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Erdgeschichte: Dinosaurier hatten 372-Tage-Jahr

Wie viel schneller sich einst die Erde drehte, zeigen nun Messungen an einer Muschel aus der Kreidezeit: Sie konservierte exakt jeden einzelnen Tag ihres Lebens in ihrer Schale.
Altirhinus vor dem VollmondLaden...

Sie sahen aus wie Bierkrüge mit handtellergroßem Deckel und bildeten ausgedehnte Riffe, etwa so wie heutige Korallen. Als dann der Chicxulub-Meteorit dem Leben der Dinosaurier ein Ende bereitete, starben auch sie aus. Die Überreste dieser »Rudisten« genannten Muscheln finden sich heute beispielsweise im Bergland des Oman, einst bewohnten die Schalentiere flache Meere mit einer sommerlichen Wassertemperatur von gut 40 Grad.

Indem sie die Schale einer einzigen solchen Muschel untersuchten, haben Forscher um Niels de Winter von der Freien Universität Brüssel nun ausgezählt, wie viele Tage ein Jahr in der Kreidezeit hatte. Demnach drehte sich die Erde bei einem Umlauf um die Sonne insgesamt 372-mal um die eigene Achse und nicht wie heute etwa 365-mal. Der Tag war somit etwa eine halbe Stunde kürzer.

Möglich wurde diese präzise Messung, weil die Schale der Rudisten so rasch wächst, dass sich die chemische Zusammensetzung viermal am Tag verändert. Wie de Winter und Kollegen im Fachmagazin »Paleooceanography and Palaeoclimatology« schreiben, schossen sie mit einem Laser punktweise minimale Probenmengen aus der Schale des fossilen Exemplars und analysierten die freigesetzten Substanzen chemisch. Der Schalenaufbau habe sich während eines Tages vergleichsweise deutlich und etwas schwächer über die Jahreszeiten hinweg verändert. Die Muschel konservierte dabei ihre neun Lebensjahre in Form von »Tagesringen«.

Während viele heute lebende Muscheln ihre Nahrung ausschließlich durch Filtern des Meerwassers erhalten, lebten die Rudisten vermutlich in Symbiose mit Fotosynthese treibenden Organismen. Ebbe und Flut ändern die Lichtverhältnisse unter Wasser und damit den Stoffwechsel der Symbionten, was sich schließlich im Schalenmaterial niederschlägt.

Ebbe und Flut sind auch der Grund dafür, dass die Tage im Lauf der letzten Milliarden Jahre immer länger wurden. Sie bremsen die Erde bei ihrer Rotation ab. Die Dauer eines Umlaufs um die Sonne hat sich indessen nicht verändert. Genau zu wissen, wie sehr sich die Erdrotation verlangsamt hat, könnte auch helfen, das Zusammenspiel von Erde und Mond in der Frühzeit des Sonnensystems zu rekonstruieren, erläutert die Amerikanische Geophysikalische Union (AGU) in einer Pressemitteilung zur Studie. Der Bremsvorgang auf der Erde führt zu einer Beschleunigung in Rotation und Umlaufzeit des Monds, weshalb sich der Erdtrabant immer weiter von uns wegbewegt – allerdings nicht mit konstanter Rate. Zu wissen, um wie viele Minuten die Tage in den letzten 70 Millionen Jahren kürzer wurden, helfe dabei, die gemeinsame Geschichte von Erde und Mond künftig genauer zu modellieren, schreibt die AGU.

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