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News: Mittelalterliches Spektakel

Vor mehr als 800 Jahren wurden einige Männer in der Nähe von Canterbury Zeugen eines spektakulären Naturschauspiels. Die hell leuchtende Sichel des Neumondes erzitterte, schien sich gar aufzuspalten und heftige Explosionen ließen den Mond beben. Hatte der Chronist aus jener Zeit womöglich den letzten großen Meteoriteneinschlag auf dem Mond beschrieben? Wohl kaum, denn ein solches Ereignis hätte die Menschen sicher in apokalyptische Angst versetzt.
"In diesem Jahr, am Sonntag vor dem Fest Johannes des Täufers [18. Juni 1178], nach Sonnenuntergang, gerade als des Mondes erste feine Sichel sichtbar war, wurden fünf oder mehr Männer Zeugen eines phantastischen Ereignisses. Wie immer zur Zeit kurz nach Neumond zeigten die Enden der Sichel nach Osten, als sich das obere Ende mit einem Mal in zwei Teile spaltete. Aus dem Spalt sprang eine flammende Fackel hervor und versprühte über eine große Entfernung Feuer, heiße Kohlen und Funken. Unterdessen bebte der Mond wie in großer Furcht und, um mit den Worten derjenigen zu sprechen, die dies mit eigenen Augen sahen, der Mond wand sich wie eine verwundete Schlange. Das Schauspiel wiederholte sich einige Dutzend mal, und nachdem sich der Mond beruhigt hatte, erschien die Sichel in einem dunklen Licht."

So steht es geschrieben in einer über 800 Jahre alten mittelalterlichen Schrift des englischen Geschichtsschreibers Gervase of Canterbury (ca. 1141-1210). Was damals genau geschah, darüber zerbrachen sich die Astronomen erst viel später den Kopf. Zu den langlebigsten Theorien gehört sicher die von Jack Hartung von der State University of New York, der 1976 verkündete, dass an jenem Abend auf dem Mond ein bis zu drei Kilometer großer Meteorit einschlug und ein 22 Kilometer durchmessendes Loch riss. Dieser, 1961 nach dem italienischen Naturphilosophen Giordano Bruno (ca. 1548-1600) benannte Krater befindet sich ziemlich genau im Mittelpunkt der noch schmalen Sichel, an der Stelle, wo sie sich einst augenscheinlich in zwei Teile spaltete.

Hartungs Argumente blieben zwar nicht ohne Widerspruch, fanden aber dennoch weitgehende Anerkennung. Es gab wohl schlichtweg keine Alternative – bis jetzt. Denn Paul Withers von der University of Arizona rechnete nach, rekonstruierte und ergründete, was damals geschah, oder besser, was geschehen wäre, wenn. Und kommt zu dem Schluss, dass der Einschlag eines solchen Brockens weit schwerwiegendere Folgen gehabt hätte, als ein turbulentes Feuerwerk. An die zehn Millionen Tonnen Mondgestein wären dem Schwerefeld des Mondes entrissen worden, und Myriaden von Sternschnuppen hätten in den folgenden Wochen den irdischen Himmel erleuchtet. Ob in England, Arabien oder China, in den Chroniken aller Kulturen wäre sicherlich von einem Ereignis apokalyptischen Ausmaßes die Rede gewesen.

Hartung hatte seinerzeit sogar das leichte Hin- und Herdrehen des Mondes - die so genannte Libration - als Nachwirkung des Meteoriteneinschlags gesehen. Doch auch da muss er sich neueren Erkenntnissen beugen, denn die Libration ist vielmehr Ausdruck von Dichteschwankungen im Mondinneren. Und zu guter Letzt lassen die Aufnahmen der Clementine-Sonde darauf schließen, dass der Giordano-Bruno-Krater zwar in der Tat der jüngste aller größeren Mondkrater ist, jedoch viel älter als 800 Jahre sein muss.

Aber was erschien der Männergruppe dann während jenes frühsommerlichen Abends im Jahr 1178? Geht man davon aus, dass ihnen nicht etwa eine gesellige Zusammenkunft den Geist trübte, so wird es wohl ein einige Kilogramm schwerer Meteorit gewesen sein, der direkt entlang der Sichtlinie zum Mond in die Atmosphäre eintauchte. Dabei erhitzte er sich, zerfiel in zahlreichen heftigen Explosionen und versprühte dabei Feuer, heiße Kohlen und Funken.

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