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Anthropologie: Mit Darwin auf Kanutour

Intelligentes Design und Evolutionstheorie traut vereint? Warum nicht: In der polynesischen Bootsbaukunst wollen Forscher ein charakteristisches Merkmal evolutionärer Prozesse entdeckt haben.
Hawaiianer mit Auslegerkanu
Ob die Evolutionstheorie auch als Modell kulturellen Wandels taugt, ist immer noch umstritten. Bleibt nur die Probe aufs Exempel: Der Test, ob sich entsprechende Muster im ungewohnten Gebiet wiederfinden. Der US-amerikanische Populationsbiologe Paul Ehrlich und seine Kollegin Deborah Rogers machten sich ans Werk – und zwar am Beispiel der ausgefeilten Konstruktion polynesischer Kanus, in denen die Südseebewohner mitunter tausende Seemeilen über das offene Meer zurücklegen konnten.

Die Art und Weise, wie deren Bauweise von Insel zu Insel variiert, sei das Ergebnis kultureller und natürlicher Selektion, glauben die Forscher von der Universität Stanford: Ganz im Sinne Darwin'scher Evolutionstheorie, freilich übertragen auf den Bereich gesellschaftlicher Entwicklungen. Und tatsächlich wollen die beiden Forscher im Verteilungsmuster der Bootsbautechniken einen charakteristischen evolutionsbiologischen Fingerabdruck ausgemacht haben. Damit widersprechen sie der klassischen Sichtweise, die stets von weit gehend unvorhersehbaren und unsystematischen Entwicklungssprüngen ausgeht.

Genetik in der Bauanleitung

Funktionale Merkmale stehen unter Selektionsdruck | Verschiedene Arten, den Ausleger zu befestigen (A), sowie der Aufbau des Kiels und eventueller Versteifungen (B) oder die Technik, Planken zu "vernähen" (C), zählten die Autoren zu denjenigen Merkmalen, die einem Selektionsdruck unterliegen. Sie entwickelten sich langsamer.
Aber genau das hatten die Wissenschaftler auch im Sinn: Die polynesischen Kanus könnten als Testfall gelten. Erst wenn sich auch im Bereich Kultur Phänomene wie zum Beispiel Gen-Drift, Gründereffekte oder populationsgenetische Flaschenhälse nachweisen lassen, könne die Übertragung der ursprünglich biologischen Theorie auf gesellschaftliche Vorgänge als geglückt gelten.

Das Phänomen ihrer Wahl war in diesem Fall die Geschwindigkeit, mit der sich gewisse Ausprägungen verändern. Die Genetik macht hier die Voraussage, dass die Änderungsrate umso geringer ist, je wichtiger etwa ein Protein für das Überleben des Individuums ist. In Bereichen, in denen eine Innovation kaum Nachteile bringen kann, sind dagegen mehr Experimente und folglich auch eine schnellere Entwicklung zu erwarten.

Die Autoren der Studie nahmen also ein Standardwerk zur polynesischen Bootsbaukunst aus den 1930er Jahren zur Hand und analysierten insgesamt 134 typische Merkmale der Kanus auf elf verschiedenen Inseln. Dann trennten sie diejenigen, auf denen ein natürlicher Selektionsdruck lastet, weil sie die Funktion des Bootes betreffen, von solchen, die eher kulturellen Auswahlkriterien unterworfen sind. Beispiel: Die Befestigung und Form des Auslegers gehört in Gruppe Eins, die Verzierung der Bordwand in Gruppe Zwei. Mittels statistischer Verfahren ließ sich nun tatsächlich nachweisen, dass die Merkmale aus der ersten Gruppe eine langsamere Entwicklung durchmachten als die anderen – genau wie überlebenswichtige Proteine.

Warum mit Bewährtem experimentieren?

Wäre die Geschwindigkeit jeweils gleich groß gewesen, hätte das die Kritiker des evolutionstheoretischen Ansatzes bestätigt, meinen Ehrlich und Kollegin: Selektionseffekte wären nicht nachweisbar gewesen. So aber wollen sie einen Etappensieg im bereits schon länger währenden Streit um die Stichhaltigkeit einer kulturwissenschaftlichen Evolutionstheorie errungen haben.

Verzierungen entwickeln sich rascher | Symbolische Merkmale, wie die Verzierungen an einem Paddel der Osterinseln (A), die Muscheleinlagen an einem Kanu von Manihiki (B) oder die Schnitzereien an einem Kriegskanu der Maori (C) haben sich auf den verschiedenen Inseln schnell auseinander entwickelt.
Ob es sich deshalb nun um "eine der bedeutendsten Arbeiten in der Anthropologie der letzten zwanzig Jahre" handelt, wie es Nina Jablonski, Chefin am Institut für Anthropologie der Staatsuniversität von Pennsylvania ausdrückt, sei einmal dahingestellt. Denn dass mit der offensichtlich bewährten Grundkonstruktion eines Bootes seltener herumexperimentiert wird als mit seinen Verzierungen, würde vermutlich kein Wissenschaftler bestreiten – egal welcher Theorie er zugeneigt ist.

Entscheidender ist jedoch der Weg, den die beiden Forscher mit ihrer Arbeit eingeschlagen haben. Interessant könnte es deshalb vor allem dann werden, wenn die Autoren ihr Versprechen wahr machen und weiter gezielt nach den aus der Biologie wohlbekannten Mustern fahnden. So lässt sich aus der Evolutionstheorie beispielsweise nicht nur auf die Geschwindigkeit schließen, mit der sich das Design verändert, sondern auch in welchem Umfang bestimmte Merkmale wieder verloren gehen.

Mit genau diesen Methoden hat die Linguistik in den letzten Jahren die Stichhaltigkeit evolutionärer Ansätze für den Sprachwandel nahegelegt – und das übrigens auch durch Untersuchungen der polynesischen Kultur.

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