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Intelligenz: Subtile Spuren in der Songauswahl

Der Musikgeschmack verrät etwas über das Denkvermögen. Auf das bevorzugte Genre, Rhythmus oder Melodie kommt es dabei jedoch nicht an.
Eine Person trägt Kopfhörer und hält sie mit beiden Händen fest. Die Augen sind geschlossen, was auf ein konzentriertes Hören oder Genießen von Musik hindeutet. Der Hintergrund ist unscharf, was den Fokus auf die Person lenkt. Die Szene findet bei Sonnenuntergang statt, was durch das warme Licht angedeutet wird.
Ausgiebiges Musikhören ist eines der Zeichen, die auf höhere Intelligenz hindeuten.

Intelligenz zeigt sich weniger in der Vorliebe für bestimmte Musikrichtungen als in den Texten der gehörten Lieder. Das berichtet eine deutsche Forschungsgruppe um Larissa Sust von der Ludwig-Maximilians-Universität München im »Journal of Intelligence«. Das Team hatte über mehrere Monate die Hörgewohnheiten von Erwachsenen zwischen 18 und 64 Jahren anhand ihrer Smartphonedaten verfolgt und darin nach Anzeichen für mehr oder weniger hohe Intelligenz gesucht.

Die Daten stammten von 850 deutschsprachigen Erwachsenen, die in Alter, Geschlecht, Bildung, Einkommen, Religion und Beziehungsstatus repräsentativ für die deutsche Gesamtbevölkerung waren und die sich im Rahmen der Studie eine Tracking-App auf ihrem Android-Smartphone installiert hatten. Die App registrierte Hörgewohnheiten wie die Spieldauer und schloss lediglich Lieder aus der Analyse aus, die nur kurz angespielt wurden. Im Schnitt hörten die Teilnehmenden an jedem dritten Tag Musik und spielten über fünf Monate hinweg knapp 700 Songs pro Ohrenpaar. 185 der 850 Teilnehmenden absolvierten zusätzlich auf dem Handy einen Intelligenztest.

Mit gängigen statistischen Verfahren fanden die Forschenden keine Zusammenhänge zwischen dem IQ und den 215 Merkmalen, mit denen sie die Lieder charakterisierten. Doch mit einer Methode des maschinellen Lernens – sogenannten Random-Forest-Modellen – entdeckten sie einen schwachen Zusammenhang. Die stärksten Indizien für Intelligenz: Songtexte in Gegenwartsform, authentische Ausdrucksweise und eine lange Hördauer. Für schwächere kognitive Fähigkeiten sprachen dagegen unter anderem eine Vorliebe für Live-Aufnahmen und für deutschsprachige Lieder sowie weitere Kennzeichen der Texte, darunter Wörter für positive Emotionen und für zwischenmenschliche Verhältnisse wie »Freund« oder »Hilfe«.

Dass die Texte der bevorzugten Lieder stärker mit Intelligenz verbunden waren als die musikalischen Eigenschaften, überraschte die Forscher, hatten ältere Studien doch einen Zusammenhang mit musikalisch komplexeren Genres wie Jazz, Blues oder Klassik nahegelegt. Allerdings hatten diese die bevorzugten Musikrichtungen direkt bei den Probanden erfragt – und solche Selbstauskünfte könnten verzerrt sein, etwa weil komplexe Genres in bestimmten Kreisen ein höheres Ansehen genießen. Die objektiven Nutzungsdaten der App hingegen spiegeln das wider, was die Menschen im Alltag tatsächlich hören.

»Diese Befunde zeigen, dass Intelligenz feine Spuren in den Verhaltensroutinen hinterlässt«, schreiben Larissa Sust und ihre Kollegen. Sie beziehen sich dabei aber nur auf jene Facetten von Intelligenz, die ihr Kurztest auf dem Handy erfasste: schlussfolgerndes, sprachliches und mathematisches Denken. Für andere Intelligenzmaße könnten die Ergebnisse anders ausfallen. Außerdem genügten die genannten Indizien allein sicherlich nicht, um daraus auf die Intelligenz einer einzelnen Person zu schließen – dafür seien die Zusammenhänge zu schwach. Kombiniert mit anderen digitalen Verhaltensspuren halten die Forschenden solche Schlüsse jedoch für denkbar.

  • Quellen
Sust, L. et al., Journal of Intelligence 10.3390/jintelligence14020029, 2026

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