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Zivilisationskrankheiten: Mit altem TBC-Impfstoff gegen Diabetes?

Einige Mediziner führen Diabetes Typ 1 darauf zurück, dass wir zu hygienisch leben und das unterbeschäftigte Immunsystem Insulin produzierende Zellen angreift. Ein Impfstoff könnte das ändern.
Blutzuckertest

Seit den 1950er Jahren nimmt die Zahl der von Diabetes Typ 1 betroffenen Patienten weltweit drastisch zu. Im Gegensatz zu Diabetes Typ 2 – das meist mit falscher Ernährung und Übergewicht zusammenhängt und zumindest bis vor wenigen Jahren vorwiegend ältere Erwachsene betraf – tritt Typ-1-Diabetes vielfach schon bei unter 20-Jährigen auf: Die Ursache ist aber noch unbekannt. Manche Mediziner vermuten daher, dass Infektionen die Erkrankung auslösen können. Andere hingegen ziehen das Gegenteil in Betracht: Auf Grund der sehr guten hygienischen Verhältnisse heutzutage attackiert das beschäftigungslose Immunsystem die Insulin produzierenden Zellen in der Bauchspeicheldrüse und zerstören sie. Erkrankte müssen deshalb regelmäßig Insulin spritzen. Doch ein seit rund 100 Jahren bekannter Impfstoff gegen Tuberkulose könnte womöglich Abhilfe schaffen. Erste, noch unveröffentlichte Ergebnisse dazu stellten Denise Faustman und ihre Kollegen auf der Jahrestagung der European Association for the Study of Diabetes 2018 in Berlin vor.

Das nach seinen Entdeckern Bacille-Calmette-Guérin-Impfstoff (BCG) genannte Vakzin besteht aus einem abgeschwächten Stamm des Rindertuberkulose auslösenden Bakteriums Mycobacterium bovis, das mit dem menschlichen Mycobacterium tuberculosis sehr eng verwandt ist. In früheren Studien hatte sich gezeigt, dass dieser Impfstoff gegen so unterschiedliche Krankheiten wie Sepsis, Leishmaniose und sogar bestimmte Formen von Blasenkrebs helfen kann, weil es das Immunsystem aktiviert. Zudem wurde BCG bereits in Versuchen an Mäusen bei verschiedenen Autoimmunkrankheiten wie allergischem Asthma, multipler Sklerose und auch Diabetes Typ 1 mit teils gutem Erfolg eingesetzt – weshalb Faustman und Co eine kleine klinische Testreihe an Menschen begannen.

Einer kleinen Gruppe von Patienten mit Diabetes Typ 1 wurde im Abstand von vier Wochen entweder jeweils eine Impfung mit BCG oder ein Placebo verabreicht. Anschließend wurde der Blutzuckerspiegel der Probanden über mehrere Jahre hinweg beobachtet – mit beeindruckendem Erfolg in der Impfgruppe. Bei ihnen hatte sich der Blutzuckerspiegel im Lauf der Zeit um durchschnittlich 18 Prozent verringert, so dass die Werte fast wieder auf dem Niveau gesunder Menschen lagen. Zudem erlitt keine dieser Personen im Verlauf der Studie eine Hypoglykämie, also eine gefährliche Unterzuckerung. Bei den Menschen, die das Placebo erhalten hatten, stieg der Blutzuckerspiegel dagegen weiter an, und sie mussten deswegen konstant Insulin spritzen.

Warum BCG so gut wirkt, wollten Faustman und ihr Team mit Hilfe epigenetischer Studien klären, deren Ergebnisse sie bereits in »npj Vaccines« veröffentlichten. Das Vakzin sorgt demnach dafür, dass unsere Zellen die aufgenommene Glukose unterschiedlich verarbeiten: Die Zellen schleusen den Zucker nicht länger in den Stoffwechselweg der oxidativen Phosphorylierung, bei dem in größeren Mengen ATP-Moleküle gebildet werden, die dann bei anderen Prozessen im Körper Energie liefern. Stattdessen verarbeiten die Zellen nach der Impfung mit dem Vakzin Glukose vermehrt über die aerobe Glykolyse, bei der deutlich weniger ATP als Energiewährung anfällt. So benötigt der Körper allerdings mehr Zucker, um die gleiche Menge an Energie zu erzeugen – was letztlich den Zuckerverbrauch erhöht und den Blutzuckerspiegel senkt.

Dieses Ergebnis liefert zudem einen weiteren Hinweis darauf, dass Diabetes Typ 1 mit einem ursprünglich unterforderten Immunsystem zusammenhängt. Die weißen Blutkörperchen von Betroffenen verbrauchen demnach weniger Blutzucker als die von gesunden Menschen. Der Umsatz entspreche vielmehr jenem von Personen, die in ihrer frühen Kindheit kaum Keimen ausgesetzt waren – also offenbar in einer überhygienischen Umgebung aufgewachsen sind. »BCG beinhaltet Organismen, die viel Energie benötigen. Sie leben in den weißen Blutkörperchen und erhöhen dadurch deren Zuckerkonsum«, so Faustman: »Und das sorgt letztlich dafür, dass der Körper seinen Blutzuckerspiegel ähnlich gut reguliert wie bei gesunden Menschen.« Hoffnungen auf eine schnelle Therapiemöglichkeit dämpfen die Forscher allerdings. Dafür sei die Zahl der Testpersonen noch viel zu klein gewesen. Als Nächstes solle eine große klinische Studie dazu folgen.

41/2018

Dieser Artikel ist enthalten in Spektrum - Die Woche, 41/2018

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