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News: Nachbarschaftsplausch im Internet

Wer hat sich nicht schon einmal im World Wide Web verirrt? Im täglichen Leben würde man in so einer Situation einfach den nächsten Menschen nach dem Weg fragen. Dies ist nur eine der Möglichkeiten, die das CoBrow-Projekt dem ganz normalen Web-User eröffnen soll: Er soll mit Leuten reden können, wo immer er geht und steht - auf jeder Webseite, nicht nur in Chaträumen.
Die Grundidee ist ganz einfach: Wäre es nicht interessant, überall im Internet auf mehr oder weniger Gleichgesinnte zu treffen und sich mit diesen je nach Stimmung auch noch unterhalten zu können? Um dies zu ermöglichen, entwickelten Wissenschaftler der Abteilung für Verteilte Systeme der Universität Ulm das Virtuelle Präsenz Protokoll (VPP). Bei Virtueller Präsenz ist der Hintergrund, daß Menschengruppen sich zu einem bestimmten Zeitpunkt WWW-Seiten ansehen. Für jeden Benutzer wird eine Liste anderer Benutzer (Nachbarn) erzeugt und dargestellt. Wie die Nachbarschaftsliste berechnet und dargestellt wird, ist im Protokoll nicht festgelegt.

Der VPP-Server verwendet die Positionen der Benutzer im Web, um Nachbarn zu berechnen. Jedem Nutzer wird eine Zeichenkette zugeordnet, die seine Identifikation darstellt, während er sich durchs Web bewegt. Dies kann zum Beispiel eine URL sein. Wichtig ist nur, daß sich aus der verwendeten Identifikationsnummer später Informationen wie gewünschter Name oder gewünschtes Darstellungssymbol ableiten lassen. Die jeweiligen WWW-Seiten werden durch den VPP-Server analysiert und für jeden Benutzer werden andere Nutzer auf der gleichen Seite und den durch Links damit verbundenen Seiten gesucht. So kann ein Netzsurfer gewissermaßen "über Links hinweg sehen". Eine dazugehörige Software, der CoBrow-Client (Colloborative Browsing, Downloading), stellt jedem Benutzer die Liste der Nachbarn dar und ermöglicht Nachbarn, miteinander zu kommunizieren.

Wie geht dies nun im Einzelnen vor sich? Zunächst werden Benutzern bestimmte URLs zugeordnet. Dies geschieht durch einen VPP-Client, der die Position an- und abmeldet. Besonders die zuverlässige Abmeldung ist eine Herausforderung. Im realen Einsatz stürzt nun einmal ein WWW-Browser auch dann und wann ab – ohne sich abzumelden. Oder es wird ein Modem ausgesteckt oder was es sonst noch an Unwägbarkeiten des Alltags gibt. Zur Anwendung kommt bei der Positionsmeldung momentan hauptsächlich ein Java Applet, das automatisch geladen wird. Letztendlich bekommt der VPP-Server vom Positionsmelder einfache Nachrichten der Art:
Benutzer A geht auf Seite S
Benutzer A verläßt Seite S
Benutzer A geht auf Seite T

Statt einen automatischen Positionsmelder beim Websurfen zu nutzen, kann man sich auch explizit registrieren, zum Beispiel beim Einloggen am Morgen oder gesteuert durch den Screensaver. Damit kann man auf Webseiten präsent sein, ohne den WWW-Browser öffnen zu müssen.

Ein VPP-Server betreut einen WWW-Server, mehrere WWW-Server oder nur einen Teil eines Servers. Er kennt die Struktur der Dokumente, für die er zuständig ist. Die HTML-Links dieser Dokumente werden als Grundlage für die Sichtbarkeitsberechnung verwendet. Der sichtbare Radius kann für jeden Benutzer verschieden sein. So könnte man zum Beispiel einstellen, daß der Verkäufer eines Online-Geschäfts alle Seiten überblickt, Kunden aber nur über einen Link hinweg sehen können. Der Horizont wird in positiven Zahlen angegeben, wobei normale HTML-Links eine Länge von 1 haben und Benutzer typischerweise einen Horizont von 1.

Prinzipiell lehnt sich die Anordnung der Web-Site für den VPP-Server damit an die Links zwischen Seiten an. Autoren von Webseiten können dies aber ändern, indem sie Linklängen modifizieren. Die Bandbreite reicht von einem Abstand von 0 zwischen Webseiten, der die Seiten virtuell übereinander legt, bis zu unendlicher Länge, was Seiten so trennt, das man zwar einfach per Klick darüber browsen, aber nicht darüber hinweg sehen kann. Während HTML-Links nur in eine Richtung gehen, sind VPP-Links bidirektional mit unter Umständen verschiedener Länge. Damit kann man Besprechungsräume oder -seiten realisieren, in die man nicht hinein, aus denen man aber heraussehen kann.

Jeder Benutzer hat eine Präsenzfunktion. Sie gibt das Maß der Präsenz abhängig vom Abstand zu der aktuellen Position an. Momentan wurde nur eine einfache Funktion implementiert, das heißt, ein Nutzer ist ganz sichtbar oder eben nicht. Der VPP-Server läuft für jeden Benutzer alle Seiten innerhalb des Horizonts ab, um andere Benutzer zu sammeln. Die Suche verwendet einen rekursiven Algorithmus mit gewichteten Stoppmarken, um Zyklen zu vermeiden. Alle gefundenen Nachbarn werden in die Nachbarschaftsliste eines Benutzers aufgenommen.

Doch "Nachbarn" können manchmal auch recht weit voneinander entfernt sein – sozusagen in verschiedenen Dörfern wohnen. Diese Situation spiegelt die Kommunikation zwischen verbundenen VPP-Servern wider. Auf einem VPP-Server (mit eventuell mehreren WWW-Servern) können relativ einfach Nachbarn gesucht werden. Will man aber über WWW-Server Grenzen hinweg sehen (sogenannte Grenzlinks), dann müssen VPP-Server miteinander kommunizieren. Sie teilen sich gegenseitig Links mit und benachrichtigen sich über Bewegungen auf Grenzseiten, das heißt Seiten mit ausgehenden oder hereinkommenden Links. Generell ist die Topologie des VPP-Datenverkehrs dem des HTTP-Verkehrs ähnlich. Die Größenordung ist aber geringer.

Wie schon erwähnt, stellt ein CoBrow-Client jedem Benutzer die Liste der Nachbarn dar. Diese Nachbarschaftsliste enthält im wesentlichen eine Menge von Benutzeridentifikationen. Standardisiert sind bisher IP-Adresse und HTTP-URL. Das VPP-System versucht, von diesen Adressen Konfigurationsdateien zu laden. Dies können zum Beispiel ein Name, ein entsprechendes Icon und andere Informationen sein. Es werden aber nur die Informationen verwendet, die ein Benutzer freiwillig und explizit zur Verfügung stellt. VPP kann auch mit anderen Typen von Benutzeridentifikationen verwendet werden, wenn irgendwie sichergestellt ist, daß daraus später für ein Nachbarschaftsdisplay sinnvolle Informationen abgeleitet werden können. Die einfachste Möglichkeit, Internet-Benutzer zu identifizieren ist die E-Mail-Adresse. Da diese aber mißbraucht werden kann, wird davon abgeraten, E-Mail-Adressen als Benutzeridentifikationen zu verwenden.

Die Art der Darstellung der Nachbarschaftsliste hängt von der Implementierung des CoBrow-Displays ab. Die Palette reicht von einer Liste von Namen, über eine Sammlung von Icons oder Strichmännchen bis hin zu 3D-Avataren, die in einem 3D-Player zwischen symbolisierten Webseiten herumlaufen. Die symbolisierten Webseiten werden von einem Thumbnail-Server bereitgestellt, der für jede Seite ein kleines Bild erzeugt. Für große Anzahlen von Nachbarn muß natürlich eine andere Darstellung gefunden werden als für kleine Websites mit wenigen Kunden zur gleichen Zeit. Das VPP-Protokoll sieht den Fall großer Zahlen vor und enthält Mechanismen, um die Last zu verringern.

Es wurden bisher drei Varianten des CoBrow-Displays implementiert. Das Java-Applet wird relativ schnell zu jedem Benutzer geladen wird und benötigt keine Softwareinstallation beim Benutzer. Für Websites, die Java vermeiden wollen, steht eine reine HTML-Variante zur Verfügung. Auch Freunde von 3D-Darstellungen kommen nicht zu kurz: Es existiert eine Visualisierung der Webseiten mit 3D-Avataren. Jeder Benutzer kann sein eigenes Avatar verwenden. Es wird so wie ein Icon in der 2D-Version vom Benutzer geladen.

Eine Windows-native Version befindet sich noch in der Entwicklung. Nachbarn sollen wie zum Beispiel im Windows Explorer in Namens- oder Icondarstellung erscheinen oder einfach nur auf dem Desktop ohne extra Fenster. Die Windows-native Version enthält einen HTTP-Server, der für die Anderen die nötigen – freiwillig zur Verfügung gestellten – Informationen automatisch bereitstellt.

Die Unterhaltung zwischen den Nachbarn soll natürlich möglichst einfach sein. Punkt-zu-Punkt-Kommunikation wird durch einen Mausklick gestartet. Es werden externe Kommunkationstools verwendet. Da diese nicht immer – besser gesagt: meistens nicht – beim Benutzer installiert sind, ist in die CoBrow-Software eine Chatmöglichkeit eingebaut. Dieser Chat sieht jedoch anders aus als übliche Chatkanäle. Schreibt jemand einen Text in das Chatfenster oder die Chatzeile, dann erscheint der Text bei allen Nachbarn. Der Rückzug in den gemütlichen Plausch zu zweit wird nicht unterstützt. Jeder Benutzer trägt seine Chatzeilen mit sich herum, wie Icon und Name. Dadurch kann man sich gemeinsam durch das Web bewegen und sich dabei unterhalten. Niemand muß auf einer speziellen Chatseite bleiben. Wie einfach, wenn man mit der Nachbarschaft spazierengehen kann.

Präsentiert wird das System auf der CeBIT 1999, Halle 16, Stand B 35.

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