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Gesundheit: Mit Muskeln länger leben

Eine gut ausgebildete Muskulatur nützt unserem Stoffwechsel, Immunsystem und Gehirn. Damit senkt sie das Sterblichkeitsrisiko und hilft, gesund zu altern.
Ein anatomisches Diagramm zeigt die Muskeln des menschlichen Oberarms und der Schulter. Die Muskeln sind detailliert dargestellt, um ihre Struktur und Lage im Körper zu verdeutlichen. Der Hintergrund ist dunkel, wodurch die Muskeln hervorgehoben werden. Dieses Bild dient der Veranschaulichung der menschlichen Anatomie, insbesondere der Muskelgruppen im Arm- und Schulterbereich.
Muskeln dienen nicht nur der Bewegung, sondern senden auch Botenstoffe aus, die sich im ganzen übrigen Körper positiv auswirken.

Bewegung hält gesund – davon war schon der griechische Arzt und Philosoph Hippokrates in der Antike überzeugt. Er gilt als einer der Ersten, der Krankheiten nicht mehr als Strafe von Göttern verstand, sondern mit dem Lebensstil der Menschen in Verbindung brachte. Rund 2500 Jahre später ist medizinisch unbestritten: Regelmäßige körperliche Aktivität senkt das Risiko für zahlreiche Erkrankungen.

Lange schrieb man die positiven Effekte vor allem dem Training von Herz, Kreislauf sowie dem Bewegungsapparat aus Knochen, Gelenken und Muskulatur zu. Inzwischen kristallisiert sich jedoch heraus, dass ihre gesundheitsfördernde Wirkung besonders über unsere Skelettmuskeln vermittelt wird. Denn offenbar sind diese weit mehr als bloße Motoren – sie beeinflussen nahezu den gesamten Körper und erweisen sich als eine wichtige Voraussetzung für gesundes Altern.

Einen ersten entscheidenden Hinweis darauf lieferte eine wiederholte Beobachtung in den 1980er- und 1990er-Jahren, die sich lange nicht erklären ließ: Regelmäßige körperliche Bewegung stärkt das Immunsystem. Aber weshalb? Vieles deutete darauf hin, dass kräftig arbeitende Muskeln Signale an andere Organe senden. In der Fachwelt sprach man deshalb vom »exercise factor« – einem bislang unbekannten Botenstoff, der bei Muskelkontraktionen freigesetzt wird und im Körper vielfältige Wirkungen erzielt. Dieses Rätsel faszinierte die dänische Medizinforscherin Bente Klarlund Pedersen. In ihrer Doktorarbeit Mitte der 1980er-Jahre machte sie sich auf die Suche nach dem geheimnisvollen Faktor – und legte damit den Grundstein für das heutige Verständnis der Muskulatur.

Im Jahr 2003, als Pedersen längst ihre eigene Forschungsgruppe leitete, wagte sie sich mit einer ersten Hypothese an die Öffentlichkeit: Ihr Team hatte ausreichend Belege dafür gesammelt, dass Muskelzellen unter Belastung große Mengen des Botenmoleküls Interleukin-6 (IL-6) freisetzen, das bis dahin vor allem als Signalstoff des Immunsystems bekannt war. Während längerer Ausdauertrainings steigt seine Konzentration im Blut auf das bis zu Hundertfache an, ehe sie innerhalb weniger Stunden wieder auf den Ausgangswert zurückfällt.

Der Muskel als endokrines Organ

Pedersens Experimente zeigten, dass das von Muskelzellen abgegebene IL-6 die Verteilung bestimmter Immunzellen verändert, Entzündungen hemmt und den Fettstoffwechsel beeinflusst. Vieles sprach also dafür, dass es sich dabei um den – oder zumindest einen wichtigen – »exercise factor« handelte. Der Botenstoff gehört zu den sogenannten Zytokinen: Signalsubstanzen, mit denen Zellen untereinander kommunizieren und unter anderem Immunreaktionen steuern. IL-6 war bis dahin fast ausschließlich als Entzündungsmarker bekannt. Pedersens Arbeiten zeigten erstmals, dass ein und dasselbe Signalmolekül je nach Herkunft und Situation ganz unterschiedliche Aufgaben erfüllen kann.

Den eigentlichen Paradigmenwechsel läuteten Pedersen und ihr Team dann 2007 ein: Sie beschrieben den menschlichen Skelettmuskel als »endokrines« Organ, das verschiedene Botenstoffe – oder Trainingsfaktoren – ins Blut freisetzt und damit weiter entfernte Organe und Gewebe beeinflusst. Neben IL-6 nannten die Forscher in dem Paper zwei weitere Signalmoleküle, die ebenfalls von Muskelzellen abgegeben werden können: IL-8 und IL-15.

»Die Muskeln bilden ein sehr großes Organ, das mit nahezu allen anderen Organen des Körpers interagiert«Stephan Geisler, Sportwissenschaftler

Vieles deutet darauf hin, dass IL-8 unter anderem die Durchblutung und Regeneration des Muskelgewebes fördert, während IL-15 den Muskelaufbau und den Energiestoffwechsel unterstützt. Die zugrunde liegenden Mechanismen sind aber bis heute nicht vollständig verstanden. Nichtsdestoweniger wandelte sich im Zuge der Veröffentlichung und weiterer Forschungsergebnisse das Bild von der Muskulatur grundlegend. »Die Muskeln bilden ein sehr großes Organ, das längst nicht allein der Bewegung dient, sondern hormonähnliche Stoffe produziert und mit nahezu allen anderen Organen des Körpers interagiert«, fasst der Sport- und Fitnesswissenschaftler Stephan Geisler von der IST-Hochschule in Düsseldorf den aktuellen Wissensstand zusammen.

Für die neue Klasse an Botenstoffen prägte das Team um Pedersen den Begriff »Myokine« – in Anlehnung an die griechischen Wörter »Mys« für Muskel und »kinema« für »Bewegung«. In den Folgejahren zeigte sich, dass die bis dahin entdeckten Myokine nur die Spitze des Eisbergs darstellten. Aktuellen Schätzungen zufolge können Skelettmuskeln rund 600 verschiedene Varianten an Botenstoffen bilden. Und das hat Folgen: »Muskeln sind bei extrem vielen physiologischen Prozessen beteiligt und spielen eine wichtige Rolle für unsere Gesundheit«, sagt Geisler.

Man weiß zum Beispiel, dass Muskelwachstum mit Fettabbau einhergeht. Henning Wackerhage, Professor für Sportbiologie an der Technischen Universität München, untersucht mit seinem Team unter anderem, ob auch hier Botenstoffe die notwendigen Signale liefern. »Eine Hypothese ist, dass ein wachsender Muskel Myokine freisetzt, die den Abbau von Fettgewebe fördern«, erklärt Wackerhage.

Außerdem dämpfen einige Myokine chronische Entzündungsprozesse, die als Risikofaktor für Herz-Kreislauf-Erkrankungen, Krebs und weitere chronische Leiden gelten. Dass diese Effekte auch klinisch bedeutsam sein könnten, legen zahlreiche Bevölkerungsstudien nahe: Bereits ein bis zwei Krafttrainingseinheiten pro Woche gehen mit einem um 15 bis 20 Prozent geringeren Risiko für Herz-Kreislauf-Erkrankungen und einem um 20 bis 25 Prozent niedrigeren Krebsrisiko einher im Vergleich zu Menschen, die kein Krafttraining betreiben.

Vielfältigste Effekte auf die Gesundheit

Selbst vor dem Gehirn machen die Myokine nicht Halt: Sie beeinflussen unter anderem den Hippocampus, ein für Lernen und Gedächtnis wichtiges Hirnareal, und fördern die Bildung sogenannter neurotropher Faktoren, die das Wachstum neuer Nervenzellen unterstützen. Das könnte teilweise die Beobachtung beantworten, dass regelmäßige Bewegung die kognitive Leistungsfähigkeit verbessert und das Demenzrisiko senkt. Mehr Muskelmasse hat also ganz unterschiedliche positive Effekte auf die Gesundheit. Diese Sichtweise hat Pedersen mit dem Konzept »Exercise as Medicine« maßgeblich geprägt – ganz im Sinne von Hippokrates.

»Je größer die Muskelmasse, desto mehr Myokine produziert sie unter Bewegung«Jürgen Gießing, Sportwissenschaftler

Vieles über die genauen Funktionen und Wirkmechanismen der Myokine liegt aber noch im Dunkeln. Bei einem Großteil ist noch nicht einmal klar, welchem Zweck sie dienen. Ungeachtet dessen haben die bisherigen Erkenntnisse über Myokine das Verständnis der gesundheitlichen Bedeutung von Bewegung grundlegend verändert und erstmals eine biologische Erklärung dafür geliefert, weshalb körperliche Anstrengung so vielen Organsystemen gleichzeitig nützt. Dabei gilt: »Je größer die Muskelmasse, desto mehr Myokine produziert sie unter Bewegung – beim Treppensteigen, beim Joggen, beim Spazierengehen, beim Krafttraining und so weiter«, erklärt der Sportwissenschaftler Jürgen Gießing von der Rheinland-Pfälzischen Technischen Universität Kaiserslautern-Landau, der sich schon mehrere Jahrzehnte mit der Wirkung von Krafttraining auf unsere Gesundheit beschäftigt.

Myokine sind allerdings nur ein Teil der Geschichte. Fortlaufend nehmen Muskeln unterschiedlichste Stoffe – sogenannte Metabolite – aus dem Blut auf, besonders dann, wenn sie wachsen oder nach Beanspruchung repariert werden. Zu diesen Metaboliten zählen Aminosäuren, Fettsäuren und vor allem Glukose. Daher sind Muskeln eines der wichtigsten Stoffwechselorgane des Körpers.

Möglicherweise verhält sich ein wachsender Muskel wie ein hungriger Gast im Körper, wodurch weniger »Nahrung« für das Fettgewebe zur Verfügung steht. Wackerhage wählt zur anschaulichen Erklärung dieser Hypothese das Bild einer Sushi-Bar: »Unsere Verdauung stellt die Speisen – Metabolite – auf einem Laufband bereit, und Muskeln, alle Organe sowie Fettgewebe sind die Kundschaft.« Wachse die Muskulatur, bediene sie sich besonders großzügig am vorbeiziehenden Büfett: »Sie greift dann derart viele Metabolite aus dem Blut ab, dass etwa für das Fettgewebe wenig übrig bleibt«, sagt Wackerhage. Dieser erhöhte Bedarf hält noch ein bis drei Tage nach dem Training an.

Proteinreiche Nahrung zum Muskelaufbau

Da Muskeln chemische Energie aus dem Essen in Bewegungsenergie umwandeln und Eiweiß aus der Nahrung nutzen, um ihre Fasern zu reparieren und zu stärken, sollte man auf eine ausreichende Proteinzufuhr achten. Denn hat der Körper zu wenig davon, greift er auf bereits vorhandene Eiweißmoleküle zurück und baut Muskeln ab. Die International Society of Sports Nutrition hat im Jahr 2017 ein Positionspapier veröffentlicht, in dem sie Erwachsenen empfiehlt, täglich 1,4 bis 2,0 Gramm Protein pro Kilogramm Körpergewicht zu sich zu nehmen – Werte, die auf verschiedenen Studienergebnissen basieren. Allerdings soll man es auch nicht übertreiben. »Für die meisten Menschen reicht eine moderat hohe Proteinzufuhr aus. 1,6 oder 3,2 Gramm macht keinen großen Unterschied«, sagt Geisler. Und Wackerhage mahnt, den Einfluss der Ernährung nicht zu überschätzen: »80 Prozent des Muskelaufbaus kommen durch Training und 20 Prozent von der Ernährung«, schätzt er.

Um zu verstehen, wie sich Veränderungen der Muskelmasse auf den Körper auswirken, studieren Wackerhage und sein Team unter anderem die molekularen Mechanismen des Muskelaufbaus beziehungsweise -abbaus und, wie der Stoffwechsel eines Menschen je nach Muskelmasse variiert. »Wir möchten zum Beispiel herausfinden, welche Metabolite ein schrumpfender beziehungsweise ein wachsender Muskel aufnimmt und abgibt und welche Auswirkungen das im Körper hat«, erklärt Wackerhage. Man vermutet, dass nicht nur Myokine, sondern auch Stoffwechselprodukte der Muskeln als Signale wirken könnten. Die Deutsche Forschungsgemeinschaft (DFG) fördert diese Arbeit über die Forschungsgruppe HyperMet, in der die zugrunde liegenden Prozesse von der einzelnen Zelle bis zum gesamten Organismus untersucht werden.

Diabetesschutz durch Muskeln

Eine aktive Muskulatur spielt eine zentrale Rolle bei der Regulation des Blutzuckers und senkt damit das Risiko für Typ‑II‑Diabetes. Bereits ein bis zwei Krafttrainingseinheiten pro Woche verringern das Erkrankungsrisiko gegenüber Untätigen um rund 30 Prozent, wie eine Übersichtsarbeit aus 2021 ergab.

Besonders bemerkenswert ist jedoch, wie wenig Muskelzuwachs offenbar für einen Effekt ausreicht. Eine Metaanalyse aus dem Jahr 2025, für die der Sportbiologe Tim Havers gemeinsam mit Geisler, Wackerhage und anderen insgesamt 122 Studien auswertete, zeigt: Bereits eine durchschnittliche Zunahme der Muskelmasse um 1,9 bis 3,3 Prozent reduzierte Körperfett sowie die Nüchternblutzucker- und HbA1c-Werte. Letztere geben den durchschnittlichen Blutzucker der vergangenen zwei bis drei Monate an.

Die betrachteten Studien dauerten zwischen zwei Wochen und drei Jahren. Ihre Ergebnisse legen nahe, dass bereits kleine Veränderungen der Muskelmasse den Stoffwechsel messbar verbessern können. Ähnlich eindrucksvoll erscheinen die Resultate aus Tierstudien, bei denen gentechnische Veränderungen oder Medikamente gezielt Muskelwachstum auslösten. Die Muskulatur nahm dadurch durchschnittlich um 18 Prozent zu, gleichzeitig sank die Fettmasse um fast ein Viertel.

Gemäß den Autoren der Metaanalyse könnten sich Übergewicht und Typ-II-Diabetes demnach zumindest teilweise auch als Mangel an funktioneller Muskelmasse verstehen lassen. Entsprechend würde die Erkrankung nicht lediglich auf einem gestörten Zuckerstoffwechsel beruhen. Für Geisler unterstreichen solche Befunde die große Bedeutung des Krafttrainings bei Diabetes-Typ-II.

Warum Krafttraining den Blutzucker oft über viele Stunden oder sogar Tage verbessert, erklärte man bislang vor allem mit einem seit Längerem bekannten Mechanismus: Nach Belastung füllen die Muskeln ihre entleerten Glykogenspeicher wieder mit Glukose auf. Die Fachleute um Wackerhage vermuten jedoch, dass dies nur ein Teil der Erklärung ist. Laut ihrer Publikation aus dem Jahr 2026 nutzen Muskelzellen Glukose nach dem Training möglicherweise nicht nur als Brennstoff, sondern auch als Baumaterial für neues Gewebe. Ähnlich wie schnell wachsende Tumorzellen würden sie einen Teil des Zuckers zum Aufbau neuer Zellbestandteile verwenden – im Unterschied zu jenen allerdings kontrolliert und physiologisch sinnvoll. »Ich könnte also jetzt ein Snickers essen, dann einige Liegestütze machen, und dann wandert der Zucker vom Snickers als Muskelprotein in meinen Brustmuskel«, veranschaulicht Wackerhage die Hypothese. Ob dieser Mechanismus tatsächlich in messbarem Umfang abläuft, muss aber erst noch experimentell bestätigt werden.

»Je älter man ist, umso effektiver ist Krafttraining als Gesundheitstraining«Henning Wackerhage, Sportbiologe

Daneben erfüllen Muskeln noch eine weitere wichtige Aufgabe: Sie sind der größte Speicher für Aminosäuren im menschlichen Körper. Jene Bausteine der Proteine werden nicht nur für den Muskelaufbau benötigt, sondern auch vom Immunsystem zwecks Abwehr und Reparatur. Geht Muskelmasse verloren, schrumpft damit zugleich die körpereigene Reserve an solchen Molekülen. Das kann die Immunabwehr beeinträchtigen und das Infektionsrisiko erhöhen sowie die Wundheilung nach Verletzungen oder Operationen verlangsamen. Gerade in höherem Alter, wenn beide Prozesse ohnehin weniger effizient ablaufen, gewinnen diese Funktionen der Muskulatur an Bedeutung.

Problematischer Schwund

Ohnehin weiß man schon lange, dass ältere Menschen von zusätzlichen Muskeln besonders profitieren: Sie schützen vor Stürzen, Osteoporose und Gelenkproblemen. Die Muskelmasse beginnt allerdings bereits ab dem dritten bis vierten Lebensjahrzehnt langsam abzunehmen; bei Senioren beschleunigt sich der Vorgang zunehmend. Fachleute bezeichnen das Phänomen als »Sarkopenie«, den altersbedingten Verlust von Muskelmasse und -kraft. Das Bundesministerium für Gesundheit empfiehlt daher älteren Erwachsenen muskelkräftigende körperliche Aktivitäten und Gleichgewichtsübungen zur Sturzprävention. »Je älter man ist, umso effektiver ist Krafttraining als Gesundheitstraining«, sagt Wackerhage, der selbst mit gutem Vorbild voran geht. In seinem Büro finden sich Hanteln, Fahrradergometer und ein Stehtisch – eine »sportogene Umgebung«, wie er es nennt.

Sarkopenie |

Im Alter nehmen Muskelmasse und -kraft deutlich ab. Fachleute sprechen dann von Sarkopenie.

Im Idealfall hat man aber schon früher damit angefangen, eine Muskelreserve aufzubauen. »Die Muskelmasse, die man sich bis 25 antrainiert, bleibt tendenziell sehr lange erhalten«, sagt Gießing. »Wenn jemand in jungen Jahren seine Muskeln intensiv trainiert hat, dann sieht man das in der Regel viele Jahre später auch noch – selbst wenn die Person dann kein Krafttraining mehr macht.« Unternehme man nichts gegen den Abbau, dann habe man als 80-Jähriger nicht einmal mehr die Hälfte der Muskelmasse wie noch mit 30. »Je mehr Ausgangsmasse ich habe, desto mehr Schwund kann ich mir erlauben, bevor es problematisch wird«, so Gießing.

Und problematisch kann das durchaus werden. Laut einer Metaanalyse aus dem Jahr 2023 sterben Menschen mit wenig Muskulatur eher an Herz-Kreislauf-Erkrankungen, Krebs oder Atemwegserkrankungen. Das Sterberisiko ließ sich dabei beispielsweise am Muskelumfang des Oberarms ablesen. Außerdem haben Untersuchungen der vergangenen Jahre gezeigt, dass Muskelkraft – meist gemessen anhand der Handkraft – ein erstaunlich guter Vorhersagefaktor für Krankenhausaufenthalte, Pflegebedürftigkeit, Stürze und Knochenbrüche ist, teilweise auch für Herz-Kreislauf-Erkrankungen. Deshalb gilt die Handkraft in Fachkreisen inzwischen als eine Art »Biomarker des Alterns«.

Was also tun? Um dem Muskelabbau entgegenzuwirken, braucht es tatsächlich Krafttraining, wie Gießing betont. Bewegung alleine – etwa bei der Gartenarbeit oder einem Spaziergang – reiche nicht aus: »Wenn ältere Leute merken, dass sie beim Treppensteigen aus der Puste kommen, hat man früher nur zum Ausdauertraining geraten. Das ist tatsächlich auch sinnvoll, aber nur die halbe Miete«, sagt Gießing. Denn ohne Krafttraining könne es im Alter passieren, dass die Muskelkraft der Beine kaum ausreiche, das eigene Körpergewicht die Treppe hochzutragen. »Das ist dann der eigentliche Grund dafür, dass die Puste ausgeht.« Im Extremfall könne der Muskelschwund so weit fortschreiten, dass Betroffene nicht mehr selbstständig aufstehen können und pflegebedürftig werden.

Das Altern umkehren

Gießing ist überzeugt, dass sich funktionelle altersbedingte Veränderungen durch Krafttraining zumindest teilweise rückgängig machen lassen. Denn selbst im hohen Alter lasse sich durch Krafttraining noch Muskulatur aufbauen, sagt er. Und das wiederum gehe mit vielseitigen positiven Auswirkungen auf Körperfunktionen einher: vom Stoffwechsel über die Mobilität bis hin zu kognitiven Fähigkeiten. Gießing findet daher: »Wir sollten schleunigst dahin kommen, dass wir die Muskeln nicht mehr nur unter motorischen Gesichtspunkten betrachten, weil wir sie damit unter ihrem Wert verkaufen.«

Vorbeugen hilft |

Im Alter baut die Muskulatur zunehmend ab. Das kann letztlich bis zur Pflegebedürftigkeit führen, wenn die Muskelkraft nicht mehr für alltägliche Handlungen ausreicht. Dagegen empfiehlt sich ein regelmäßiges Krafttraining. Auch in höherem Alter lohnt es sich noch, damit anzufangen. 

Angesichts der bisherigen Erkenntnisse überrascht es nicht, dass die Forschung auch fieberhaft nach Wirkstoffen sucht, die dem altersbedingten Muskelabbau entgegenwirken. Ein aussichtsreicher Kandidat, Bimagrumab, wurde ursprünglich zur Behandlung der Duchenne-Muskeldystrophie entwickelt. Betroffene verlieren stetig an Muskelmasse, bis sie daran sterben. Bimagrumab ist ein Antikörper, der den Myostatinrezeptor von Muskelzellen blockiert. »Normalerweise bindet das körpereigene Protein Myostatin an diesen Rezeptor, wodurch das Muskelwachstum gebremst wird«, erklärt Wackerhage. Heftet sich jedoch Bimagrumab an den Rezeptor, kann Myostatin seine hemmende Funktion nicht mehr ausüben.

Eine Metaanalyse aus dem Jahr 2024 von sieben klinischen Studien mit 660 Teilnehmenden zeigte, dass Bimagrumab die Muskulatur auch bei älteren Erwachsenen mit Sarkopenie aufbaut und zugleich den Körperfettanteil reduziert – und das innerhalb weniger Monate. Doch was auf dem Papier beeindruckend wirkt, bringt im Alltag offenbar nur wenig: Die Patientinnen und Patienten gewannen kaum zusätzliche Kraft oder Mobilität. Möglicherweise können Muskeln, die derart pharmakologisch »aufgepumpt« werden, ihr Potenzial erst durch zusätzliches körperliches Training entfalten. Das Fazit der Metastudie: Bimagrumab könnte zwar im Kampf gegen altersbedingten Muskelabbau unterstützen – Bewegung ersetzt das Medikament aber nicht. Gesundheit resultiert also nicht einfach aus möglichst großen Muskeln, sondern aus einer aktiven, funktionellen Muskulatur.

Hoffnungsvoll stimmen allerdings erste Ergebnisse mit adipösen Diabetikern. In einer Studie von 2021 verloren die Teilnehmenden mit Bimagrumab nicht nur nennenswert an Gewicht, sondern legten gleichzeitig auch an Muskelmasse zu. Sinnvoll könnte daher eine Kombination von Bimagrumab mit dem Wirkstoff Semaglutid sein, der in den Abnehmspritzen Ozempic oder Wegovy enthalten ist. Letztere führen zu erstaunlichen Gewichtsverlusten, doch dabei geht nicht nur Fettgewebe, sondern auch viel Muskulatur verloren.

In einer aktuellen Phase-II-Studie hatte nach 48 Wochen die Gabe von Bimagrumab das Körpergewicht im Mittel um 9,3 Kilogramm gesenkt, Semaglutid um 14,2 Kilogramm. Den stärksten Gewichtsverlust von 17,8 Kilogramm wies die Gruppe auf, die beide Mittel zusammen eingenommen hatte. Und tatsächlich hatten diese Probandinnen und Probanden in erster Linie Fett und weniger Muskelmasse verloren. Zudem sank der Blutzucker. »Man erreicht damit also Anti-Adipositas- und Anti-Diabetes-Effekte«, kommentiert Wackerhage. Er gibt sich optimistisch, dass man künftig weitere pharmakologische Möglichkeiten finden könnte, die das Muskelwachstum gezielt unterstützen. Mit der Forschungsgruppe HyperMet wollen er und seine Kolleginnen und Kollegen die biologischen Grundlagen hierfür schaffen und neue Ansatzpunkte für Therapien gegen Muskelschwund identifizieren.

Wer allerdings heute schon etwas für seine Gesundheit tun möchte, kommt an Krafttraining nicht vorbei. Nur wenn Muskeln ausreichend stark belastet werden, passen sie sich an und wachsen. »Wenn ein Muskel in den Erschöpfungszustand gebracht wird, bedeutet das für ihn einen Reiz, der ihm sagt: Okay, ich muss mich anpassen«, veranschaulicht Gießing. Er ist überzeugt, dass Krafttraining in Zukunft so selbstverständlich werden könnte wie Zähneputzen. Aus heutiger Sicht müsste Hippokrates' Rat also erweitert werden: Bewege dich – und zwar so, dass deine Muskeln stark beansprucht werden!

Die wichtigsten Tipps zum Muskelaufbau

Ohne Krafttraining bauen sich keine Muskeln auf, und schnelle Erfolge gibt es auch nicht. Dranbleiben lautet das Motto. Aber mit welchen Trainingsmethoden gelingt es am besten? Die Wissenschaft hat drei wichtige Parameter ausgemacht: Trainingsintensität, Wiederholungen und Trainingsvolumen.

Die Intensität bezeichnet bei klassischen Gewichtsübungen, wie schwer das Gewicht im Vergleich zur persönlichen Maximalleistung ist. Als Faustregel gilt: »Gewichte nutzen, die etwa 70 bis 80 Prozent der eigenen Maximalleistung entsprechen«, sagt der Fitness- und Krafttrainingsforscher Tim Havers. Hier kommen die meisten bei acht bis zwölf Wiederholungen ohne Pause an ihre Erschöpfungsgrenze; zusammen ergibt das einen Trainingssatz. Kontrollierte Bewegungen sowie Pausen von ein bis zwei Minuten zwischen den Sätzen helfen den Muskeln, sich ausreichend anzupassen.

Das Trainingsvolumen bezieht sich auf die Anzahl der Sätze pro Woche. »Ein optimales Muskelwachstum können die meisten bereits mit zehn Sätzen pro Muskelgruppe pro Woche erreichen.« Mehr Sätze zeigen vergleichsweise wenig zusätzliche Wirkung. »Hier geht es dann vor allem um das Verbessern der Technik«, sagt Havers – etwa im professionellen Kraftsportbereich. Für die meisten Hobbysportler sind drei bis sechs Sätze wöchentlich realistisch, zum Beispiel an ein oder zwei Tagen je drei Sätze pro Muskelgruppe. »Damit lassen sich schon gute Ergebnisse erzielen«, weiß Havers.

Wichtig dabei: die Belastung regelmäßig steigern. »Sobald man zwölf Wiederholungen relativ gut schafft, das Gewicht erhöhen und wieder mit acht beginnen«, empfiehlt der Fachmann. Ohne progressive Belastungssteigerung stagniere die Entwicklung. Und wenig ist besser als nichts: »Schon ein Trainingssatz wöchentlich, der bis zum Versagen des Muskels ausgeführt wird, induziert Wachstum«, sagt Havers.

Außerdem gilt: Auch andere Trainingsmethoden führen zum Erfolg. In Studien zeigte sich zum Beispiel, dass man mit geringerem Gewicht – etwa 20 bis 30 Prozent des Maximalgewichts – ein gleichwertiges Muskelwachstum erzielen kann, lediglich die Maximalkraft bleibt geringer. »Man muss dann nur deutlich mehr Wiederholungen machen, um an die Erschöpfungsgrenze zu gelangen«, sagt Havers.

Er empfiehlt daher, Trainingspläne individuell nach körperlichen Voraussetzungen, Vorlieben und Zielen zu gestalten. Wem das Stemmen von Gewichten also nicht liegt, kann zum Beispiel Körpergewichtstraining (Calisthenics) ausprobieren. Und auch wenn Übungen an Maschinen oder mit Gewichten am effektivsten sind, lässt sich mit anderen Sportarten wie Rudern, Klettern oder Radfahren ebenfalls ein gewisses Muskelwachstum hervorrufen – vor allem dann, wenn man bisher wenig Sport getrieben hat. Fazit: Das Training wirkt dann am besten, wenn die Muskeln an ihre Belastungsgrenze gebracht werden, und zwar regelmäßig.

Faustregeln für effektives Krafttraining:

· 8 bis 12 Wiederholungen pro Satz

· 3 bis 4 Sätze pro Übung

· 1 bis 2 Minuten Pause zwischen den Sätzen

· 6 bis 12 Übungen pro Einheit

· 2 bis 3 Einheiten die Woche

· regelmäßige Steigerung der Gewichte

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  • Quellen
  • Havers, T. et al., Sports Medicine 10.1007/s40279–025–02263-w, 2025
  • Heymsfield, S.B., et al. Nature Medicine 10.1038/s41591–026–04204–0, 2026
  • Wackerhage, H. et al., American Journal of Physiology-Cell Physiology 10.1152/ajpcell.00295.2026, 2026
  • Zhou, H. et al., Journal of Cachexia Sarcopenia Muscle 10.1002/jcsm.13263, 2023
  • Zunner, B.E.M., et al., International Journal of Molecular Sciences 10.3390/ijms23073501, 2022

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