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Binarale Rivalität: Mit rechtem Riecher

Unserem Riechorgan wird eher wenig zugetraut. Dabei findet hier vollkommen unbemerkt ein Konkurrenzkampf zwischen rechts und links statt.
Nase
Doppelt hält bekanntlich besser. Und so treten auch unsere Sinnesorgane – Augen, Ohren und Nasenlöcher – gleich paarweise auf. Beim Sehsinn leuchtet der Vorteil unmittelbar ein, ermöglicht doch das Augenpaar den räumlichen Tiefeneindruck des binokularen Sehens. Und unsere zwei Ohren können auf Grund winziger Gangunterschiede des einlaufenden Schalls die Richtung eines Geräuschs orten. Doch wozu zwei Nasenlöcher?

Nun besitzen manche Tiere durchaus ein feines Näschen und sind mit ihrem paarig angelegten Riechorgan sicherlich zu einer Art "Richtungsriechen" in der Lage. Und mit ausgeklügelten Experimenten lässt sich nachweisen, dass auch Menschen Gerüche orten können. Im Alltag spielt diese Fähigkeit aber wohl eher eine untergeordnete Rolle.

Der räumliche Eindruck beim Hören und Sehen beruht auf kleinen Wahrnehmungsdifferenzen zwischen rechts und links. Wenn allerdings komplett unterschiedliche Sinneseindrücke auf beide Seiten einprasselt, taucht ein interessanter Effekt auf: Das Gehirn mittelt nicht – wie man zunächst vermuten könnte – rechte und linke Informationen zu einem Mischbild, stattdessen springt die Wahrnehmung binnen Sekunden hin und her. Die Augen stehen bei dieser "binokularen Rivalität" im Wettstreit, so dass wir entweder nur das rechte oder nur das linke Bild sehen.

Ähnliches kennen Sinnesphysiologen auch vom Gehör: Wenn rechts und links der gleiche, aber um eine Oktave verschobene Ton erschallt, nehmen die meisten Hörer einen einzigen Klang wahr, der zwischen den Seiten hin und her pendelt und dabei seine Tonlage verschiebt. Gibt es eine solche Konkurrenz auch in unserer Nase?

Die Psychologen Wen Zhou und Denise Chen von der Rice University in Houston machten die Geruchsprobe aufs Exempel: Den Nasenlöchern ihrer zwölf Probanden präsentierten sie abwechselnd jeweils ein Fläschchen unterschiedlichen Inhalts. Auf der einen Seite entströmte rosenartig duftendes Phenylethanol, auf der anderen n-Butanol, dessen Geruch eher an einen Filzstift erinnert.

Tatsächlich nahmen die Testriecher keinen Mischgeruch wahr. Vielmehr erschnupperten sie entweder eine blühende Rose oder einen süßlich duftenden Stift. Demnach konkurrieren wie bei der binokularen Rivalität des Sehsinns auch die Öffnungen unseres Riechorgans miteinander. Nach dem lateinischen Wort naris für Nasenloch tauften die Forscher das Phänomen "binarale Rivalität".

Doch wo entsteht diese Konkurrenz? Bereits in der Nase oder in höheren Hirnzentren? Um dies herauszufinden, machten sich die beiden Wissenschaftler die Adaptationsfähigkeit des Riechsinns zu nutze: Sobald ein Geruch häufiger auftaucht, steigt die Wahrnehmungsschwelle. Erschnupperten die Probanden im rechten Nasenloch einen Duftstoff, den zuvor bereits die linke Seite genießen konnte, war auch hier der Sinneseindruck schwächer – obwohl der Geruch für diese Seite gänzlich neu war. Schlussfolgerung: Hauptsächlich das Gehirn sorgt für die binarale Rivalität. Allerdings trat der Adaptationseffekt stärker auf, wenn der gleiche Duftstoff in dieselbe Nasenöffnung strömte. Demnach scheint hierbei auch der Gesichtserker kräftig mitzumischen.

Unsere Nase sollten wir also nicht unterschätzen. Doch für die hohe Kunst des "räumlichen Riechens" reicht es wohl nicht ganz.

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