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Moritz August Benjowski: Ein Meister der Lügengeschichten

Soldat, Strafkolonist, Schriftsteller – Moritz Benjowski schlug sich abgebrüht durchs Leben. Doch am meisten profitierte der Mann vor 250 Jahren von seinen Schwindeleien. Ein Historiker hat sie aufgedeckt.
Moritz August Benjowski (1746–1786) in einem Gemälde eines unbekannten Malers. Das Bild stammt vermutlich aus der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts.
Draufgänger und Abenteurer – Moritz August Benjowski (1746–1786) in einem Gemälde eines unbekannten Malers. Das Bild stammt vermutlich aus der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts.

Als der seinerzeit in ganz Europa berühmte Haudegen Moritz August Benjowski in seinen Memoiren auf den Tod der holden Afanasia zu sprechen kommt, wirken seine Worte erstaunlich teilnahmslos: »Ihr frühzeitiger Tod griff mich sehr an. Umso mehr, als er mich der Befriedigung beraubte, ihre Zuneigung durch die Verheiratung mit dem jungen Popow zu vergelten.« Der deutsche Herausgeber, der eine redigierte Fassung der 1790 erschienenen Erinnerungen des Weltreisenden veröffentlichte, zeigte sich von der Abgebrühtheit des Grafen einigermaßen verstört: »Das ist alles, was Benjowski über das arme Weib zu sagen hat.«

Dabei hatte das 16-jährige Mädchen, so berichtete es schließlich Benjowski selbst, seine waghalsige Flucht aus dem erzwungenen Exil in Kamtschatka erst ermöglicht. Sie, die Tochter des Kommandanten einer Strafkolonie im fernen Osten Russlands, war in die Verschwörung der Gefangenen eingeweiht gewesen, hatte den Tod ihres Vaters mitangesehen, ihre Heimat verlassen und war dem Abenteurer aus Europa treu auf eine gefährliche Seereise gefolgt. Ihm, den in der Heimat Frau und Kind erwarteten. Gemessen an Afanasias Loyalität erscheinen die Worte Benjowskis tatsächlich bemerkenswert kühl. Allein – das Mädchen hat nie gelebt. Ihre Geschichte, ihre Liebe und ihr Tod sind frei erfunden, wie so vieles in Benjowskis Erinnerungen. Buchstäblich vom ersten Satz an schrieb der Autor die Unwahrheit. Er gab sein Geburtsjahr mit 1741 an und machte sich damit um fünf Jahre älter, als er tatsächlich war. Was hatte den Mann dazu bewogen, seine Abenteuer derart auszuschmücken? Das Leben dieses Soldaten und Schriftstellers lässt es erahnen, der vor 250 Jahren nach Frankreich gelangte und dem König seine Dienste als welterfahrener Kenner anbot. Allerdings war an seinem Wissen und seinen Errungenschaften nicht so viel dran, wie er vorgab.

Der Mann aus dem Habsburgerreich landete im sibirischen Exil

Geboren wurde Moritz August Benjowski am 20. September 1746 als Spross ungarischer, slowakischer und polnischer Vorfahren in Vrbové, einem Städtchen, das damals im habsburgischen Ungarn lag und sich heute im Westen der Slowakei befindet. Berühmt wurde Benjowski 1771, als es ihm gemeinsam mit Dutzenden anderen in einem spektakulären Aufstand gelang, aus Sibirien bis nach Frankreich zu fliehen, wo er im Sommer 1772 ankam.

Soldat war Benjowski schon in jungen Jahren geworden. Nach eigener Aussage nahm er als Kind im Heer der Kaiserin Maria Theresia (1717–1780) am Siebenjährigen Krieg teil, der von 1756 bis 1763 zwischen den europäischen Großmächten tobte. Gesichert ist, dass der Junge zu einem aufbrausenden, gewalttätigen Mann heranwuchs. Nachdem er im Alter von 21 Jahren versucht hatte, einen Erbschaftsstreit mit seinen Schwägern mit der Waffe in der Hand zu regeln, verbannte ihn die Monarchin aus Österreich. Daraufhin verbrachte der Abenteurer aus der habsburgischen Provinz einige Zeit zwischen Hamburg, Plymouth und Antwerpen – wertvolle Monate, in denen er sich die Grundbegriffe der Seefahrt zu eigen machte.

Historiker Andrew Drummond hat sich durch alle verfügbaren Dokumente gearbeitet und nachgewiesen, dass die Memoiren des Grafen von Unwahrheiten und Übertreibungen nur so strotzen

Er heiratete, schwängerte seine Frau und kehrte 1768 wieder zurück aufs Schlachtfeld. Wir finden ihn unter den polnischen Konföderierten von Bar, die gegen den Einfluss Russlands den ersten polnischen Nationalaufstand anführten. In einer Reihe von Schlachten und Scharmützeln verwundet und ausgezeichnet, stieg der Söldner aus Ungarn zum Oberst auf und geriet schließlich 1769 in russische Gefangenschaft. Benjowski wurde, wie tausende andere Kriegsgefangene auch, nach Kasan deportiert, einer Stadt an der Wolga, etwas mehr als 700 Kilometer Luftlinie östlich von Moskau gelegen. Gemeinsam mit dem schwedischen Offizier August Winbladh, der ebenfalls auf Seiten der Polen gekämpft hatte, gelang ihm die Flucht. Die beiden Söldner schafften es bis Sankt Petersburg, wurden dort aber verraten, verhaftet und wieder verbannt – diesmal in den äußersten Osten des Russischen Reichs.

Die Memoiren des Grafen sind voller Lügengeschichten

Nach einer achtmonatigen, die meiste Zeit über von einem Dutzend Kosaken eskortierten Reise, auf der sich ihnen weitere Verbannte und weitere Kosaken anschlossen, erreichten die Gefangenen die Festung Bolscherezk. Dabei handelte es sich um einen armseligen Außenposten an der Westküste der Halbinsel Kamtschatka. »Damals bewegte sich ein ständiger und endloser Strom von Exilanten aus den Städten des Russischen Reichs nach Sibirien«, sagt der Historiker und Benjowski-Experte Andrew Drummond, der 2017 eine Biografie über den Abenteurer publizierte. Der Brite, eigentlich Sprach- und Literaturwissenschaftler, hat sich in jahrelanger Arbeit durch alle verfügbaren Dokumente gearbeitet und nachgewiesen, dass die Memoiren des Grafen von Unwahrheiten und Übertreibungen nur so strotzen.

Bolscherezk war ein trostloser Ort, an dem sich etwa drei Dutzend Blockhütten um das Haus des Kommandanten, eine Kirche und eine Schnapsbrennerei gruppierten. Bevölkert wurde das Dorf zu jener Zeit vorwiegend von Verbannten, unter ihnen auffällig viele Ausländer: Deutsche, Schweden, Polen und Franzosen. Aber natürlich auch in Ungnade gefallene Russen. »Ein typischer Querschnitt der damaligen Bevölkerung Sibiriens«, konstatiert Drummond.

Die Verbannten bekamen Werkzeuge und sogar Waffen gestellt und mussten sich ihr Auskommen und Überleben vor allem durch die Jagd selbst sichern. Bewacht wurden sie von Kosaken, die ihrerseits »ständig am Rande der Meuterei standen«, schreibt Drummond. Schnell gelang es dem weltgewandten Benjowski, den Befehlsherrn der Kosaken, Festungskommandant Hauptmann Grigorij Nilow, für sich zu gewinnen. Nilow sei wenig gebildet und stets alkoholisiert gewesen. Freilich neigten alle Bewohner des ungemütlichen Örtchens zu geistigen Getränken. Oft genug berichtet Benjowski in seinen Memoiren von den beachtlichen Mengen Branntwein, die bei den allabendlichen Diners getrunken wurden. Dabei saßen Offiziere und Exilanten gemeinsam an der Tafel des Kommandanten. In jener Zeit planten Benjowski, sein Freund Winbladh und einige weitere Verbannte ihren Ausbruch. Teil der Gruppe war auch ein gewisser Ippolit Stepanow.

Der russische Offizier und ein Sekretär namens Iwan Rjumin, der später in einem Brief an den russischen Botschafter in Paris behauptete, von dem »polnischen Vagabunden« Benjowski als Geisel um den halben Erdball verschleppt worden zu sein, hinterließen ihrerseits Berichte von den damaligen Ereignissen. Drummond griff sowohl auf Rjumins als auch Benjowskis Erzählung als Quellen zurück. Außerdem durchforstete der Historiker russische Akten, Briefe europäischer Kaufleute, diplomatische Notizen diverser Kolonialbeamter sowie amtliche Vermerke der zeitgenössischen japanischen und chinesischen Behörden. Insgesamt ergibt sich ein ziemlich klares Bild von den Begebenheiten, die insbesondere Benjowskis Ruf als Mann der Tat begründen und sein weiteres berufliches Fortkommen begünstigen sollten. Die gesicherten Fakten sind derart erstaunlich, dass es verwundert, warum der Abenteurer sich in seinem Bericht nicht mit ihnen begnügen wollte.

Gelungener Aufstand und strapaziöse Reise nach Macau

Die Verschwörer schafften unbemerkt Proviant, Felle und Waffen beiseite. Über Wochen und Monate schlossen sich ihnen dutzende Männer und einige Frauen an. Die Gruppe wartete auf eine Gelegenheit, der Gefangenschaft oder auch nur der Trostlosigkeit in Bolscherezk zu entkommen.

Moritz August Benjowski | Geboren 1746 als Spross ungarischer, slowakischer und polnischer Vorfahren im habsburgischen Ungarn, heute in der Slowakei. Berühmt wurde Benjowski 1771, als ihm mit dutzenden eine spektakuläre Flucht aus einer Strafkolonie gelang. Später schrieb er seine mit vielen Übertreibungen garnierten Memoiren auf, aus denen diese Abbildung stammt.

Bereits ein gutes halbes Jahr nach seiner Ankunft im Exil gelang es Benjowski im Mai 1771, mit seinen Mitstreitern eine Rebellion loszutreten, in deren Verlauf Kommandant Nilow getötet wurde. Die Aufständischen bemächtigten sich der prall gefüllten Garnisonskasse, ebenso aller vorhandenen Waffen, plünderten die Fell- und Schnapslager, kaperten ein Schiff und erreichten nach einer viermonatigen, beschwerlichen Seefahrt über die Kurilen, Japan und Formosa (heute Taiwan) als erste Europäer aus nordöstlicher Richtung kommend Macau. Von den 70 Menschen, die Kamtschatka verlassen hatten, kamen allerdings nur 54 in der portugiesischen Niederlassung an. Die übrigen waren entweder dem Skorbut erlegen, den Pfeilen feindlich gesinnter Inselbewohner zum Opfer gefallen oder von Benjowski wegen Aufsässigkeit ausgesetzt worden. In Macau starben überdies nur wenige Tage nach der Ankunft mindestens 15 weitere Geflüchtete an den Folgen der Strapazen und Entbehrungen ihrer Reise.

Sehr zum Ärger seiner überlebenden Kameraden verkaufte der Glücksritter aus Vrbové das Fluchtschiff sowie alle verbliebenen Felle auf eigene Rechnung. Doch immerhin ließ Benjowski für sich und all jene, die mit ihm nach Europa reisen wollten – das waren die meisten –, schmucke, in Rot und Weiß gehaltene Uniformen schneidern. Zudem verschaffte er ihnen Plätze auf zwei Schiffen der französischen Ostindienkompanie. Nach einigem Taktieren zwischen den Vertretern verschiedener europäischer Handelskompanien hatte sich Benjowski nämlich dazu entschlossen, seine auf der abenteuerlichen Reise gewonnenen Erkenntnisse mit den Franzosen zu teilen. Also, seine vermeintlich gewonnenen Erkenntnisse.

Auf Mauritius angekommen, berichtete Benjowski dem französischen Gouverneur der Insel wahre Wundertaten

Der französischen Krone kam der seekundige Draufgänger gerade recht

Das Zeitalter der Entdeckungen, das 1492 mit der Amerikafahrt des Christoph Kolumbus (1451–1506) begonnen hatte, war Ende des 18. Jahrhunderts noch lange nicht zu Ende. Weite Teile Nordamerikas harrten noch der Erforschung und Ausbeutung. Die Eroberung und Erschließung des indischen Subkontinents hatten gerade erst begonnen. Im Fernen Osten hatten sich Portugiesen und Holländer festgesetzt, doch die übrigen europäischen Mächte waren davon überzeugt, dass es auch für sie dort viel zu holen gab. Und erst 1770 hatte James Cook (1728–1779) die Ostküste des heutigen Australien für die britische Krone beansprucht und die Kolonie New South Wales gegründet. In dieser Situation kam dem französischen König und seinen Kolonialbeamten ein allem Anschein nach seekundiger, draufgängerischer und führungsstarker Mann wie Benjowski gerade recht.

Der Ungar wusste seinerseits genau, was von ihm erwartet wurde. In Macau schilderte er europäischen Kaufleuten und Marineoffizieren sowie den portugiesischen Behörden seine Abenteuer auf See noch relativ wahrheitsgetreu, erfand lediglich ein, zwei Details, wie einen Abstecher an die nordamerikanische Westküste. Doch nach und nach schmückte er seine Erzählungen weiter aus. Auf der Île de France angekommen, dem heutigen Mauritius, wo die französischen Schiffe drei Wochen Halt machten, berichtete Benjowski dem französischen Gouverneur der Insel wahre Wundertaten.

Der gerade mal 25-Jährige machte sich älter, um den Eindruck größerer Erfahrung zu erwecken. Er behauptete Kontakte zu freundlichen amerikanischen Ureinwohnern geknüpft, Handelsbeziehungen mit japanischen Fürsten besprochen und die Insel Formosa auf eine zügige Kolonisierung vorbereitet zu haben. Letztere hätte er gerne für den französischen König eingenommen. Tatsächlich aber waren die Geflüchteten während ihrer Seereise nicht an der Küste Amerikas gelandet. Überdies gewährte Japan zu jener Zeit ausschließlich chinesischen Kaufleuten, koreanischen Diplomaten und als einzigen Europäern Angehörigen der niederländischen Ostindienkompagnie Zutritt auf sein Territorium.

So entdeckte Andrew Drummond in japanischen Dokumenten Hinweise darauf, dass den Behörden, mit denen Benjowski und seine Leute in Kontakt kamen, sehr daran gelegen war, die ungebetenen Besucher so schnell wie möglich zur Weiterreise zu bewegen. Daher rüsteten sie die Fremden mit Verpflegung, Trinkwasser und Branntwein aus – und nicht, wie der Abenteurer suggerierte, aus Respekt vor seiner Person. Auf Formosa schließlich hatte Benjowski, nachdem drei Mann seiner Besatzung bei einem Angriff aus dem Hinterhalt getötet worden waren, einen Rachefeldzug geführt, dem rund 1200 Inselbewohner zum Opfer fielen – von Kolonisierung konnte jedoch nicht die Rede sein.

Benjowski war Kaiser von Madagaskar – behauptete er

Benjowskis Fabulierkunst fiel aber offenbar auf fruchtbaren Boden. Im Juli 1772 endlich in Frankreich angekommen, mussten seine Schicksalsgenossen noch mehrere Monate auf der Zitadelle von Port-Louis in Quarantäne verbringen. Benjowski hingegen folgte schon Anfang August einer Einladung des französischen Außenministers Emmanuel-Armand de Vignerot du Plessis (1720–1788) auf dessen Landsitz in der Champagne. In den folgenden Monaten bot der Abenteurer wiederholt die Eroberung Formosas für Frankreich an. Schließlich einigte man sich auf ausdrücklichen Wunsch von König Ludwig XV. (1710–1774) darauf, Benjowski solle die Insel Madagaskar für die Krone in Besitz nehmen. Dort verbrachte der Ungar, zeitweise mit seiner Frau, fast drei – nach eigener Aussage – überaus erfolgreiche Jahre, in denen er Straßen und Forts bauen ließ, widerspenstige Ureinwohner bekämpfte und mit freundlich gesinnten Bewohnern Handel trieb. Letztere, so behauptete der Ungar später in seinen Memoiren, hätten ihn schließlich sogar zu ihrem »ampansacabé« gewählt – zum Kaiser von Madagaskar.

Im Spätsommer 1776 trafen schließlich zwei Kolonialbeamte aus Frankreich ein, die überprüfen sollten, was dran war an Benjowskis Berichten. Sie kamen zu einem vernichtenden Urteil: Kaum etwas davon war tatsächlich geschehen. Noch im Dezember 1776 verließ Benjowski die Insel und kehrte nach Europa zurück. Die nächsten Jahre verbrachte er damit, Geldquellen für weitere koloniale Unternehmungen zu organisieren. Zu jener Zeit schrieb er auch seine Memoiren. Diese waren letztlich eine Werbeschrift in eigener Sache, in die Benjowski neben vielen Aufschneidereien und Plagiaten die dem Geschmack einer empfindsamen Leserschaft entgegenkommende platonische Liebesgeschichte mit der jungen Afanasia einwob.

In Europa wurde Benjowski bewundert, im Fernen Osten hatte er hingegen einen weniger vorteilhaften Eindruck hinterlassen

Die Franzosen hatten nun allerdings eine Ahnung davon, wie unzuverlässig der Söldner in Wirklichkeit war, und wollten ihn nicht mehr beschäftigen. Schließlich gelang es Benjowski, der inzwischen in den Adelsstand erhoben worden war, beim Habsburgerkaiser Joseph II. (1741–1790) eine Verfügung zu erwirken, die es ihm gestattete, auf Madagaskar Kolonien einzurichten. Zudem fanden sich zwei amerikanische Geschäftsleute, die bereit waren, eine neuerliche Expedition auf das Eiland zu finanzieren. Sie versprachen sich Profite aus dem Sklavenhandel, den Benjowski dort organisieren wollte. Dazu sollte es aber nicht mehr kommen.

Gleich bei ihrer erneuten Ankunft auf der Insel wurden Benjowski und seine rund 200 Männer in Kämpfe mit ihren Bewohnern verwickelt. Bald darauf traf auch ein Expeditionskorps von der Île de France ein, das den lästig gewordenen Abenteurer gefangen nehmen oder vertreiben sollte. In einem Gefecht mit den französischen Soldaten erlag Benjowski schließlich am 23. Mai 1786 seinen schweren Verwundungen.

Kritik und Bewunderung für die Memoiren

Erst vier Jahre nach seinem Tod erschienen die Memoiren, zunächst auf Englisch. Sie wurden zu einem Bestseller und binnen kürzester Zeit in mehrere europäische Sprachen übersetzt. Allein in Deutschland kursierten innerhalb von fünf Jahren sechs verschiedene Ausgaben. Zwar gab es von Anfang an kritische Stimmen, die an den Schilderungen zweifelten, doch die Bewunderer des Haudegens aus habsburgischen Landen überwogen. Auch auf die Theaterbühne kam die Geschichte in mehr als einer Fassung. »1792 verfertigte Vulpius ein ›Original-Trauerspiel‹, moralisierend und pathetisch«, schrieb Theodor Heuss, der erste westdeutsche Bundespräsident, im Brotberuf Journalist, in seinem Büchlein »Schattenbeschwörung – Randfiguren der Geschichte«. »Der Stoff schien Kotzebue noch nicht genügend ausgeweidet, er legte 1795 gleichfalls ein Stück vor und gab ihm die Sauce der Sentimentalität«, so Heuss.

In Europa wurde Benjowski bewundert, im Fernen Osten hatte er hingegen einen weniger vorteilhaften Eindruck hinterlassen. Als der schottische Offizier und Entdecker John Dundas Cochrane (1793–1825) im Jahr 1821 Kamtschatka erreichte, also genau 50 Jahre nach Benjowskis Aufsehen erregender Flucht, notierte er lapidar: »Ich vernahm nichts zu seinen Gunsten.« Gegen Ende des 19. Jahrhunderts wurde es allmählich still um den Söldner, Seefahrer, Entdecker und glücklosen Koloniegründer. Völlig vergessen ist er jedoch bis heute nicht. Während die Nationalbank der Slowakischen Republik 1996 anlässlich des 250. Geburtstag eine Gedenkmünze zu Benjowskis Ehren herausbrachte, regte sich in Taiwan wegen seiner Gewalttaten Kritik an der geplanten Errichtung einer Statue. Sie sollte an jenem Küstenabschnitt stehen, an dem der selbst ernannte Eroberer gelandet sein soll.

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