Altes Ägypten: Prinzessinnen, die professionelle Kämpferinnen waren?

Kämpfen, kauern, Bogenschießen – offenbar haben sich ägyptische Prinzessinnen vor rund 3900 Jahren nicht geschont. Das ergab eine Untersuchung an Skeletten aus dem Pyramidenfeld von Dahschur, etwa 40 Kilometer südlich von Kairo. Veränderungen an den Knochen würden nahelegen, dass die Königstöchter geübte Bogenschützinnen waren und sogar mit Dolchen hantierten. So schreiben es Fachleute um Zeinab Hashesh von der Universität im ägyptischen Bani-Suwaif in »Frontiers in Environmental Archaeology«. Einige Skelette zeigten auch Spuren von verheilten Brüchen, die wahrscheinlich von Stürzen oder Schlägen herrührten. Außerdem hätten die Prinzessinnen häufig kniend verharren müssen.
Das Leben dieser herrschaftlichen Frauen war offenbar hart. So hart, dass sich ihre Bewegungen in den Knochen niederschlugen. »Enthesiale Veränderungen – also die Umbildung von Stellen, an denen Muskeln und Sehnen am Knochen ansetzen – können durch verschiedene wiederholte körperliche Belastungen entstehen«, erklärt Erstautorin Hashesh. Solche veränderten Ansatzpunkte fanden sie und ihre beiden Mitautoren an den Überresten der Prinzessinnen: Die Enthesen würden von einer kräftigen Muskulatur an Armen, Fingern und Handflächen zeugen und teils asymmetrisch ausgebildet sein – eine Körperseite war demnach stärker beansprucht als die andere. Bei den Toten aus Dahschur, davon ist Hashesh überzeugt, rührten diese Veränderungen vom Waffengebrauch her. »Weil diese Skelettmerkmale eng mit den Grabbeigaben übereinstimmen«, so die Ägyptologin und Bioarchäologin.
In den Gräbern kamen Dolche, Keulen und Bögen ans Licht, die nach Ansicht von Hashesh keine rein symbolische Bedeutung fürs Jenseits hatten. Vielmehr hätten sich die Prinzessinnen aus der Zeit des späten Mittleren Reichs (circa 1850 bis 1700 v. Chr.) intensiv an Waffen geübt. Die veränderte Form der Knochen verrate, dass besonders solche Muskelpartien ausgeprägt waren, die man für den sogenannten Bogengriff oder das Führen eines Dolchs brauchte.
Diese Schlussfolgerung überzeugt hingegen nicht jeden. »Ich bezweifle, dass man anhand der Knochen so präzise sagen kann, was die Frauen im Leben gemacht haben«, sagt der Ägyptologe Wolfram Grajetzki, der am University College in London lehrt und über die Bestattungen von Frauen im Mittleren Reich geforscht hat. Beigaben wie Pfeile und Dolche würden zwar plausibel machen, dass die Königstöchter mit Waffen trainierten, »aber die Annahme bleibt spekulativ«, erklärt auch der Bioarchäologe Sébastien Villotte vom französischen Forschungszentrum CNRS und dem Muséum national d’Histoire naturelle in Paris. Wie Grajetzki war er nicht an der Studie beteiligt
Die Skelette der Schwestern Ita (A), Chnumet (B), Ita-weret (C) und wahrscheinlich Sat-Hathor-merit (D) sind nicht mehr vollständig erhalten.
Haut und Fleisch zerfielen bei der geringsten Berührung
Neben den Überresten der fünf Frauen analysierte die Gruppe auch die Gebeine von Pharao Hor. Erhalten sind von allen sechs untersuchten Mumien lediglich Teile des Skeletts; maximal etwas mehr als die Hälfte. Bereits der Ausgräber Jacques de Morgan (1857–1924) schilderte um 1900, dass Haut und Fleisch der Mumien bei geringster Berührung zerfielen. Heute fehlen auch die Schädel der Königstöchter.
Bei den Prinzessinnen handelt es sich um die Schwestern Chnumet, Ita, Ita-weret und wahrscheinlich Sat-Hathor-merit aus der 12. Dynastie. Inschriften auf den Särgen und Beigaben nennen ihre Namen. Nicht ganz gesichert ist aber, ob sie tatsächlich die Töchter von König Amenemhet II. waren, der etwa von 1911 bis 1877 v. Chr. über das Land am Nil regierte.
Die Mumien lagen in unterirdischen Grabkammern neben der Pyramide von Pharao Amenemhet II. in Dahschur. Und ihre Gräber hatten es in sich: De Morgan fand viele davon weitgehend unberührt vor – samt Mumien, bestückt mit Gold- und Silberschmuck, Karneol und Lapislazuli. Neben den Toten fanden sich Dolche, Keulen, Szepter, Wedel und Bögen. Ebenso reich waren die Grablegen von König Hor aus der 13. Dynastie (etwa 1800 bis 1650 v. Chr.) und Prinzessin Nub-hetepti-chered in Dahschur ausgestattet. De Morgan stieß auf ihre Schachtgräber bei der Pyramide von Amenemhet III.
Ob die Gräber der königlichen Frauen etwas über deren Leben verraten, ist ungewiss. Aus dem sonst kunstreichen Ägypten blieben nicht viele Darstellungen von Königskindern des Mittleren Reichs erhalten. Gut möglich, dass sie im ägyptischen Staat nur eine Nebenrolle spielten. »Man weiß sehr wenig zu den Königstöchtern«, erläutert Grajetzki. »Meist kennt man nur ihr Grab und ihren Namen.« Über die Prinzen habe noch weniger die Zeiten überdauert. »Das ist 4000 Jahre her – es ist überhaupt ein Wunder, dass wir ihre Namen haben«, so der Ägyptologe.
Der Haken an der Sache
Die wenigen Belege sprechen also weder für noch gegen die Vorstellung, dass sich die Frauen ausgiebig an Waffen übten. Aber lassen ihre Knochen diesen Rückschluss zu? »Vorsichtig formuliert – das Muster der Enthesen könnte die Ausübung des Bogenschießens stützen«, sagt Brigitte Holt, biologische Anthropologin an der University of Massachusetts in Amherst. Sie hat gemeinsam mit ihrem Team untersucht, wie sich das Bogenschießen auf die Muskulatur auswirkt und welche Folgen die Bewegung für die Armknochen hätte – um dann an archäologischen Skelettfunden ablesen zu können, ob Menschen einst mit Pfeil und Bogen kämpften oder jagten.
Bei Bogenschützen könnten sich also entsprechende Spuren am Skelett abzeichnen. Die Sache hat nur einen Haken: Dieselben Spuren könnten auch von anderen Bewegungen stammen. »Verschiedenste Arten von wiederholten Bewegungen können Veränderungen an den Muskelansatzstellen hervorrufen«, gibt Holt zu bedenken. »Und solche Enthesen könnten so aussehen wie Anzeichen fürs Bogenschießen.«
Zum Grabinventar der Prinzessin Nub-hetepti-chered aus der 13. Dynastie gehörten Pfeile aus Holz.
Es müsse noch sehr viel mehr erforscht werden, um bessere Aussagen treffen zu können, erklärt die Anthropologin. Allerdings hätten sie und ihre Kollegen festgestellt, dass das Bogenschießen beide Arme stark beanspruche, wenn auch auf unterschiedliche Weise. »Veränderungen an den Ansatzstellen wären also auf beiden Seiten zu erwarten«, anders als es Hashesh und ihre Kollegen beschrieben haben.
Wie bewegte sich der Rest der Bevölkerung?
Dass Frauen vergangener Zivilisationen an Waffen trainierten, würde Sébastien Villotte nicht überraschen. Doch im Fall der Prinzessinnen von Dahschur liege dieser Schluss nicht nahe. Der Bioarchäologe verweist auf sportmedizinische Erkenntnisse. Die typischen Bewegungsmuster beim Bogenschießen würden nicht die von Hashesh und Co genannten Knochenveränderungen ergeben. »Die Studie liefert zudem keine ausreichenden Vergleichsdaten, etwa von Zeitgenossen, die nicht zur Elite gehörten«, wirft Villotte ein. Solche Untersuchungen seien nötig, um zwischen den Bewegungsmustern der Oberschicht und den häufigen Körperübungen sonstiger Menschen unterscheiden zu können.
Vielleicht zählten zu den Pflichten der Prinzessinnen andere Tätigkeiten, die sich in ihren Knochen abgezeichnet haben. Hashesh und ihr Team stellten auch fest, dass die Frauen häufig kauerten und knieten. Möglicherweise mussten sie bei Riten oder im Staatszeremoniell dauerhaft bestimmte Haltungen einnehmen.
Wenn nicht Bogenschießen und Dolchkampf – welche Aktionen kommen dann infrage? »Frauen, auch die königlichen Frauen, haben sehr viel gewebt«, sagt Wolfram Grajetzki. Beanspruchte die Textilherstellung die Arm- und Handmuskeln der Prinzessinnen? »Wir haben alternative Tätigkeiten wie Weben oder zeremonielle Bewegungen genau geprüft«, berichtet Hashesh. Am Webstuhl setzten die Frauen zwar ihre Arme immer auf dieselbe Weise ein, aber »in der Regel führt das nicht zu den intensiven mechanischen Belastungen oder den spezifischen strukturellen Veränderungen, wie wir sie beobachtet haben«.
Es bleibt jedoch nicht ausgeschlossen, dass sich die Knochen aus ganz anderen Gründen verformt haben als durch dauerhafte körperliche Belastung. »Ein wesentlicher Faktor für solche degenerativen Veränderungen ist das Alter«, sagt Villotte. Überhaupt könne man nur in seltenen Fällen das Muster der Enthesen auf bestimmte Bewegungen zurückführen.
Waffen als Beigaben
Unbestritten bleibt, dass neben den Prinzessinnen in den Särgen Waffen lagen. Jacques de Morgan entdeckte Dolche, Pfeile, Bögen und Keulen. Der französische Archäologe erwähnt in seinem Grabungsbericht aber auch, dass einige der Stücke für den tatsächlichen Einsatz unbrauchbar gewesen seien. Vielleicht hatten sie nur eine Symbolfunktion erfüllt. Grajetzki vermutet, alle Stücke galten rituellen Zwecken innerhalb der Jenseitsvorstellungen – ob sie nun einsatzfähig waren oder nicht.
Selbst wenn die Dolche, Keulen und Bögen nur als Dummys im Grab lagen, für Hashesh beweisen die Knochen der Frauen, dass sie im Gebrauch der Waffen geübt waren. Es hätte auch wichtige Gelegenheiten gegeben, zu denen die Prinzessinnen ihre Fähigkeiten zum Besten gaben: etwa bei Zeremonien für den König oder beim Jagen. Tatsächlich gibt es zahlreiche altägyptische Darstellungen von Männern auf der Jagd. Bilder, die Prinzessinnen des Mittleren Reichs mit Pfeil und Bogen zeigen, sind allerdings nicht überliefert. Und die sehr wenigen Bildnisse von Königinnen, die im Streitwagen voranpreschen oder Pfeile schießen, entstanden in den Jahrhunderten danach. Sie entsprechen Motiven, die vielfach überliefert sind: Der übermächtige Pharao besiegt eigenhändig die Feinde Ägyptens. Ob die Künste der Könige im Umgang mit dem Bogen tatsächlich so außergewöhnlich waren, wie die Bilder glauben lassen wollten, ist unbekannt. Thema war die übermenschliche Kraft des Königs.
So bleibt es auch bei den Prinzessinnen aus den Gräbern von Dahschur ein Rätsel, ob sie wirklich geübte Bogenschützinnen waren oder tagtäglich ganz andere beschwerliche Pflichten zu erfüllen hatten.
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