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Lernen: Mit Händen und Füßen

Eine Fremdsprache zu lernen ist mühsam - etwa wenn es gilt, lange Vokabellisten im Gedächtnis zu behalten. Es geht aber auch anders: Laut Forschern lässt sich durch den Einsatz von Gesten die Lernleistung erheblich steigern.
Mentale VerrenkungLaden...

Es war nach der Mittagspause, als ich die Aufmerksamkeit der Studenten meines Italienischkurses auf einen vom Band gespielten Lehrbuchdialog zu lenken versuchte. Eine Touristin in Rom, die zur Spanischen Treppe wollte, fragte einen Passanten nach dem Weg.

Also gestikulierte ich, um die Ausdrücke "a destra" (nach rechts) und "a sinistra" (nach links) anschaulich zu machen. Doch über wohlwollende Blicke hinaus ließ mein Publikum keine allzu großen Anzeichen von Interesse durchblicken. Offenbar war gerade Verdauung angesagt.

Ich bat die Studenten, mit mir gemeinsam den Text laut zu lesen und meine Gesten, die die Wortbedeutung unterstrichen, nachzuahmen. Auf diese Weise sollten sie der Touristin den Weg verständlich machen. In der darauf folgenden Sitzung forderte ich sie auf, den mittels Gesten eingeübten Dialog untereinander erneut durchzugehen. Zu meiner großen Überraschung fielen ihnen nicht nur die neuen Vokabeln ein – auch ganze Sätze kamen wie aus der Pistole geschossen! Ich staunte. Was war geschehen?

Statt nur zuzuhören und den Text zu lesen, hatten die Studenten aktiv mitgesprochen und vor allem hatten sie ihren Körper als Lernwerkzeug eingesetzt. Damals – ich spreche von 1991 – glaubte noch kaum ein Pädagoge, dass das Erlernen einer Fremdsprache mit Hilfe von Bewegung besser funktionieren könnte als durch das bloße Büffeln von Vokabellisten und Grammatikregeln.

Erste Versuche, den Körper beim Lernen einzusetzen, hatte jedoch schon 1967 der USamerikanische Psychologe James Asher unternommen. Er empfahl, Schüler zu möglichst konkreten Handlungen anzuleiten. "Go to the door" oder "open the book" sollten ihm zufolge am been gleich ausgeführt werden, um den Ausdruck zu lernen. Asher glaubte, seine Methode simuliere den Erstspracherwerb und gestalte den Lernprozess daher besonders natürlich.

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Die Nachteile eines solchen Vorgehens sind allerdings offensichtlich: Im Klassenzimmer kann man nur ein begrenztes Vokabular auf diese Weise entwickeln. Zudem lassen sich abstrakte Begriffe so kaum einstudieren. In der Praxis fand die Methode daher nur mäßigen Anklang.

Dass der Körper den Geist beim Lernen jedoch sehr wohl unterstützen kann, belegten Anfang der 1980er Jahre zahlreiche Studien. Der Psychologe Johannes Engelkamp und seine Mitarbeiter an der Universität Saarbrücken wiesen damals nach, dass man Wörter und einfache Sätze mit Hilfe von Gesten besser behält als nur durch Lesen und Hören. Im Gegensatz zu den Anweisungen von Asher führten die Testpersonen hier die Handlungen nicht konkret aus. So gab es beispielsweise keine Zahnbürste, um "Zähne putzen" tatsächlich auszuführen. Stattdessen sollten sie die Handlung mit einer entsprechenden Geste simulieren. Die Forscher führten diesen Effekt auf eine "motorische Spur" zurück, welche die Ausführung von Bewegungen zusätzlich in das Wortgedächtnis einbaue. Damit erweiterten Sie die damals gängige "Theorie der dualen Kodierung" des Kanadiers Allan Paivio. Er war davon ausgegangen, das Gehirn speichere vor allem zwei Arten von Informationen – visuelle und verbale. Amerikanische und skandinavische Psychologen bestätigten Engelkamps Ergebnisse in der Folge – leider sollte es aber noch sehr viele Jahre dauern, bis dieses Wissen die Praxis des Sprachenunterrichts erreichte.

Eine erfundene Sprache lernen

1995 untersuchte die Französischprofessorin Linda Quinn-Allen von der University of Northern Iowa als erste systematisch den Einsatz von innerhalb einer Kultur geläufigen Gesten beim Fremdsprachenlernen. Sie brachte ihren (englischsprachigen) Studenten kurze französische Sätze bei. Zum Beispiel zeigte sie für "Veux-tu quelque chose à boire?" (Möchtest du etwas zu trinken?) mit dem ausgestreckten Daumen auf den offenen Mund. Die Studenten behielten dank dieser Lernstrategie deutlich mehr Sätze im Gedächtnis.

Studien wie die von Quinn-Allen lassen allerdings häufig außer Acht, inwieweit manchen Sprachschülern ein eventuelles Vorwissen aus verwandten Sprachen wie Spanisch oder Italienisch hilft. Um eine Verfälschung der Ergebnisse durch Vorkenntnisse zu vermeiden, benutzte ich in meinen eigenen Experimenten fiktive Vokabeln, die so klangen, als seien sie italienisch und wies ihnen eine Bedeutung im Deutschen zu. In einer meiner Untersuchungen von 2003 durften die Testpersonen die Kunstwörter dann entweder mit oder ohne Gesten lernen.

Wie sich zeigte, erinnerten sie sich anschließend auch an die neu geschaffenen Wörter besser, wenn sie sie mit Körperbewegungen unterstützten. Besonders interessant war die Langzeitwirkung der Gesten: Nach 14 Monaten konnten die Probanden immer noch etwa zehn Prozent der Wörter wiedergeben. Bei den per Bild und Text gelernten Vokabeln lag die Quote nach dieser Zeit dagegen nur bei gut einem Prozent!

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Höhere Komplexität | Lernen wir ein Wort mit Hilfe einer Geste, aktiviert dies im Gehirn ein deutlich komplexeres Netzwerk, als das Lernen anhand von Texten oder per Ton und Bild. Neben den für Sprache zuständigen Hirnbereichen feuern auch Neurone in motorischen Kortexarealen sowie im Kleinhirn. Darüber hinaus zeigt sich vermehrte Aktivität im Parietalkortex, der Reize verschiedener Sinnesmodalitäten miteinander verknüpft; auch frontale Hirnareale spielen eine Rolle. Auf Grund der stärkeren Vernetzung können wir uns mit Gesten gelernte Wörter leichter merken.

Warum können Gesten die Behaltensleistung überhaupt steigern? Lange Zeit gingen Forscher davon aus, Wörter seien in einer Art "mentalem Lexikon" gespeichert. Studien mittels bildgebender Verfahren offenbarten später jedoch, dass unser Denkapparat die Bedeutung von Wörtern in erfahrungsabhängigen, flexiblen Netzwerken kodiert. Was bedeutet das? Beim klassischen Vokabellernen hören oder lesen wir die Worte und wir sprechen sie vielleicht noch nach. Dabei werden relativ wenige Hirnregionen eingebunden (siehe rechtes Bild oben). Durch das Trainieren von Gesten kommen dagegen mehr Areale und Gehirnstrukturen zum Einsatz – das Wort beschäftigt dann nicht nur die überwiegend mit Sprache betrauten Hirnregionen, sondern zusätzlich auch motorische und visuelle Bereiche. Das erleichtert das spätere Erinnern des Begriffs: Weil die verschiedenen Bereiche des Gedächtnisses – hören, sehen, sprechen, körperliche Erfahrung<  – miteinander verbunden sind, reicht es, einen Punkt dieses neuronalen Netzes zu aktivieren, damit die Aktivität automatisch die anderen Bestandteile des Netzwerks erreicht (siehe linkes Bild auf S. 34). Große Netzwerke sind zudem weniger anfällig fürs Vergessen – einen Verfallsprozess, bei dem im Lauf der Zeit die eine oder andere neuronale Verknüpfung gelöst wird.

Wer beim Vokabellernen gestikuliert, bei dem ähneln die im Gehirn mit dem Wort verbundenen Muster ein bisschen mehr jenen, die wir als Kinder beim Lernen unserer Muttersprache entwickelt haben: Ein Kleinkind, dem die Mutter eine Banane gibt, sieht die Frucht, fasst sie an, riecht an ihr und kostet sie. Jene Bereiche des Gehirns, die durch Wahrnehmung und Interaktion mit der Frucht gleichzeitig aktiv werden, verbinden sich zu einem ausgedehnten Netzwerk.

Einige Wissenschaftler erforschen, wie Gesten am besten aussehen sollten, damit sie das Lernen optimal fördern. Steigert jede x-beliebige Bewegung die Behaltensleistung beim Vokabellernen? In einer Studie des Psychologen Spencer Kelly und seiner Kollegen erwiesen sich bedeutungsvolle Bewegungen als besonders wirkungsvoll. Die Forscher von der Colgate University in Hamilton (USA) hatten ihren Probanden zwölf japanische Verben beigebracht – sechs mit ikonischen Gesten, die die Wortbedeutung illustrierten, sowie sechs mit inkongruenten, zum Inhalt unpassenden Gesten. Erstere behielten die Testpersonen deutlich besser, wie die Abfrage eine Woche nach dem Lerndurchgang belegte.

Beliebig oder gezielt?

Doch müssen die Gesten bedeutungsvoll sein oder reicht eine beliebige – weder kongruente noch inkongruente – Bewegung, damit man sich das Wort besser merkt? Dieser Frage ging ich in einer 2011 veröffentlichten Studie mit Kollegen vom Max-Planck-Institut für Kognitions- und Neurowissenschaften in Leipzig nach.

Wir trainierten 33 Studienteilnehmer in der Kunstsprache "Vimmi": 46 Vokabeln sollten zusammen mit Gesten gelernt werden, die den Wortinhalt bildlich verdeutlichten (zum Beispiel stufenförmige Armbewegungen für "Treppe"; siehe Bildsequenz unten). Zusätzlich baten wir die Probanden, sich 46 andere Vokabeln mit willkürlichen Bewegungen wie dem Strecken der Arme oder Kratzen am Oberschenkel für zum Beispiel "Fenster" einzuprägen. Auch in unserem Experiment brachten die sinnvollen Gesten einen größeren Lernerfolg.

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Anschauliche Bewegungen | Probanden profitierten beim Fremdsprachenlernen besonders von Gesten, die den Wortinhalt verdeutlichen. Diese Sequenz veranschaulicht das Wort »Treppe«, das es in der Kunstsprache »Vimmi« zu lernen galt.

Im Anschluss an die Lernphase untersuchten wir mit Hilfe funktioneller Magnetresonanztomografie (fMRT), wie die Denkorgane unserer Vimmi-Schüler auf die unterschiedlichen Wörter ansprachen. Dazu präsentierten wir ihnen die 92 Wörter noch einmal, während die Teilnehmer im Hirnscanner lagen. Das Ergebnis: Solche, die mit sinnvollen Gesten gelernt worden waren, führten zu mehr Aktivität in den motorischen Arealen als jene, bei denen die Gesten keinen Bezug zur Wortbedeutung hatten. Letztere aktivierten im Gehirn vielmehr ein Netzwerk um den zingulären Kortex, das auf Inkongruenz zwischen Geste und Wortbedeutung hinweist.

Lassen sich auch abstrakte Wörter mit Gesten einüben? Gemeinsam mit meinem Kollegen Thomas Knösche ging ich dieser Frage nach. Eine weitere Gruppe von Versuchspersonen lernte diesmal 32 ganze Sätze aus der Kunstsprache Vimmi, wie zum Beispiel "nelosi otu tioda sigule" (auf Deutsch: "Der Wissenschaftler vertritt zunächst die Theorie").

Jeder Satz bestand aus vier Wörtern: Nur das erste war dabei konkret, die anderen abstrakt. Bei 16 solchen Sätzen sahen die Probanden zusätzlich zu jedem Wort ein Video mit einer Geste, die sie unmittelbar wiederholten. Für abstrakte Substantive war sie illustrativ und erzählte gleichzeitig eine kleine, nachvollziehbare Geschichte. Für das Wort "Theorie" etwa schlug die Person im Video die Hände wie die Seiten eines Buchs auf und drehte den Kopf dabei einmal nach links und nach rechts, als ob sie im Buch lesen würde. Bei Adverbien wurden die Gesten hingegen willkürlich erfunden: Für "schon" wurden beispielsweise die Arme gleichzeitig gesenkt.

Es kann also nicht schaden, wenn Sprachlehrer in ihren Unterricht die eine oder andere Geste einstreuen und die Schüler animieren, sie an passender Stelle zu wiederholen.

Unsere Studie bestätigte, dass Gesten auch die Behaltensleistung abstrakter Wörter steigern – egal, ob es sich um Substantive, Verben oder Adverbien handelt. So konnten die Probanden mit Gesten gelernte Begriffe besser vom Deutschen ins Vimmi übersetzen und umgekehrt. Außerdem verbessert die Methode nicht nur den Abruf einzelner Vokabeln, sondern wirkt auch positiv auf die Sprachproduktion an sich: Die Probanden verwendeten besonders häufig die mit Gesten gelernten Wörter, als wir sie dazu aufforderten, neue Sätze aus ihrem Vimmi-Vokabular zu bilden. Letzteres freute uns besonders, da der Einsatz von Bewegungen demnach nicht nur den passiven Wortschatz, sondern auch den aktiven Sprachgebrauch fördert.

Gesten, die Wörter einer fremden Sprache begleiten, verankern diese stärker im Gedächtnis. Doch mit einer beliebigen Bewegung ist unser Gehirn nicht zufrieden: Je besser die Geste den Wortinhalt abbildet, desto wirkungsvoller ist sie. Bei abstrakten Wörtern hilft aber manchmal auch eine bedeutungslose Handbewegung. Es kann also nicht schaden, wenn Sprachlehrer in ihren Unterricht die eine oder andere Geste einstreuen und die Schüler animieren, sie an passender Stelle zu wiederholen. Probieren geht über studieren!

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  • Quellen

Allen, L. Q.: The Effects of Emblematic Gestures on the Development and Access of Mental Representations of French Expressions. In: The Modern Language Journal 79, S. 521–529, 1995

Engelkamp, J., Krumnacker, H.: Imaginale und motorische Prozesse beim Behalten verbalen Materials. In: Zeitschrift für Experimentelle und Angewandte Psychologie 27, S. 511–533, 1980

Kelly, S. D. et al.: Brief Training with Co-Speech Gesture Lends a Hand to Word Learning in a Foreign Language. In: Language and Cognitive Processes 24, S. 313–334, 2009

Macedonia, M. et al.: The Impact of Iconic Gestures on Foreign Language Word Learning and Its Neural Substrate. In: Human Brain Mapping 32, S. 982–998, 2011

Macedonia, M., Knösche, T. R.: Body in Mind: How Gestures Empower Foreign Language Learning. In: Mind, Brain, and Education 5, S. 196–211, 2011

Tellier, M.: The Effect of Gestures on Second Language Memorisation by Young Children. In: Gesture 8, S. 219–235, 2008

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