Vertrauen: Wer anderen misstraut, tut sich in der Therapie schwerer

Vertrauen ist eine wichtige Grundlage für soziale Beziehungen. Wer es versteht, anderen Menschen in angemessenem Maß Glauben zu schenken, ist offenbar auch insgesamt seelisch stabiler. Darauf weist eine neue Studie hin, die Forschende des Deutschen Zentrums für Psychische Gesundheit veröffentlicht haben.
Die Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler um die Psychologin Anna-Lena Bröcker von der Berliner Charité untersuchten 912 Teilnehmende, die sie über eine Psychotherapie-App rekrutiert hatten. Unter anderem sollten die Versuchspersonen einen Fragebogen ausfüllen, der »epistemisches Vertrauen« misst. So bezeichnen die Fachleute die Fähigkeit, andere Menschen als verlässliche und relevante Informationsquelle zu betrachten, ohne zu leichtgläubig oder zu misstrauisch zu sein.
Die Befragten mussten dafür ihre Zustimmung zu Statements abgeben wie »Ich finde es sehr nützlich, aus dem zu lernen, was andere mir über ihre Erfahrungen erzählen« oder »Ein Gespräch mit Menschen, die mich schon lange kennen, kann mir helfen, neue Perspektiven über mich selbst zu entwickeln«. Daneben machten sie Angaben zu möglichen psychischen Erkrankungen, Persönlichkeitsmerkmalen und ihren bisherigen Erfahrungen mit Psychotherapie.
Wer ein gesundes Maß an Vertrauen zeigte, litt am wenigsten unter Symptomen von Angststörungen und Depressivität und wies psychisch gesündere Persönlichkeitsmuster auf. Diese Teilnehmenden hatten zudem schon mehr Therapiesitzungen absolviert und bewerteten die Beziehung zu ihrer Therapeutin oder ihrem Therapeuten als positiver.
Anders gestaltete sich das Bild bei Personen, die entweder äußerst leichtgläubig waren oder die umgekehrt viel Misstrauen hegten – also Informationen von anderen grundsätzlich als unzuverlässig oder bedrohlich wahrnahmen: Diese beiden Gruppen neigten eher zu Depressionen, Ängsten oder Persönlichkeitsstörungen. Speziell Misstrauen ging auch damit einher, dass die Befragten seltener professionelle Hilfe suchten, ihren Therapeuten oder ihre Therapeutin als weniger aufrichtig und verantwortungsvoll einschätzten und die Beziehung zu ihm oder ihr schlechter bewerteten.
Die Forscher warnen vor einer Art Teufelskreis: Wenn jemand in seelische Nöte gerät, anderen jedoch nicht vertrauen kann und kein Wissen von ihnen annimmt – etwa aufgrund früherer negativer Erfahrungen –, erschwere das eine Psychotherapie. Das wiederum könne die psychischen Probleme weiter verfestigen und in eine »epistemische Abschottung« führen. Das Team um Bröcker spricht sich dafür aus, das Thema Vertrauen in der Therapie stärker zu beachten und gezielt Vertrauen aufzubauen, damit Betroffene nachhaltig von einer Behandlung profitieren können.
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