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Tasmanischer Tiger: Ausgestorben wegen eines Mythos?

Der Tasmanische Tiger galt als gefürchteter Großräuber. Eine neue Studie stellt dieses Bild nun grundlegend infrage.
Schwarz-weiß-Foto eines Tasmanischen Tigers, der in einem Gehege steht und durch einen Maschendrahtzaun blickt. Der Hintergrund zeigt Holztüren und einen Betonboden.
Das letzte bekannte Exemplar des Tasmanischen Tigers verstarb 1936 im Zoo von Hobart. Das Foto entstand im Jahr 1933.

Der Tasmanische Tiger (Thylacinus cynocephalus) galt in Australien lange als gefürchteter Räuber, der Schafe reißt und selbst größere Beutetiere verfolgt. Neue Analysen seines Schädels lassen jedoch Zweifel an dieser Vorstellung aufkommen. Demnach war das größte räuberisch lebende Beuteltier vermutlich auf deutlich kleinere Opfer spezialisiert.

Das letzte bekannte Exemplar der auch als Beutelwolf bekannten Art verstarb 1936 im Zoo von Hobart. Aus Angst um ihr Nutzvieh bejagte die Bevölkerung die Tiere massiv – zeitweise setzte die Regierung sogar ein Kopfgeld aus. Europäische Siedler hatten den Tasmanischen Tiger häufig mit Raubtieren der Nordhalbkugel verglichen, etwa mit Wölfen, Schakalen und Füchsen aus der Familie der Hunde (Canidae). Sein wissenschaftlicher Artname »cynocephalus« bedeutet »Hundskopf«. Tatsächlich gehörte die Art aber zu den Beuteltieren und war damit näher mit Kängurus verwandt als mit Hunden.

Ein Forschungsteam der australischen Flinders University und der University of Melbourne hat nun historische Schädelpräparate genauer untersucht. Die im Fachmagazin »Nature Communications« veröffentlichten Ergebnisse deuten darauf hin, dass der Beutelwolf eine für Säugetiere ungewöhnliche Kombination anatomischer Merkmale aufwies. Sein Schädel war außergewöhnlich groß, der Oberkiefer zugleich lang und hoch und die Schnauze käulenartig verbreitert. Der Kopf eines durchschnittlichen Tasmanischen Tigers erreichte etwa die Größe eines Wolfsschädels, obwohl das Tier nur rund halb so schwer war. Für das Festhalten großer, wehrhafter Beute wie Schafe soll diese Anatomie den Fachleuten zufolge ungeeignet gewesen sein.

Stattdessen könnte der lange Kiefer es den Tieren ermöglicht haben, mit schnellen, kraftvollen Schnappbissen kleine bis mittelgroße Beutetiere zu fangen, beispielsweise Nasenbeutler, die ungefähr so groß sind wie Kaninchen. »Je länger der Kiefer ist, desto schneller bewegt sich beim Zubeißen seine Spitze«, erklärt die Studienleiterin Vera Weisbecker. »Wir denken, dass die enorme Schädelgröße des Beutelwolfs es ihm erlaubte, diesen Beißkräften standzuhalten.« Die Studie wirft damit ein neues Licht auf das Aussterben der Art. Über Jahrzehnte betrachtete man den Tasmanischen Tiger als Gefahr für Nutztiere und bejagte ihn gezielt. Ob er tatsächlich in relevantem Umfang Schafe riss, blieb jedoch stets umstritten. Die neuen Erkenntnisse stützen die Ansicht, dass sein Ruf als großer Viehräuber unbegründet war.

  • Quellen

Weisbecker, V. et al., Nature Communications 10.1038/s41467–026–76614–0, 2026

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