Direkt zum Inhalt

Mittelmeer: Das heimliche Leben von Spaniens Weißen Haien

Sie sind wie Phantome. Doch ab und an zeigen sie sich: Vor der spanischen Küste scheint sich ein Bestand der gefürchteten Raubfische zu halten.
Ein Weißer Hai schwimmt im klaren blauen Wasser des Ozeans. Der Hai ist frontal zu sehen, mit geöffnetem Maul und sichtbaren Zähnen. Die Flossen sind ausgebreitet, und die Oberfläche des Wassers ist leicht wellig.
Dieser Weiße Hai schwimmt vor Mexiko im Ozean. Doch die Art gibt es auch im Mittelmeer.

Im Jahr 2023 zogen Fischer vor der spanischen Mittelmeerküste einen jungen Weißen Hai aus dem Wasser (Carcharodon carcharias) – ein Fang, der nicht nur sie überraschte. Vermehrten sich die Raubfische tatsächlich in der Region, oder handelte es sich schlicht um ein Jungtier, das aus Gewässern deutlich weiter östlich stammte und sich zufällig in spanisches Hoheitsgebiet verirrt hatte? Ein Team um José Carlos Báez vom Spanischen Institut für Ozeanforschung nahm das Ereignis jedenfalls zum Anlass, um Fangdaten seit 1862 auszuwerten. Damit wollten sie herausfinden, wie oft in diesem Teil des westlichen Mittelmeers Weiße Haie gefischt und beobachtet werden.

Wegen Spielbergs Filmklassiker »Der Weiße Hai« haben die Tiere einen schlechten Ruf, dabei stellen wir für sie eine deutlich größere Gefahr dar als umgekehrt: Weltweit ist der Bestand der Art stark zurückgegangen, und die Spezies gilt als bedroht. Das trifft gerade auch für das Mittelmeer zu, wo sie fast verschwunden ist. Meist werden die Tiere als Beifang nachgewiesen, nur selten gibt es Lebendbeobachtungen. Das betrifft besonders Jungtiere. Unklar ist beispielsweise, wo sich die Art vermehrt: Als mögliche Paarungs- und Geburtsstätten gelten die Straße von Sizilien, der Golf von Gabès vor der tunesischen Küste und womöglich die nordwestliche Ägäis, in der seit 2008 elf Junghaie nachgewiesen wurden. Spanische Gewässer hatte man dagegen bislang weder als Kinderstube noch als wichtiges Verbreitungsgebiet in Betracht gezogen.

Die Daten von Báez und Co. zeigen jedoch, dass die Weißen Haie selten, aber doch einigermaßen beständig vor der spanischen Küste aufkreuzen – überwiegend parallel zur Wanderung von Blauflossentunfischen, die saisonal die Region durchqueren. Das Vorhandensein dieser Beute zieht also wahrscheinlich die Haie an. Vor allem rund um die Balearen häuften sich die Nachweise, während die Sichtungen und Fänge vor dem Festland nur vereinzelt sind. Überwiegend handelte es sich dabei um erwachsene Tiere; Jungfische sind eine sehr seltene Ausnahme. Unklar sei deshalb, ob sich die Weißen Haie tatsächlich hier fortpflanzten.

Große Raubfische wie der Weiße Hai spielen eine essenzielle Rolle im Meeresökosystem, weil sie kleinere Arten im Zaum halten oder durch bloße Anwesenheit abschrecken, auch Aas fressen und nach ihrem Tod als relativ große Kadaver vielen anderen Spezies nutzen. Verschwinden sie, können sich daher ganze Lebensräume wie Seegraswiesen oder Tangwälder verändern oder diese sterben ab, weil sie dann durch die potenzielle Beute übernutzt werden.

WEITERLESEN MIT »SPEKTRUM +«

Im Abo erhalten Sie exklusiven Zugang zu allen Premiumartikeln von »spektrum.de« sowie »Spektrum - Die Woche« als PDF- und App-Ausgabe. Testen Sie 30 Tage uneingeschränkten Zugang zu »Spektrum+« gratis:

Jetzt testen

(Sie müssen Javascript erlauben, um nach der Anmeldung auf diesen Artikel zugreifen zu können)

  • Quellen
Báez, J. et al., Acta Ichthyologica Et Piscatoria 10.3897/aiep.56.173786, 2026

Schreiben Sie uns!

Wenn Sie inhaltliche Anmerkungen zu diesem Artikel haben, können Sie die Redaktion per E-Mail informieren. Wir lesen Ihre Zuschrift, bitten jedoch um Verständnis, dass wir nicht jede beantworten können.

Partnerinhalte

Bitte erlauben Sie Javascript, um die volle Funktionalität von Spektrum.de zu erhalten.