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Infektionskrankheiten: Mit der Syphilis rechnen

In Deutschland erkranken wieder mehr Menschen an der Syphilis. Auch Frauen sind betroffen - und damit in manchen Fällen ungeborene Kinder. Doch Infizierte werden nicht immer erkannt, und obwohl wirksame Mittel vorhanden sind, hapert es gelegentlich mit der richtigen Behandlung.
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Bestürzt entdeckt der Londoner Arzt Dr. Horace Selby bei der morgendlichen Zeitungslektüre die Notiz von einem bedauernswerten Unfall: Am späten Abend des Vortages ist sein Patient, Sir Francis Norton, unter die Räder einer schweren Pferdekutsche geraten und gestorben. Offenbar sah sich der junge Mann, der bald heiraten wollte, in einer ausweglosen Lage und setzte seinem Leben selbst ein Ende. Ursache für die Verzweiflung Nortons war die Diagnose des Arztes am Tage vorher gewesen: Norton war an Syphilis erkrankt. Allerdings wird in dieser traurigen Kurzgeschichte "The third generation", die Arthur Conan Doyle 1894 schrieb, der Name der Geschlechtskrankheit kein einziges Mal direkt ausgesprochen.

Iwan der Schreckliche, Katharina die Große, Kardinal Richelieu, Gustave Flaubert, Franz Schubert, Paul Gauguin oder Oscar Wilde – die Liste der Patienten ist bunt, doch die Diagnose bei allen gleich: Syphilis. Um 1500 hatte sie eine europaweite Epidemie ausgelöst, weshalb vermutet wurde, dass sie im Zuge der Entdeckung Amerikas von Haiti nach Europa eingeschleppt worden war. Recht schnell war klar, dass die "Franzosenkrankheit" hauptsächlich durch den Geschlechtsverkehr übertragen wird. Neuere Funde in Großbritannien hatten aber noch ältere Opfer ans Tageslicht gebracht – waren also bereits die Wikinger schuld an der neuen Geißel?

Kein Rückzug ...

Da der infizierte Mensch eine Reihe von Stadien mit den unterschiedlichsten Symptomen durchläuft, haftete der Syphilis stets etwas Geheimnisvolles an. Erst im 20. Jahrhundert wurde die Krankheit berechenbarer und schließlich auch heilbar: 1905 machten Fritz Schaudinn und Erich Hoffmann die spiralig gewundenen Bakterien Treponema pallidum als Verursacher aus. August Wassermann entwickelte nur ein Jahr später einen Antikörpertest, mit dem auch bei Menschen ohne Symptome eine Infektion mit dem Syphilis-Erreger sicher nachgewiesen werden konnte. Dank der Entwicklung des Penicillins können Syphiliskranke seit 1943 erfolgreich behandelt werden.

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Syphilis-Erreger | Elektronenmikroskopische Aufnahme des Syphilis-Erregers Treponema pallidum auf einer Zellkultur. In Deutschland erkrankten im Jahr 2005 über 3000 Menschen daran. Die steigenden Zahlen der Neuerkrankungen bereiten Sorge, da die Infektion häufig nicht erkannt wird und bei Schwangeren auf das Kind übertragen werden kann.
Zwar stiegen die Syphiliszahlen nach dem 2. Weltkrieg kurzzeitig wieder an, besonders seit den späten 1970er Jahren bis Ende der 1990er war die Krankheit in Deutschland jedoch stark rückläufig (1978: über 9000 gemeldete Fälle, 1993: ungefähr 1000 Fälle). Als erfreulicher Begleiteffekt übertrugen damit immer weniger Frauen die Syphilis während der Schwangerschaft auf ihr Kind.

Die bakteriellen Erreger können ab etwa dem fünften Schwangerschaftsmonat über die Plazenta auf den Fötus übergehen. Je nachdem, in welcher Krankheitsphase sich die Schwangere gerade befindet, kommt es zu Tot- oder Fehlgeburten. Oder die Kinder werden mit den charakteristischen Symptomen einer angeborenen Syphilis ("Lues connata") geboren: untergewichtig, welke und schlaffe Haut, bläschenförmige oder papulöse Hautveränderungen, blutiger Schnupfen sowie Schwellungen von Leber und Milz.

Manchmal zeigt sich die Krankheit durch charakteristische Auffälligkeiten auch erst, wenn die Kinder bereits einige Jahre alt sind. Wie etwa bei Sir Francis Norton aus Doyles Kurzgeschichte, der tonnenförmige Schneidezähne hatte, schwerhörig war und unter einer Hornhautentzündung litt. Die von Doyle beschriebenen Symptome, der selbst ausgebildeter Mediziner war, lassen keinen Zweifel, dass sich Norton bereits im Mutterleib angesteckt hatte [1].

... von Dauer

Rana Chakraborty, Spezialist für Infektionskrankheiten bei Kindern vom St. George's Hospital in London befürchtet, dass Kinder wieder mehr durch die lebensbedrohliche Erkrankung gefährdet sind, weil sich die Syphilis seit 1996 in Großbritannien in einigen Bevölkerungsgruppen stärker ausbreitet.
"Mit der besiegt geglaubten Syphilis muss wieder gerechnet werden"
(Stephan Lautenschlager)
Einige Ärzte könnten, so der britische Kinderarzt, Fälle von angeborener Syphilis übersehen, weil sie sich nicht mehr mit den Symptomen einer einst verbreiteten, nun aber selten gewordenen Infektionskrankheit auskennen.

Chakraborty stellte Anfang Dezember bei einem Treffen der britischen Federation of Infection Societies die Ergebnisse einer Studie vor. Danach waren im Zeitraum von Sommer 2000 bis Sommer 2003 im Blut von 70 der 12 600 Schwangeren im Rahmen von Vorsorgeuntersuchungen Hinweise für eine Syphilis-Infektion gefunden worden.

Durch entsprechende Behandlung der Schwangeren mit einem Antibiotikum kann eine angeborene Syphilis beim Kind sicher verhindert werden. Doch nur bei elf der Frauen, bei denen ein hohes Risiko bestand, die Bakterien auf das Ungeborene zu übertragen, wurde die Syphilis medikamentös behandelt, in vielen Fällen unzureichend und ohne die geforderten wiederholten serologische Kontrollen.

Zwar gebe es nationale Leitlinien, wie die Syphilis bei Schwangeren korrekt behandelt werden müsste, so Chakraborty, aber nur in den seltensten Fällen würden diese auch eingehalten. Damit aber steigt das Risiko für eine lebensgefährliche Erkrankung bei den Kindern.

Stephan Lautenschlager, Facharzt für Haut- und Geschlechtskrankheiten am Stadtspital Triemli in Zürich, bestätigt: "Mit der besiegt geglaubten Syphilis muss wieder gerechnet werden." 1999 meldete die Weltgesundheitsorganisation in Russland 280 000 Neuinfektionen mit Treponema pallidum, aus anderen osteuropäischen Ländern wurden ebenfalls hohe Erkrankungszahlen gemeldet.

Auch in Deutschland wurden wieder mehr Syphiliskranke registriert. "Seit dem Jahr 2000 beobachten wir eine deutliche Zunahme der Syphilisfälle", sagt Osamah Hamouda vom Robert-Koch-Institut in Berlin. In diesem Jahr würden sich die Zahlen auf Vorjahresniveau bewegen – dem Robert-Koch-Institut wurden 2005 insgesamt 3210 Fälle gemeldet; wobei es Bundesländer gebe, in denen die Zahlen weiter anstiegen und andere Regionen mit deutlichen Rückgängen, erklärt der Infektionsepidemiologe [2].

Riskante Praktiken

Achtzig Prozent der Syphiliskranken sind Männer, meistens homosexuell. "Seltener sind heterosexuelle Männer betroffen, aber auch bei ihnen hat die Syphilis zugenommen", sagt Hamouda.
"Seit dem Jahr 2000 beobachten wir eine deutliche Zunahme der Syphilisfälle"
(Osamah Hamouda)
Die Ursache für den Anstieg der Zahlen gerade unter Homosexuellen sieht er in der veränderten Wahrnehmung der HIV-Risiken: "Es werden wieder riskantere Sexualpraktiken gewählt, häufiger die Partner gewechselt und die Nutzung von Kondomen vernachlässigt."

Auch Lautenschlager sieht das so: "Zwanzig Jahre 'Safer-Sex' in der HIV-Ära hat zu einer gewissen Kondom-Müdigkeit geführt." Außerdem sei, so der Schweizer Mediziner, ungeschützter Oral-Sex für die Syphilis-Zunahme verantwortlich. Während HIV hierbei nur sehr unwahrscheinlich übertragen würde, sei das für den Syphilis-Erreger dagegen zu erwarten.

Dass nicht nur homosexuelle Männer, sondern auch Frauen und damit bei Schwangerschaften Kinder potenziell gefährdet sind, zeigt der Syphilis-Ausbruch im Großraum Aachen. Allein im Jahr 2005 erkrankten hier 45 Frauen und 55 Männer [3]. Prostitutionskontakte und Beschaffungsprostitution sind hier offenbar für die Verbreitung auch unter heterosexuellen Männern und Frauen verantwortlich.

Im Bundesdurchschnitt ist die Syphilis bei Frauen jedoch selten, Kinder mit einer angeborenen Syphilis sind Einzelfälle. "Im laufenden Jahr und 2005 wurden vier Fälle gemeldet, bei denen infizierte Mütter ihr Kind angesteckt haben. Im Jahr 2004 waren es sieben Kinder", sagt Hamouda.

Wachsame Vorsorge vonnöten

Wie kann es trotz Mutterschaftsvorsorge überhaupt zu einer angeborenen Syphilis kommen? Verspätet oder überhaupt nicht wahrgenommene Vorsorgeuntersuchungen, eine Fehlinterpretation von Laborergebnissen oder Fehler bei der Diagnostik waren die Gründe für die 14 Fälle angeborener Syphilis, die zwischen 1997 und 2001 im Untersuchungslabor Enders in Stuttgart serologisch bestätigt wurden [4].
"Frauenärzte, Kinderärzte und Geburtshelfer müssen erinnert werden, dass es die Syphilis gibt"
(Osamah Hamouda)
Alle Mütter der 14 Kinder waren klinisch unauffällig gewesen, elf hatten einen positiven Syphilis-Suchtest, nur zwei dieser Frauen waren jedoch überhaupt mit Antibiotika behandelt worden.

"Frauenärzte, Kinderärzte und Geburtshelfer müssen erinnert werden, dass es die Syphilis gibt", meint Osamah Hamouda. Nicht jedermann sei von der Zunahme der Syphilisfälle betroffen. Aber bei entsprechender Lebensweise und Anamnese sollten Gynäkologen an die Syphilis denken. Gerade bei Risikogruppen muss neben dem Test, der routinemäßig zu Beginn einer Schwangerschaft gemacht wird, während der neun Monate ebenfalls noch einmal nachgehakt werden, denn – so warnt der Berliner Epidemiologe – "auch während der Schwangerschaft kann sich eine Frau noch anstecken".
06.01.2007

Dieser Artikel ist enthalten in Spektrum - Die Woche, 06.01.2007

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