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Mysteriöser Urmensch: Warum sind alle bekannten Homo naledi weiblich?

Homo naledi gilt als »Inbegriff der Rätselhaftigkeit« – und wird nun noch merkwürdiger: Von fast zwei Dutzend Individuen aus einer kaum zugänglichen Höhle ist kein einziges männlich.
Ein fossiler Schädel eines frühen menschlichen Vorfahren, seitlich dargestellt. Der Schädel zeigt deutliche Bruchstellen und Abnutzungen, die auf sein hohes Alter hinweisen. Die Zähne sind teilweise sichtbar, und die Struktur des Schädels ist unvollständig, was auf den Zerfall im Laufe der Zeit hindeutet. Der Hintergrund ist schwarz, um den Fokus auf den Schädel zu lenken.
»Neo« galt aufgrund der robusten Statur als männliches Individuum. Doch die Analyse des Zahnschmelzes zeigt nun: Dieser Schädel gehörte einem weiblichen Homo naledi.

Über keinen anderen Frühmenschen gehen die Meinungen in der Fachwelt so sehr auseinander wie über den kleinen, nur gut 1,40 Meter großen Homo naledi. Nun fügt eine Veröffentlichung im Fachblatt »Cell« der Liste der Rätsel ein weiteres hinzu: Ein Team um Palesa Madupe von der Universität Kopenhagen, jetzt am Max-Planck-Institut für evolutionäre Anthropologie in Leipzig, bestimmte das Geschlecht von 20 Homo-naledi-Individuen und stellte fest, dass alle weiblich waren.

Bemerkenswert ist das insofern, als alle bekannten Homo-naledi-Funde aus der südafrikanischen Rising-Star-Höhle stammen. Dort hatte ein Team um Lee Berger von der University of the Witwatersrand in Johannesburg im Jahr 2013 mehr als 1500 Fossilien entdeckt. Sie lagen verstreut in nur unter größten Mühen erreichbaren Kammern tief im Inneren der Höhle.

Wie waren sie dorthin gelangt? Berger und seine Mitarbeiter gehen davon aus, dass der Frühmensch, der vor rund 300 000 Jahren im Süden Afrikas lebte, seine Toten absichtlich in dieser Kammer deponierte. Andere Fachkollegen zweifeln diese Interpretation an. Sie halten Homo naledi für nicht intelligent genug, um seine Angehörigen gezielt bestattet zu haben. Sein Gehirn war nur wenig größer als das eines Schimpansen. Stattdessen, so eine alternative Idee, könnten noch unbekannte natürliche Vorgänge dazu geführt haben, dass die Frühmenschen in den Höhlenkammern landeten.

Auf den Zahn gefühlt

Die Ergebnisse von Madupe und Kollegen sprechen nun gegen einen natürlichen Vorgang, denn von einem solchen wären männliche wie weibliche Individuen vermutlich in gleichem Maß betroffen. Das ungewöhnliche Geschlechterverhältnis war Berger und Team im Übrigen vorher nicht aufgefallen. Sie hatten einige der untersuchten Individuen aufgrund ihrer robusten Statur für männlichen Geschlechts gehalten. Diese Interpretation müssen sie nun überdenken.

Ein Stück vom Kiefer |

Die Fossilien liegen in zwei Höhlenkammern verstreut auf dem Boden. In winzigen Proben aus dem Zahnschmelz haben Wissenschaftler nun eine überraschende Entdeckung gemacht.

Für die Geschlechtsbestimmung analysierten die Wissenschaftler geringe Materialproben aus dem Zahnschmelz an 26 Zähnen. Sie suchten darin nach den Proteinvarianten Amelogenin X und Amelogenin Y. Letzteres tritt nach aktuellem Kenntnisstand bei allen Menschenarten nur bei männlichen Individuen auf, ersteres bei beiden Geschlechtern. Die Wissenschaftler fanden jedoch ausschließlich die Amelogenin-X-Variante – sowohl bei Analysen in Kopenhagen als auch bei Kontrolltests in Leipzig. Die Chance, dass sie die Y-Variante einfach per Zufall immer wieder verpassten, sehen die Fachleute als äußerst gering an.

Taugt der Test nicht für Homo naledi?

»Ich habe nicht auch nur die geringste Idee, ob wir es hier mit einem Rätsel aus der Biologie zu tun haben oder mit einem Rätsel aus der Verhaltensforschung«, erklärt die Biomolekular-Archäologin Beatrice Demarchi von der Universität Turin gegenüber »Science«. »Homo naledi ist jedenfalls der Inbegriff der Rätselhaftigkeit.«

Denn es ist nicht auszuschließen, dass einige der Individuen vielleicht doch männlichen Geschlechts waren. Möglicherweise ist bei dieser Art durch einen evolutionsbiologischen Prozess die Amelogenin-Y-Variante irgendwann verloren gegangen. Homo naledi würde in dieser Hinsicht eine Sonderstellung einnehmen.

Auffällig ist jedenfalls, dass einige der Individuen, deren Zahnschmelz in die aktuelle Untersuchung einging, noch im Kleinkindalter waren – und ebenfalls nur Amelogenin X trugen. Sollte hier eine Gruppe von weiblichen Homo-naledi-Menschen in der versteckten Höhle Zuflucht gesucht haben und dort verendet sein, wie manche Fachleute mutmaßen, dann wäre zu erwarten, dass sie sowohl ihren weiblichen als auch ihren männlichen Nachwuchs dabeihatte. Doch das war augenscheinlich nicht der Fall. »Wo sind die männlichen Babys?«, fragt auch Lee Berger.

Folgt man seiner Bestattungshypothese, dann müsste die Geschlechtertrennung bei der rituellen Behandlung nach dem Tod sehr konsequent umgesetzt worden sein. Beim modernen Menschen finden sich die frühesten Nachweise für geschlechtsspezifische Bestattungen erst viele Jahrtausende später, vor rund 5000 Jahren.

  • Quellen

Madupe, P. et al., Cell 10.1016/j.cell.2026.05 044, 2026

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