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Mittani-Reich: Versunkene Stadt am Tigris freigelegt

Über 40 Jahre lang blieb eine bronzezeitliche Stadt im Mosul-Stausee verschwunden. Nun konnte sie nach anhaltender Trockenheit freigelegt werden.
Bronzezeitliche Stadt am Tigris schmal

Fachleute haben eine 3400 Jahre alte Stadt am Tigris ausgegraben. Die Überreste der bronzezeitlichen Stadt waren zuvor einige Jahrzehnte lang im irakischen Mosul-Stausee versunken gewesen, dessen Wasserstand auf Grund von extremer Trockenheit zuletzt stark gesunken war. Das berichtet ein deutsch-kurdisches Ausgrabungsteam in einer Pressemitteilung der Universität Freiburg. Bei der Stadt könnte es sich um das alte Zachiku handeln, ein wichtiges Zentrum des Großreichs von Mittani, das zwischen 1550 und 1350 v. Chr. existiert hatte.

Besonders der Süden des Irak war Ende 2021 von einer anhaltenden Dürre betroffen. Um die Felder weiterhin bewässern zu können, seien große Wassermengen aus dem Stausee abgelassen worden, berichten die Forschenden. In der Folge sei der Wasserpegel des Sees so weit abgesunken, dass die Stadtanlage am Rand des Gewässers in Kemune wieder zum Vorschein kam. Die Ausgrabung fand bereits Anfang 2022 statt – bevor die archäologische Stätte wieder im See verschwand.

Lehmbauten in erstaunlich gutem Zustand

Die Fachleute konnten den Stadtplan weitgehend rekonstruieren und einige bisher unbekannte Großbauten freilegen: darunter eine massive Befestigungsanlage, ein mehrstöckiges Magazingebäude sowie einen Werkstattkomplex. Erstaunlich sei, dass die Bauwerke aus Lehmziegeln noch so gut erhalten sind, merkten die Forschenden an – obwohl die Überreste zuletzt über 40 Jahre lang unter Wasser gelegen hatten. Für den guten Zustand dürfte ein schweres Erdbeben um 1350 v.Chr. gesorgt haben: Einstürzende Mauern hatten die Gebäude unter sich begraben und konserviert.

Außerdem entdeckte das Ausgrabungsteam fünf Keramikgefäße mit einem Archiv aus über 100 Keilschrifttafeln, die wahrscheinlich kurz nach dem Erdbeben entstanden waren. Einige dieser Tafeln steckten sogar noch in Tonumschlägen. Bei ihnen handelt es sich möglicherweise um Briefe. »Dass die Keilschrifttafeln aus ungebranntem Ton so viele Jahrzehnte unter Wasser überdauert haben, grenzt an ein Wunder«, sagt der mitverantwortliche Archäologe Peter Pfälzner von der Universität Tübingen in der Pressemitteilung. Die Keilschrifttafeln könnten neue Erkenntnisse über das Ende der versunkenen Stadt und den Beginn der assyrischen Herrschaft in der Region liefern.

Keramikgefäß mit Keilschrifttafeln | Die über 100 entdeckten Keilschrifttafeln sind vermutlich kurz nach dem Erdbeben um 1350 v.Chr. entstanden. Eine der Tafeln steckt noch in ihrer ursprünglichen Tonhülle.

Zum Ende der Ausgrabung ergriffen die Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler noch einige Schutzmaßnahmen: Sie deckten die freigelegten Gebäude mit einer Plastikfolie ab und bedeckten diese mit Kies, in der Hoffnung, die Lehmmauern vor weiteren Wasserschäden zu bewahren. Mittlerweile ist die Ausgrabungsstätte wieder vollständig im Stausee verschwunden.

Dass der Mosul-Stausee mit sinkendem Wasserspiegel archäologische Stätten zum Vorschein bringt, ist schon einmal passiert: Im Jahr 2018 legten Forschende die Überreste eines großen Palastes frei, der einst oberhalb des Tigristals thronte. Wahrscheinlich schloss sich im Norden des Palastes eine größere Stadt an. Innerhalb der Palasträume entdeckten die Archäologinnen und Archäologen ebenfalls mittanische Keilschrifttafeln mit Hinweisen darauf, dass es sich bei dem Ort Kemune vermutlich um die Stadt Zachiku handelte.

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