Mode der Zukunft: Ein lebendiges Kleid aus Pilzfäden

Manche Menschen leben für Mode – was aber, wenn die Mode selbst lebt? Ein Forschungsteam aus China hat ein Kleid aus den fadenförmigen Zellen eines Pilzes mit dem schaurig-schönen deutschen Namen Puppen-Kernkeule (Cordyceps militaris) geschneidert. Wobei schneidern in diesem Fall nicht ganz zutrifft: Vielmehr ließen die Wissenschaftler den Pilz in die Kleidform hineinwachsen. Wie sie im Fachmagazin »Science Advances« berichten, kann sich das lebende Textil regenerieren, selbst reinigen, und es lassen sich gentechnisch veränderte mikrobielle Partner in seine Struktur integrieren, die den Stoff einfärben oder mit UV-Schutz ausstatten. All das macht das Pilztextil zu einem innovativen und vielseitig einsetzbaren Material.
Zwar ist es keineswegs neu, Pilze als Werkstoffe zu nutzen. Das Myzel, also das verzweigte Netzwerk mikroskopisch feiner Fäden, aus dem der Großteil eines Pilzes besteht, wurde von Forschungsgruppen bereits zu Lederalternativen, Verpackungen, Dämmstoffen und sogar Baumaterialien verarbeitet. Solche Produkte bestehen jedoch in der Regel aus abgetötetem und weiterverarbeitetem Pilzmaterial. Das schränkt ihre Funktionalität ein, betonen die Forschenden.
»Wir wollten herausfinden, ob ein Material aus Myzel lebendig bleiben, sich aber zugleich wie ein flexibles Textil verhalten kann«Bolin An, Professor für synthetische Biologie
»Wir wollten herausfinden, ob ein Material aus Myzel lebendig bleiben, sich aber zugleich wie ein flexibles Textil verhalten kann«, sagt Bolin An, Professor an der Chinesischen Akademie der Wissenschaften und Mitautor der Studie, gegenüber »Scientific American«. Anstatt also Fasern zu verweben, ließ das Team dichte Myzelmatten wachsen. Die fadenförmigen Pilzfilamente verknüpften sich dabei auf natürliche Weise zu zusammenhängenden Bahnen. Anschließend tränkten die Fachleute das Material mit Glycerin, einer sirupartigen Verbindung, die als Weichmacher wirkt. Dadurch wird das Myzel biegsam, ohne abzusterben. Wird der Stoff »gefüttert«, bilden sich neue Pilzfäden – Löcher stopfen sich also gewissermaßen von selbst.
Das Material kann zudem gentechnisch veränderte Mikroorganismen beherbergen. Indem die Forschenden Hefen in die Struktur integrierten, die Farbpigmente produzieren, erzeugten sie farbige Muster im Gewebe. Die Zugabe einer zweiten Pilzart, die von Natur aus Melanin bildet, verlieh dem Textil Schutz vor ultravioletter Strahlung.
Unter trockenen Bedingungen kommt die biologische Aktivität des Materials weitgehend zum Erliegen. Die Zellen bleiben dann inaktiv oder fallen in eine Art Ruhezustand. Bei hoher Luftfeuchtigkeit und ausreichender Nährstoffversorgung können jedoch einige Zellen wieder aktiv werden. Das sorgt zwar dafür, dass der Stoff regenerationsfähig und biologisch abbaubar ist (im Boden war nach etwas mehr als 40 Tagen kaum noch sichtbares Material vorhanden), lässt das Tragen des Kleides aber auch zu einem möglicherweise risikoreichen Unterfangen werden. Wer möchte schon urplötzlich nackt im Regen stehen?
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