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Ökophysiologie: Nachtflug

Fledermäuse gelten als Meister der Flugkünste, die sich per Ultraschall auch bei absoluter Dunkelheit zurecht finden. Doch das Echolot funktioniert nur auf kurzen Distanzen. Wie bewältigen die Flattertiere längere Wege?
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"Noch ehe bei uns an schönen Tagen die Sonne zur Rüste gegangen ist, beginnt eine der merkwürdigsten Ordnungen unserer Klasse ihr eigentümliches Leben. Je mehr die Dämmerung hereinbricht, um so mehr treten diese dunklen Gesellen auf, bis mit eintretender Nacht alle munter geworden sind und nun ihr Wesen treiben."

"Die Fledermaus hört vorbeifliegende Kerbtiere schon in ziemlicher Entfernung und wird durch ihr scharfes Gehör wesentlich in ihrem Fluge geleitet"
(Alfred Brehm)
Von welcher Säugetierordnung spricht hier Alfred Brehm? Richtig! Die Fledermäuse, die heutige Systematiker als Unterordnung der Flattertiere einstufen, haben es dem alten Meister der Zoologie angetan. Seit der italienische Philosoph und Naturforscher Lazzaro Spallanzani 1793 nachweisen konnte, dass die "dunklen Gesellen" mit den Ohren "sehen" können, haben sie nichts von ihrer Faszination eingebüßt: Das Fledermaus-Echosonar gilt als Paradebeispiel für ein hoch entwickeltes Navigationssystem im Tierreich.

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Eptesicus fuscus | Ein Exemplar der Großen Braunen Fledermaus (Eptesicus fuscus) wird mit einem Sender ausgestattet und dann ausgesetzt. Wie sich zeigte, orientieren sich die Tiere anhand des Erdmagnetfelds.
Nun lassen sich schmackhafte Insekten per Ultraschall bei absoluter Dunkelheit hervorragend aufspüren. Doch wer seinen Hunger gestillt hat, möchte nach erfolgreicher Jagd auch wieder heim. Wie finden die Flatterwesen nachts wieder zurück zum Schlafplatz? Das Echolot, das nur auf kurzen Distanzen arbeitet, taugt hier wenig.

Die Forscher um Richard Holland von der Universität Princeton hatten hier einen Verdacht: Setzen die Kleinsäuger auf die gleiche Technik wie etliche Vögel, die ja schließlich auch über längere Strecken navigieren müssen? Bei ihnen dient das Magnetfeld der Erde als Orientierungshilfe.

Zur Beantwortung der Frage mussten die Forscher das seit Spallanzanis Zeiten bestens bewährte Fledermauslabor verlassen und ihre Schützlinge im Freien beobachten, die – zwanzig Kilometer vom Schlafplatz ausgesetzt – wieder heimfinden sollten. Hierbei erwies sich die Technik der Telemetrie als äußerst hilfreich, die mit festgeklebten Minisendern schon die Wanderung von so manchem Getier verfolgt hat.

Zuvor hatten Holland und seine Kollegen mehrere Exemplare der in Nordamerika heimischen und zu den Breitflügelfledermäusen zählenden Großen Braunen Fledermaus (Eptesicus fuscus) leicht umgepolt: Die erste Gruppe nächtigte von 45 Minuten vor bis 45 Minuten nach Sonnenuntergang in einem um 90 Grad nach rechts gedrehtem Magnetfeld, die zweite in einem entsprechend nach links abweichenden Feld. Eine Kontrollgruppe durfte im unbeeinflussten natürlichen Erdmagnetfeld auf ihren Jagdausflug warten.

Das Experiment bestätigte den Verdacht. Die nördlich vom Schlafplatz ausgesetzten Tiere der Kontrollgruppe flogen schnurstracks nach Süden. Dagegen zeigten die aus dem künstlichen Magnetfeld entrissenen Exemplare deutliche Orientierungsschwierigkeiten: Die erste Gruppe zeigte einen Ostdrall, die zweite zog es gen Westen.

Doch ganz so hilflos blieben die Fledermäuse nicht. Einige hatten offensichtlich irgendwann ihren Navigationsfehler spitz bekommen, korrigierten den Kurs und fanden schließlich noch in der selben Nacht heim. Neben einem eingebauten Magnetkompass scheinen die Tiere demnach auch über eine innere Karte zu verfügen, mit der sie sich orientieren können.

Alfred Brehm ahnte noch nichts von einem Magnetsinn der Flattertiere. Doch dass eine leistungsfähige Echoorientierung zum Wesen der "dunklen Gesellen" gehört, davon war er zutiefst überzeugt: "Es ist unzweifelhaft, dass die Fledermaus vorbeifliegende Kerbtiere schon in ziemlicher Entfernung hört und durch ihr scharfes Gehör wesentlich in ihrem Fluge geleitet wird."
07.12.2006

Dieser Artikel ist enthalten in Spektrum - Die Woche, 07.12.2006

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