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Weltraumtourismus mit Axiom: Die Mission der alten, reichen Männer

Mit der Mission Ax-1 sollen vier Menschen privat zur Internationalen Raumstation fliegen. Sie seien echte Astronauten, keine Weltraumtouristen, sagt die Crew. Diskutabel.
Die Firma Axiom arbeitet an einem Modul für die Internationale Raumstation.

Update: Die Crew ist am 8. April 2022 pünktlich ins All abgehoben.

Eine Sache will Larry Connor, gelernter Immobilienmogul und angehender Raumfahrer, dann doch mal klarstellen. Nein, sagte Connor am 1. April 2022, als man seine Crew vorstellte, sie seien keine Weltraumtouristen. Sie seien keine dieser Typen, die wenige Stunden trainierten, um dann ein paar Minuten Spaß in der Schwerelosigkeit zu haben. Sie seien echte Astronauten, wenn sie zur Internationalen Raumstation ISS flögen. Nur eben private.

Ax-1 heißt die anstehende Mission, mit der das US-Unternehmen Axiom die Kommerzialisierung des Erdorbits in neue Höhen treiben möchte. Kommt in letzter Minute nichts mehr dazwischen, werden am 8. April 2022 um 17.17 Uhr Mitteleuropäischer Zeit drei Weltraumtouristen – pardon, private Raumfahrer – zur ISS aufbrechen. Begleiten wird sie ein professioneller Astronauten. Acht Tage lang sollen sie dort leben, sich freuen und einige Experimente durchführen.

Für Axiom ist die Mission mehr als ein Spaßtrip. Die Geschäftsführer haben ein ambitioniertes Geschäftsmodell: Das Unternehmen, geführt von einem ehemaligen Manager der US-Raumfahrtbehörde NASA, plant ein eigenes kommerzielles Modul für die ISS. Und in einigen Jahren soll es sogar eine Axiom-Raumstation geben, bewohnt von privaten Astronauten.

Rund 50 Millionen Euro kostet ein Ax-1-Platz

Lange war diese Art des Weltraumtourismus eine Domäne der Russen. Allzu gern hatte Russlands Raumfahrtagentur freie Plätze in Sojus-Kapseln an zahlungskräftige Kundinnen und Kunden verkauft, die etwa das US-Unternehmen Space Adventures vermittelt. Erst im Dezember 2021 war auf diese Weise ein japanischer Milliardär mit seinem Assistenten für zwei Wochen zur ISS geflogen. Was ihn das gekostet hat, verrät Space Adventures nicht. Die NASA musste für jede Sojus-Mitfluggelegenheit zuletzt aber mehr als umgerechnet rund 82 Millionen Euro, das sind 90 Millionen Dollar, nach Russland überweisen.

Die Zeiten sind vorbei. Nachdem die USA mit der Crew-Dragon-Kapsel von SpaceX inzwischen über ein eigenes privates Raumfahrzeug verfügen, verschieben sich auch die Tourismusaktivitäten. Mitte September waren zum Beispiel vier amerikanische Hobby-Raumfahrende mehrere Tage lang mit einer Dragon-Kapsel im Orbit unterwegs, gechartert vom US-Milliardär Jared Isaacman. Nun also der nächste Schritt, der Flug zur ISS.

Dass solche Missionen noch immer etwas Besonderes sind, zeigt bereits die Zusammensetzung der zahlenden Crew: allesamt Männer, allesamt jenseits der 50, allesamt sehr, sehr reich. Neben Connor, dem Immobilienmogul aus Ohio, der zugleich die Rolle des Dragon-Piloten übernehmen wird, ist Mark Pathy an Bord, Chef eines Investmentunternehmens und Erbe einer der größten Reedereien Kanadas. Dritter im Bunde ist der israelische Investor und ehemalige Luftwaffen-Oberst Eytan Stibbe. Gewissermaßen als Reiseleiter fungiert schließlich Michael López-Alegría, ein ehemaliger NASA-Astronaut, der nun in Diensten von Axiom steht und die Mission kommandieren wird.

Umgerechnet rund 50 Millionen Euro, also 55 Millionen Dollar, musste jeder der drei Männer für das Abenteuer seines Lebens bezahlen. Ob sich die Mission für Axiom rechnet, wollte Unternehmenschef Michael Suffredini während der Online-Pressekonferenz vorab dennoch nicht verraten. Klar ist: Axioms Ausgaben sind hoch. Das Unternehmen muss bei SpaceX eine Falcon-9-Rakete und eine Crew-Kapsel chartern. Zudem wird Axiom eine Rechnung der NASA bekommen. 35 000 Dollar verlangt die Raumfahrtagentur laut Preisliste pro Tag und pro Kopf für Kost und Logis an Bord des orbitalen Hotels namens ISS. Im Gegenzug macht sich Axiom nützlich, bringt zwei Gefrierschränke mit, befördert einen leeren Tank zurück zur Erde und erhält dafür von der NASA rund sechs Millionen Euro an Frachtkosen. Zumindest in dieser Hinsicht funktioniert die Kommerzialisierung des Orbits schon.

»Umfangreiche Forschung« werden die Besucher auf der ISS betreiben, teilte Axiom mit, das die Mission zudem als »nächster großer Sprung für die Menschheit« bewirbt. Letztlich wird das Millionärs-Trio aber primär jene philanthropischen Aktivitäten weiterführen, denen es sich auch auf der Erde verpflichtet fühlt: Larry Connor plant Versuche für die Mayo Clinic sowie die Cleveland Clinic und will Schülerinnen und Schüler im heimischen Ohio aus dem Orbit unterrichten. Mark Pathy möchte Experimente für kanadische Universitäten und für das Montreal Children's Hospital unterstützen. Und Eytan Stibbe engagiert sich für die Ramon Foundation – eine Bildungsorganisation, benannt nach Ilan Ramon, dem ersten Israeli im All. Ramon war im 2003 bei dem Absturz der US-Raumfähre Columbia gestorben und galt als enger Freund Stibbes. Insgesamt sind laut Axiom 25 Experimente geplant.

Upgrade für die ISS | Das texanische Unternehmen Axiom hat mit der NASA einen Vertrag über rund 130 Millionen Euro abgeschlossen, um mindestens ein Modul an der Internationalen Raumstation anzubringen. Wie das aussehen könnte, zeigt diese Illustration der Firma.

Axiom konkurriert um einen großen NASA-Auftrag

Das Unternehmen plant derweil schon die nächsten Missionen. Die Flüge Ax-2 bis Ax-4 sind bei SpaceX fest gebucht. Sie werden abermals zur ISS führen, auch wenn die NASA die Kosten für private Übernachtungen im orbitalen Außenposten zuletzt stark angehoben hat. Begründung: Die Nachfrage sei hoch.

Axiom hat von der US-Raumfahrtbehörde zudem den Zuschlag erhalten, für umgerechnet knapp 127 Millionen Euro ein kommerzielles Modul für die ISS beizusteuern. Bisherige Versuche in diese Richtung waren wenig erfolgreich: Im Jahr 2016 durfte das US-Unternehmen Bigelow testweise ein aufblasbares privates Modul an die Raumstation andocken. Bigelow hat mittlerweile alle Angestellten entlassen, das Modul wird als Abstellkammer genutzt.

Die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter von Axiom schreckt das nicht ab. Das Unternehmen plant weitere ISS-Module und will aus diesen eines Tages eine eigene Raumstation formen. Es konkurriert dabei mit drei anderen US-Konsortien um einen großen NASA-Auftrag: den Bau einer kommerziellen Raumstation, die auf die ISS folgt. Auf dieser Station will die NASA nur noch eine Mieterin unter vielen sein. Ob allerdings großes kommerzielles Interesse an solch einer Unterkunft bestehen wird, muss sich erst noch zeigen. Alle Versuche, auf der ISS bezahlte Auftragsforschung in großem Stil zu etablieren, haben bislang nicht gefruchtet. Das Einzige, was halbwegs funktioniert, ist Weltraumtourismus.

Kommandant López-Alegría und seine Crew sind sich daher bewusst, welch Druck auf ihnen lastet: Sie müssen einen guten Eindruck hinterlassen. Sie müssen sich bewähren, zeigen, dass sich die 15 Wochen Training gelohnt haben, und mögliche Vorbehalte der professionellen Astronautinnen und Astronauten an Bord der ISS entkräften. »Unsere Aufgabe wird sein, sie für uns zu gewinnen – indem wir so gut wie möglich vorbereitet sind«, hatte López-Alegría im Vorfeld des Flugs der »Washington Post« erzählt. Die professionelle Crew solle »zufrieden« sein mit den Besuchern, »vielleicht sogar angenehm überrascht«.

Vollkommen zu trauen scheint die NASA der Sache dennoch nicht. Wie das Fachblatt »Aviation Week« berichtet, musste Axiom eine Haftpflichtversicherung für die private Crew abschließen – für den Fall, dass die Besucher die Toilette verstopfen, einem Experiment den Stecker ziehen oder sonst etwas auf der ISS kaputt machen. Geforderte Versicherungssumme: mindestens neun Millionen Euro.

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