unvernünftigen Entscheidungen verleiten. Das zeigt sich am so genannten Besitztumseffekt: Menschen schätzen ein Gut als wertvoller ein, wenn es ihnen gehört. Der bekannte US-Verhaltensökonom Richard Thaler beobachtete dieses Phänomen bereits als Student. Einer seiner Dozenten hatte einen guten Wein für fünf Dollar erstanden. Einige Jahre später bot sein Händler an, die Flasche für 100 Dollar zurückzukaufen. Der Professor weigerte sich – und das, obwohl er noch nie mehr als 35 Dollar für eine Flasche Wein ausgegeben hatte. Der schiere Umstand, dass ihm die Flasche gehörte, machte sie für ihn wertvoller, schlussfolgerte Thaler. Später konnte der Forscher seine Vermutung in mehreren Studien nachweisen: Wer etwas verkaufen will, erwartet oft deutlich höhere Preise, als er selbst dafür zu zahlen bereit wäre. Das steht im Widerspruch zu klassischen ökonomischen Theorien, nach denen Menschen rational handeln und allein ihren eigenen Gewinn maximieren. Offenbar macht Besitz etwas mit uns, was sich über den reinen Geldwert der Sache nicht erklären lässt.

Das gilt ganz besonders für Dinge, die eng mit der persönlichen Biografie zusammenhängen. Die Konsumforscherin Rosellina Ferraro von der University of Maryland in den USA bat Versuchspersonen, sich einst verlorene Gegenstände noch einmal ins Gedächtnis zu rufen. Wie sehr die Probanden der damalige Verlust mitnahm, darüber entschied nicht allein der monetäre Wert. Besonders intensiv trauerten sie um Dinge, die sie mit ihrem Selbstwert verknüpften. Ferraro nennt solche Besitztümer deswegen Identitätsmarker. Sie helfen uns dabei, das eigene Ich zu konstruieren. Das können Wertgegenstände sein, etwa der Ehering oder der Familienschmuck. Manchmal hängt unser Herz auch an Dingen, die für andere völlig nutzlos wären: Der löchrige Pulli erzählt von der ersten großen Liebe, das alte Interrail-Ticket zeugt von der Zugreise quer durch Europa. Im Extremfall können sich Menschen überhaupt nicht mehr von ihren Besitztümern trennen: Messies sammeln Gegenstände an, bis ihre Wohnung überquillt. Ihr Besitz überfordert sie maßlos, dennoch wollen sie ihn partout nicht aufgeben. Man schätzt, dass etwa zwei bis fünf Prozent der Erwachsenen unter zwanghaftem Horten leiden. In vielen Fällen steckt eine andere psychische Erkrankung dahinter, etwa eine Angst- oder Zwangsstörung. Doch auch für Menschen ohne Messie-Syndrom sind große Aufräum- und Wegwerfaktionen im eigenen Haushalt oft langwierig und schmerzhaft. All die Dinge sind mit Erinnerungen an die eigene Vergangenheit behaftet – an frühere Versionen des eigenen Ichs.

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7 Koffer | Vor einigen Jahren beschloss unser Autor Theodor Schaarschmidt, seinen Besitz auf sieben gut sortierte Koffer zu reduzieren und alles Überschüssige wegzugeben. Heute ist er wieder zu einer normalen Wohnungseinrichtung zurückgekehrt – und damit viel zufriedener.

Sage mir, was du hast, und ich sage dir, wer du bist? Die Forschung scheint diese Binsenweisheit zu bestätigen. Ein kurioses Beispiel: In einem 2014 unter dem Titel »Nicht nur Hunde ähneln ihren Besitzern, auch Autos tun es« veröffentlichten Experiment konnten Probanden Fahrzeuge tatsächlich überzufällig gut ihren jeweiligen Haltern zuordnen, von denen sie nur ein Porträtbild vorgelegt bekamen.

Dass Besitztümer identitätsstiftend sind, ist nirgendwo besser bekannt als im Marketing. Ob Apple wirklich die besten Laptops herstellt, Converse die besten Sportschuhe oder Harley Davidson die besten Motorräder, darüber lässt sich streiten. Doch diese Firmen verstehen sich hervorragend darauf, ihre Erzeugnisse als Ausdruck eines bestimmten Lebensgefühls anzupreisen: Das Macbook ist nicht nur ein Arbeitsgerät, es ist ein Statement. Apple-Liebhaber sprechen zuweilen mit fast religiösem Eifer über ihre Geräte. Einige verbringen gar die ganze Nacht in der Schlange vor dem Laden, wenn ein neues Smartphone auf den Markt kommt. Forscher sprechen von »brand tribes«, von regelrechten Kultgemeinschaften rund um eine Marke. Produkte werden zu sozialen Codes, zu Möglichkeiten, die eigene Identität in postmoderner Manier zusammenzustellen. Wie wir uns kleiden, wie wir uns fortbewegen, was wir essen: All das erzählt etwas über uns. Kaum jemand würde sich selbst plump als steinreich oder geheimnisvoll beschreiben. Aber die Waren, mit denen wir uns umgeben, sprechen ihre eigene Sprache.

Wer sich allerdings nur noch über Konsum definiert, hat ein handfestes Problem. Materialismus nennen Psychologen den Glauben, das eigene Wohlbefinden würde besonders stark vom Erwerb und Besitz bestimmter Produkte abhängen. Sicher, ohne eine gewisse Grundausstattung wie Kleidung, Nahrung und ein festes Dach über dem Kopf ist ein erfülltes Leben kaum vorstellbar. Doch ausgeprägte Materialisten knüpfen ihr Seelenheil fest an die Warenwelt. Obwohl sie davon überzeugt sind, dass Besitztümer ihnen guttun, ist oft das Gegenteil der Fall. Zahlreiche Studien zeigen die schädliche Wirkung einer materialistischen Grundhaltung auf die eigene Psyche – und den Geldbeutel. Materialisten sind tendenziell ängstlicher, unzufriedener, neigen zu impulsivem Geldausgeben und sind häufiger mit ihrem Konto im Minus. Darüber hinaus strapazieren sie mit ihrem Konsum unnötig stark natürliche Ressourcen.

Shoppen gegen Frust und Zweifel

Materialisten konstruieren ihr Selbst oft nach »äußeren« Kriterien: Was gehört mir? Was denken die anderen über mich? Häufig geben sie Geld aus, um mit alltäglichen Ärgernissen fertigzuwerden und sich besser zu fühlen – Frustshoppen zur Stressbewältigung. Eine mögliche Erklärung für so ein Verhalten liefert die Theorie der symbolischen Selbstergänzung von Robert Wicklund und Peter Gollwitzer. Die Idee: Wenn Selbst- und Idealbild stark auseinanderklaffen, nutzen Menschen Ersatzobjekte, um die Lücke zu schließen. Die Psychologen konnten diesen Effekt an einer Stichprobe von Management-Studenten demonstrieren. Wer besonders unsicher bezüglich seiner beruflichen Zukunft war, erwarb häufiger klischeebehaftete Business-Artikel wie teure Füller, Anzugschuhe oder Aktenkoffer.

Kurzfristig kann so ein Verhalten durchaus Erleichterung verschaffen. Werden diese kostspieligen Shopping-Exzesse jedoch zu einer festen Angewohnheit, können sie zu einem ernsten Problem heranwachsen. Im schlimmsten Fall entsteht ein Teufelskreis: Die ständigen Einkäufe verhärten die materialistische Orientierung, belasten das Portmonee, sorgen so für neue Unsicherheiten und verleiten dazu, noch mehr zu kaufen.

Befreit es, sich von Besitz zu trennen?

Der übermäßige Fokus auf private Besitztümer scheint uns also nicht besonders gutzutun. Der Psychoanalytiker Erich Fromm (1900–1980) prangerte bereits in den 1970er Jahren an, dass sich die Gesellschaft immer stärker auf das Haben konzentriere. Viele Postmaterialisten und Konsumkritiker berufen sich auf seine Ideen. Erst wenn wir uns vom übermäßigen Besitz loslösen, so der Gedanke, können wir wahrhaftig sein. Tatsächlich gibt es in vielen Bereichen interessante Alternativen zum Privatbesitz: In Selbsthilfewerkstätten werden teure Werkzeuge für alle nutzbar. Über Apps teilen sich User Autos, Roller, Wohnungen oder Büroplätze. Doch nicht immer bedeutet Teilen auch Fairness. Die Geschäftsmodelle der »sharing economy« wollen klassische Besitzstrukturen aufbrechen, sorgen in der Praxis aber mitunter für prekäre Beschäftigungsverhältnisse und Wohnraummangel in Großstädten.

So genannte Minimalisten wollen sich so weit von Tinnef trennen, wie es nur irgend geht. Statt einer Masse an Dingen wollen sie sich mit wenigen hochwertigen und langlebigen Gütern umgeben. Einige verzichten gar auf eine herkömmliche Wohnung und ziehen in ein Tiny House, ein Minieigenheim auf kleinstem Raum, das meist auf einem fahrbaren Untergrund montiert ist, um den Wohnort jederzeit frei wählen zu können. Davon versprechen sie sich eine Abkehr von der Überflussgesellschaft, aber auch eine gesündere Psyche: Wenn der ganze Krempel erst einmal weg ist, so die Annahme, finden wir endlich zu uns.

»Die Sehnsucht nach immer neuen Abenteuern kann ebenfalls zur leeren Obsession werden«

Einiges deutet tatsächlich darauf hin, dass der Fokus auf wenige konkrete Dinge glücklicher macht als die große Vielfalt. In einem Experiment der Hong Kong University of Science and Technology gaben gut 300 Befragte über ihren Kleiderschrank Auskunft. Manche sollten nur ihr liebstes Kleidungsstück ausführlich beschreiben, andere sämtliche Kleidungsstücke auflisten. Das Ergebnis: Wer sich nur mit dem Lieblingsteil befasst hatte, war danach messbar zufriedener, zeigten Jingshi Liu und ihre Kollegen. Den gleichen Effekt konnten die Ökonomen in einer Umfrage kurz nach Heiligabend nachweisen. An das liebste Geschenk zu denken, stimmte die Teilnehmer fröhlicher als der Gedanke an alle erhaltenen Weihnachtsgeschenke.

Das heißt allerdings noch lange nicht, dass eine radikale Verzichtsethik die Probleme der Überflussgesellschaft zu lösen vermag. Denn zuallererst: Minimalismus als Lifestyle feiern zu können, ist das Privileg einer kleinen urbanen Elite. Spaß macht das nur dann, wenn man es jederzeit auch anders haben könnte. Wenig Eigentum und knapper Wohnraum sind für die meisten Menschen keine reinigende Erfahrung, sondern schlichtweg bittere Realität. Postmaterialismus muss man sich erst einmal leisten können. Zweitens: Minimalismus ist keine Abkehr von der Konsumkultur. Es ist vielmehr ihre nächste Stufe. Findige Unternehmen haben längst zahlreiche Bücher, Apps und Rucksäcke speziell für den modernen Minimalisten auf den Markt gebracht. »Selbst wer freiwillige Einfachheit praktiziert, wird an seine Besitztümer gebunden sein – vielleicht sogar stärker als diejenigen, die mehr Dinge besitzen, diese aber eher oberflächlich betrachten«, schreibt der Marketingprofessor Russell Belk von der kanadischen York University. Und drittens: Weniger ist nicht immer mehr, manchmal ist es einfach nur weniger. Ein gut ausgestatteter Haushalt kann ein Segen sein. Dafür ist es schlichtweg nicht nötig, dass jedes Einzelteil Freude bereitet, wie die japanische Aufräumexpertin Marie Kondo es fordert. Wer gern kocht, wird eine gute Auswahl an Töpfen, Pfannen und Messern zu schätzen wissen. Ob der Kirschentsteiner wirklich sein muss, ist eine andere Frage.

In einem Punkt haben Minimalisten jedoch Recht: Wenn es um psychisches Wohlbefinden geht, sind Luxusartikel nicht gerade die beste Geldanlage. Wie zahlreiche Untersuchungen zeigen, machen Erfahrungen im direkten Vergleich merklich zufriedener als materielle Anschaffungen. Bergwanderungen, Massagen, gemeinsames Kochen, Festivalbesuche – all das scheint mehr zu unserem Wohlbefinden beizutragen als Schmuck, edle Kleidung oder ein teures Smartphone. Das zeigt sich auch beim Schenken: »Erfahrbare« Geschenke, etwa Konzertgutscheine, schweißen Menschen einer kanadischen Studie zufolge stärker zusammen als materielle Gaben. Tun ist seliger denn Haben, so scheint es. Aber warum ist das überhaupt so?

Neues ist bald Normalität

Eine große Rolle spielt der Prozess der Adaptation, also das allmähliche Anpassen und Gewöhnen an neue Zustände. Wenn wir uns beispielsweise ein neues Fahrrad leisten, verfliegt die Freude darüber schneller, als uns lieb ist. In den ersten Tagen kann uns das ungewohnte Fahrgefühl noch richtig begeistern, doch schon bald akzeptieren wir diesen Zustand als neue Normalität. Rasch entstehen andere Konsumwünsche, und wir sind genauso zufrieden wie vor der Anschaffung; wir befinden uns in einer »hedonistischen Tretmühle«. Die Forschung legt allerdings nahe, dass wir an materiellen Besitz viel schneller adaptieren als an Erfahrungen – an Letzteren erfreuen wir uns also länger. Das kann auch daran liegen, dass sich Personen bei Erlebtem weniger stark mit ihren Mitmenschen vergleichen als bei Gütern. Hinzu kommt: Erlebnisse prägen die Identität stärker als Gegenstände. Sie verbinden uns mit den Menschen, mit denen wir die Erfahrung geteilt haben, und brennen sich tief in unser Gedächtnis ein. Am Ende von »Casablanca« (1942) verabschiedet sich Rick, der Held des Films, von seiner geliebten Ilsa mit den Worten: »Uns bleibt immer Paris.« Die Umstände zwingen die beiden, sich zu trennen. Doch das gemeinsame Abenteuer kann ihnen niemand wegnehmen.

»Das Problem ist nicht, dass wir zu materialistisch sind, sondern nicht genug«(Russell Belk)

Mehr Zeit für Erlebnisse, weniger Geld und Mühen für Shopping: Könnte das ein Ausweg aus der Tyrannei der Dinge sein? Mehr als drei Viertel der Millennials geben ihr Geld lieber für Erfahrungen als für Besitztümer aus, heißt es in einer aktuellen Umfrage. Auftraggeber war allerdings »Eventbrite«, eine Veranstaltungsagentur. Dass gerade junge Menschen gern und viel in Erlebnisse investieren, lässt ganze Branchen aufblühen. Individualreisen, Escape Rooms, ausgefallene Stadtführungen, Motorradrennen – all das kostet auch ordentlich Geld. Die Ironie dabei: Erlebnisse können eine ganz ähnliche Sogwirkung entfalten wie materielle Güter. Es geht immer noch eine Stufe aufregender, besser, luxuriöser. Wer schon mal einen Globetrotter mit den vielen Stempeln im Reisepass hat prahlen hören, weiß um das Phänomen. Die Sehnsucht nach immer neuen Abenteuern kann ebenfalls zur leeren Obsession werden.

Selbst vermeintliche Alternativen der Konsumlogik, etwa Minimalismus oder Erfahrungskäufe, entpuppen sich bei näherem Hinsehen als alter Wein in neuen Schläuchen. Sicher, diese Trends propagieren eine geringere Menge an Privatbesitz. Doch auch dahinter verbirgt sich wieder die irrige Vorstellung, das eigene Wohlbefinden allein über die richtigen Konsumentscheidungen steuern zu können.

In einer Überflussgesellschaft sei das Problem ohnehin nicht, dass wir zu materialistisch seien, sondern vielmehr nicht genug, meint der Wirtschaftwissensschaftler Russell Belk. Soll heißen: Wir haben zu wenig Bewusstsein für die Dinge, die uns umgeben – vieles ist ja ohnehin kostengünstig austauschbar und beliebig. Um etwas zu ändern, müssen wir nicht gleich den Hausrat radikal zusammenkürzen. Vielleicht tut es schon ein Spaziergang durch die eigene Wohnung – mit achtsamem Blick für die Gegenstände, die von unserer Lebensgeschichte erzählen: von Krisenzeiten und wilden Nächten, Freunden und Liebschaften, Hochzeiten und Todesfällen. Manche Besitztümer gehen unterwegs verloren, andere werden uns womöglich überdauern. Zeit also, den materiellen Dingen mit ein wenig Zärtlichkeit zu begegnen.

2/2020

Dieser Artikel ist enthalten in Gehirn&Geist 2/2020

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  • Quellen

Belk, R. (2010). Possessions and self. Wiley International Encyclopedia of Marketing.

Dittmar, H., Bond, R., Hurst, M., & Kasser, T. (2014). The relationship between materialism and personal well-being: A meta-analysis. Journal of personality and social psychology, 107(5), 879.

Gilovich, T., & Kumar, A. (2015). We’ll always have Paris: The hedonic payoff from experiential and material investments. In Advances in Experimental Social Psychology (Vol. 51, pp. 147–187). Academic Press.

Jingshi, D. et al.: My favorite thing: How special possessions can increase subjective wellbeing. Advances in Consumer Research 45, 2017

Stieger, S., Voracek, M.: Not only dogs resemble their owners, cars do, too. Swiss Journal of Psychology 73, 2014

Turk, D. J. et al.: Mine and me: Exploring the neural basis of object ownership. Journal of Cognitive Neuroscience 23, 2011

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