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Tierphysiologie: Mit Kompass auf Mottenjagd

Wenn der kalte Herbstwind die Falter von den Straßenlaternen verscheucht, wird es für einige Fledermäuse Zeit, ihr Jagdrevier zu wechseln. Bis zu 1600 Kilometer fliegen die Tiere auf ihrer Suche nach lebendigem Krabbeltier. Aber wer sagt den Säugern, in welche Richtung sie ziehen müssen?
Fledermaus im FlugLaden...
Nur noch gelegentlich kommt eine träge Motte vorbei geflattert. Es ist Herbst. Wenn das Futter knapp wird und der Frost auf die Dachböden zieht, wird es für die hungrigen Fledermäuse Zeit, ein wärmeres Quartier zu suchen. Doch wie finden die Tiere den Ort, an dem die schmackhaften Falter noch in Schwärmen in der Luft tanzen? Sie können nicht gut sehen, ihr Ultraschallsinn eignet sich nur für die Nahortung – in der Ferne verliert sich das Echo.

Kunst der Navigation

Fledermäuse verlassen sich bei längeren Flügen auf ihren siebten Sinn. Die pelzigen Tiere haben einen inneren Kompass, mit dem sie sich am Erdmagnetfeld orientieren. Zu diesem Ergebnis kamen unlängst Wissenschaftler, als sie Fledermäuse unterschiedlich ausgerichteten Magnetfeldern aussetzten und beobachteten, in welche Richtungen die Tiere flogen: Wie Eisenspäne konnten die Forscher die Säugetiere mit dem Magneten steuern.

Eine Forschergruppe um Stuart Parsons von der Universität Auckland wollte genauer wissen, was hinter den Kompassnadeln der pelzigen Tiere steckt. Die Wissenschaftler fuhren zum Dule Tempel in Tianjin, 100 Kilometer östlich von Peking, fingen Exemplare von Abendseglern (Nyctalus plancyi), einer Fledermausart aus der Gruppe der Glattnasen, und brachten sie in die Chinese Acadamy of Science in Peking. Endstation der Reise war ein umgedrehter Plastikkorb zwischen Magnetspulen in einer dunklen Kammer.

Mit Hilfe der Spulen konnten die Forscher das Magnetfeld in der neuen Heimat der Fledermäuse vielfältig manipulieren, während eine Infrarotkamera die Reaktionen der Tiere filmte. Ziel der Untersuchungen war es herauszufinden, welche Komponenten des Erdmagnetfelds die Tiere wahrnehmen. Registrieren sie den Neigungswinkel der Magnetfeldlinien relativ zur Erdoberfläche, also die Inklination, oder deren Richtung und damit die Polarität des Magnetfelds?

Änderten die Forscher die Inklination, so zeigten die Glattnasen keinerlei Reaktion. Drehten die Forscher aber an der Polung des Feldes, so reizten sie den siebten Sinn der Säuger: Die Tiere reagierten auf die Änderung und wechselten von einer Korbseite in die gegenüberliegende.

Eine Frage der Polarität

Das Ergebnis war eindeutig: Fledermäuse haben ein "Gespür" für die Polung des Erdmagnetfelds. Doch was bedeutet das für die Tiere? Hier können die Wissenschaftler nur spekulieren: Die Säuger könnten mit ihrem Polaritäts-Kompass über die Stärke des lokalen Magnetfelds auf ihre exakte geographische Lage schließen, glauben die Forscher.

Damit sind Fledermäuse – neben Graumullen – die zweite Tiergruppe, von der man weiß, dass ihre Kompassnadel die Polarität und nicht die Inklination des Magnetfelds anzeigt. Zahlreiche andere Tiere, zum Beispiel einige Vögel, Krebse, Amphibien und Säuger, nehmen allein die Inklination wahr. So zeigt der Magnetsinn einiger Vögel zwar an, ob sie sich eher in Äquator- oder in Polnähe aufhalten, nicht aber, ob sie sich auf der Nord- oder Südhalbkugel befinden.

Auch einige Falter nutzen das Erdmagnetfeld als Wegweiser, wenn sie jeden Herbst zu ihren Überwinterungsgebieten ziehen. So wandern beispielsweise Totenkopfschwärmer mit ihrem Kompass Tausende von Kilometern in warme Regionen. Ob die Fledermäuse dort schon auf sie warten?
14.09.2007

Dieser Artikel ist enthalten in Spektrum - Die Woche, 14.09.2007

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