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Verhaltensbiologie: Mutige Spinnen haben die Nase vorn

Farbmarkierte Spinnen

Arbeitsteilung ist eine praktische Angelegenheit: Jeder müht sich mit einer ihm zugedachten Aufgabe, und alle profitieren. Selbst soziale Spinnen, die gemeinsam in einem Netz leben und sich die Beute teilen, kennen das Prinzip. Und hier sind offenbar besonders die Mutigen der Clique gefordert.

Dieser Nachrichtenbeitrag aus dem Jahr 2013 fasst Ergebnisse aus einer wissenschaftlichen Veröffentlichung zusammen, deren Datengrundlage von beteiligten Forschern mittlerweile in Zweifel gezogen wird. Die Wissenschaftler planen daher im Februar 2020, die Studie vom Fachmagazin »Biology Letters« zurückziehen zu lassen. Weitere Details über die Probleme mit den Ergebnissen des Papers und dem Verdacht auf wissenschaftliches Fehlverhalten eines Autors finden sie in einem Hintergrundartikel auf »Nature News«.

Nachwuchs produzieren, für den Nachwuchs sorgen, Futter suchen, das Nest verteidigen: In einer großen Lebensgemeinschaft gibt es vielfältige Aufgaben. Aus der Welt der sozialen Insekten ist schon lange bekannt, dass sich verschiedene "Kasten" speziell einzelner Aufgaben annehmen. Welcher Arbeit sie sich widmen, kann verschiedenste Ursachen haben – genetische wie umweltbedingte.

Soziale Spinnen | Soziale Spinnen wie Stegodyphus sarasinorum teilen sich Beute und Netz. Obwohl sie keine spezialisierten Kasten wie soziale Insekten aufweisen, gibt es auch bei ihnen Arbeitsteilung.

Auch soziale Spinnen zeigen im Labor eine gewisse Arbeitsteilung – obwohl bei ihnen die Kastenbildung wie bei Insekten nicht zu beobachten ist. Die Tiere sind meist alle etwa gleich alt, gleich groß, und zum Nachwuchs tragen mehrere, wenn auch nicht alle, bei – aber alle opfern sich dafür auf.

Was treibt sie zur Spezialisierung? Lena Grinsted von der Universität Aarhus und ihre Kollegen vermuteten dahinter die individuelle Persönlichkeit jeder Spinne. Sie überprüften zunächst den Wagemut und die Aggressivität von in Indien eingesammelten Stegodyphus sarasinorum: Wer erwachte am schnellsten nach einer simulierten Räuberattacke in Form eines Luftstoßes wieder aus der Starre? Und wer drohte einem vermeintlichen Feind in Form des Holzgriffes einer Präpariernadel, statt davonzurennen?

Attacke auf simulierte Beute | Eine farbmarkierte Spinne attackiert ein von den Forschern im Netz platziertes trockenes Blatt, das sie für Beute hält. Die Mutigsten hatten hier die Nase vorn.

Zurück im Freiland beobachteten die Wissenschaftler ihre nun unverwechselbar markierten Tiere, wenn sie ihnen ein trockenes Blatt ins Netz legten, das sie zudem mit einem Vibrator zum Schwingen brachten. Und siehe da: Die Siegerinnen der Mutprobe erschienen am schnellsten, um die erwartete Beute zu attackieren. Auch größere Exemplare trauten sich eher hervor, doch neigten sie nicht stärker als andere dazu, die Beute zu überwältigen. Der Grad an Aggressivität zeigte hingegen keinen Einfluss – wobei sich die Forscher hier selbst fragen, ob ihre Methode überhaupt geeignet war, das Aggressionspotenzial zu erfassen.

Soziale Spinnen pflanzen sich meist über Inzucht fort und sind einander daher genetisch sehr ähnlich – Variation im Verhalten dürfte also durch andere Faktoren entstehen. Grinsted und ihre Kollegen vermuten eher einen simplen Rückkopplungs-mechanismus: Tiere, die beispielsweise bei der Attacke auf eine Beute erfolgreich waren, werden beim nächsten Mal eher wieder eingreifen als ein noch unerfahrenes Koloniemitglied. Ob sich die wagemutigen Individuen auch vermehrt fortpflanzen oder andere Vorteile aus ihrem Verhalten ziehen, konnten die Forscher bei dieser Untersuchung noch nicht klären. Das überwältigte Futter wird jedenfalls unter allen geteilt.

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  • Quellen
Proc. R. Soc. B 20131407, 2013

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