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Influenza: Nachgebautes Virus klärt tödliches Geheimnis der Spanischen Grippe

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Die Grippe-Pandemie von 1918 wirkte sich wegen einer Überreaktion des Immunsystems so fatal aus. Diese Vermutung konnte eine Wissenschaftlergruppe aus Kanada, Japan und den USA bestätigen, die Affen mit einem gentechnisch rekonstruierten Virusstamm infiziert hatten.

Die Forscher um Yoshihiro Kawaoka von der Universität von Wisconsin in Madison hatten bei sieben Javaneraffen (Macaca fascicularis) einen Virusstamm übertragen, dessen Erbinformation aus Opfern der Grippe-Pandemie von 1918 gewonnen worden war. Drei Kontrolltiere erhielten einen verwandten H1N1-Stamm, der auch heute beim Menschen kursiert, aber meist glimpflich verlaufende Infektionen verursacht.

Das gentechnische Rekonstrukt verursachte bereits nach 24 Stunden erste Symptome. Nach einer Woche mussten die Makaken, die eigentlich drei Wochen lang beobachtet werden sollten, wegen schweren Lungen- und Bronchienschäden eingeschläfert werden. Dagegen hatten sich die Kontrolltiere wieder erholt.

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Grippe-Pandemie 1918 | An der Grippe-Pandemie am Ende des Ersten Weltkriegs starben schätzungsweise 50 Millionen Menschen. Das Bild zeigt ein amerikanisches Notaufnahmelager im Camp Funston (US-Bundesstaat Kansas).
Der Krankheitsverlauf ähnelte den 1918 beschriebenen Symptomen. Offensichtlich löst das Virus eine extrem gesteigerte Entzündungsreaktion aus, die sich als so genannter Zytokin-Sturm bemerkbar macht. Zytokine sind körpereigene Proteine, die das Immunsystem mobilisieren. Diese Überreaktion des Immunsystems führt letztlich zur Zerstörung von Lungen und Bronchien. Entsprechende Ergebnisse hatten bereits Forscher an Mäusen erzielt, die ebenfalls ihre Versuchstiere mit einem gentechnischen Konstrukt infiziert hatten.

Diese Beobachtung könnte erklären, warum zu Beginn des 20. Jahrhunderts vor allem junge, kräftige Menschen der Krankheit erlagen: Im Gegensatz zu Älteren zeigt sich ihr Immunsystem besonders aktiv. Andere Grippe-Epidemien gefährden vor allem Menschen mit einem geschwächten Immunsystem. Allerdings zeigt sich beim Vogelgrippe-Stamm H5N1 eine ähnliche Überreaktion des Immunsystems.

Die gentechnische Rekonstruktion des tödlichen Virus, die 2005 den Wissenschaftlern um Jeffery Taubenberger vom Institut für Pathologie der US-Streitkräfte in Rockville zum ersten Mal gelang, hatte heftige Diskussionen ausgelöst. Die Forscher hatten das virale Erbgut aus Grippeopfern gewonnen, die seit November 1918 im Permafrostboden Alaskas ruhen, und daraus das Virus künstlich synthetisiert. Einige Kollegen lehnten die Experimente ab, da die Gefahr des Missbrauchs zu groß sei. Kawaoka und Co hoffen dagegen, ihre Erkenntnisse gegen drohende Grippe-Epidemien einsetzen zu können – mit einer Kombination aus antiviralen Mitteln und Medikamenten, die eine überschießende Reaktion des Immunsystems verhindern.

Die Spanische Grippe hatte von 1918 bis 1920 ein Drittel der Weltbevölkerung infiziert. Mit schätzungsweise 50 Millionen Toten lag die Opferzahl weit aus höher als beim kurz zuvor zu Ende gegangenen Ersten Weltkrieg. (aj)
19.01.2007

Dieser Artikel ist enthalten in Spektrum - Die Woche, 19.01.2007

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