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News: Muse und Morpheus

Beruhigend, wenn Althergebrachtes wissenschaftliche Bestätigung erhält. Etwa, dass gut Ausgeschlafene auch stets besonders einfallsreiche Lösungen parat haben.
Schlaf
Kurze Quizfrage: Was haben die Ringstrukturformel des Benzolmoleküls, die Schlüsselszenen des Schauerromans um Dr. Jekyll und Mr. Hyde sowie das Aufbauprinzip des Periodensystems miteinander gemein? Lösung: Den Zeitpunkt des entscheidenden "Heureka!"-Erlebnisses ihrer Schöpfer und Entdecker. Der Durchbruch zur finalen Niederschrift von plausibler Gerüstidee, gelungener Charakterstudie und sinnvoll geordneten Elementen gelang, der Legende nach, den Forschern Kekulé und Mendeleev ebenso wie Autor Stevenson – im Schlaf.

Nun verspricht die tradierte Binsenweisheit "erst einmal darüber zu schlafen" ja immer schon die Lösung komplizierter Probleme über Nacht. Nicht ganz ohne Grund, wie fast jeder wahrscheinlich schon einmal erlebt hat: Am Morgen fallen geniale Umwege um abends zuvor noch unüberwindbar scheinende Hindernisse oft leichter. Nur, woran liegt das? Am erzwungenen "Loslassen", schlicht ausgeschlafener Frische oder doch strikt nachtaktiven Musen?

Auf die Suche nach wissenschaftlichen Antworten begab sich ein Forscherteam um Jan Born von der Universität Lübeck – das zunächst einmal den Nachweis antreten musste, dass Schlaf nicht nur angeblich, sondern tatsächlich Durchbrüche bei komplizierten Problemlösungen fördert.

Dazu stellten die Forscher 106 Freiwilligen einen mathematischen Test vor, bei dem anhand zweier einfacher Regeln eine Zahlenreihe zu bilden war – die letzte Ziffer der auseinander zu errechnenden Zahlen wurde dabei als Lösung gesucht. Nach einer kurzen Trainingsphase pausierten die Probanden dann zunächst für acht Stunden – einige, denen das Experiment abends vorgestellt wurde, schlafend über Nacht, andere, die den Test morgens erlernt hatten, über den Tag ohne Schlaf. Nach der Ruhephase wurde die Berechnung der letzten Ziffer der Zahlenreihe dann mit beiden Gruppen wiederholt und die Ergebnisse ausgewertet.

Gemessen würde mit diesem Experiment nun ja eigentlich nur die allgemeine Leistungsfähigkeit der Kandidaten – wenn nicht im Versuchsaufbau ein Trick versteckt gewesen wäre. Ein simpler mathematischer Umweg, der den Kandidaten aber nicht vorgestellt worden war, machte es möglich, die gesuchte letzte Zahl ohne das langwierige Abarbeiten der Zahlenreihen direkt zu bestimmen. Nach und nach kamen einige der Kandidaten von selbst auf diesen Umweg – ein "Heureka!"-Ereignis, das sich sofort in deutlich beschleunigten Lösungsgeschwindigkeiten bemerkbar machte. Messbar wurde im Experiment also die Fähigkeit, unkonventionelle Auswege zu finden und kreative Problemlösungen anzuwenden.

Genau dafür, so zeigten die Auswertungen eindeutig, ist ausreichender Schlaf dringend notwendig: 60 Prozent aller ausgeschlafenen Kandidaten gegenüber nur rund 20 Prozent aller anderen entwickelten innerhalb der Versuchszeit die kreative Ausweichstrategie. Kontrollversuche stellten zudem sicher, dass die Ergebnisse nicht durch vom Tag-Nacht-Rhythmus bestimmte Formkurven bedingt sein konnten.

Borns Team möchte nun herausfinden, wo die schlafabhängigen Kreativitäts-Areale des Gehirns genau lokalisiert sind und in welchen Schlafphasen diese neu justiert werden. Vermutet wird, dass in den Tiefschlafperioden – die sich während der Nacht mit den REM-Phasen abwechseln, in denen Schläfer auch träumen – offenbar Erinnerungsbausteine der Tageserlebnisse im Gedächtnis neu organisiert werden. In dieser Phase werden auch Erinnerungen aus dem kurzfristigen Arbeitsspeicher des Großhirns, dem Hippocampus, in Langzeitspeicher-Areale des Neocortex verlagert. Vielleicht, so vermutet Born, ermöglicht dabei eine Neuorganisation der Gedächtnisinhalte auch neue kreative Standpunkte und Lösungsansätze.

Das auch der traumreiche REM-Schlaf bei der nächtlichen Prozessierung der Gedächtnisinhalte eine Rolle spielt, ist indes durchaus nicht ausgeschlossen, kommentiert Perrine Ruby von der Universität Lüttich – nach manchen Studien scheint gut möglich, das beide aufeinander folgenden Phasen notwendig sind. Bleibt demnach also vorerst ungeklärt, ob Musen nun im Schlaf oder Traum küssen.

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