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News: Naive Neubürger

Honigbienen in Australien - noch relativ neu auf dem fünften Kontinent - lassen sich von Krabbenspinnen in Blüten locken und enden so als Mittagessen. Ihre dort angestammten Verwandten zeigen sich deutlich gewiefter.
Eine Wiese mit blühenden Margariten – welch Paradies für Honigbienen auf Nektarsuche. Dabei lauert, für das menschliche Auge kaum wahrnehmbar, in manchen Blüten der Tod: Krabbenspinnen, die sich in ihrer Körperfärbung perfekt an die weißgelbe Umgebung angepasst haben. Selbst im für uns unsichtbaren UV-Bereich, den aber Bienen wahrnehmen können, tarnen sich die Achtbeiner bestens und vermögen sich so ihr ahnungsloses Mittagessen in spe zu erbeuten – zumindest in Europa.

Down under aber, bei den australischen Verwandten, steht die Welt Kopf. Hier nämlich setzen die hungrigen Krabbenspinnen der Art Thomisus spectabilis auf Kontrast: Sie reflektieren im UV-Bereich so stark, dass sie sich deutlich von ihrem Untergrund abheben. Und die grelle Tour erweist sich interessanterweise bei Honigbienen als genauso erfolgreich wie die dezente Tarnung im fernen Europa. Denn wie Astrid Heiling von der Universität Wien vor einem Jahr feststellen konnte, fliegen die vor etwa 200 Jahre auf dem fünften Kontinent eingeführten Nektarsammler begeistert auf die auffälligen Blüten – und bescheren den Spinnen dadurch gut gefüllte Mägen.

Naive Neubürger, würde eine einheimische Biene wie Austroplebia australis vielleicht kopfschüttelnd kommentieren. Zwar lässt auch sie sich vom interessanten Farbkontrast der Spinnen-besetzten Blüte nahe heranlocken – doch darauf landen, bewahre! Auf welche Weise auch immer erkennt die gewiefte Eingeborene die Gefahr und dreht ab zu einer unbewohnten Blüte in der Nachbarschaft.

Astrid Heiling und ihre Kollegin Marie Herberstein von der australischen Macquarie University in North Ryde hatten Angehörige des Universitäts-eigenen Bienenstocks mit Austroplebia australis zur Blütenwahl gebeten. Nachdem sie die Freilandbienen an das Aufspüren von Zuckerlösung gewöhnt hatten, setzten die Wissenschaftlerinnen betäubte Krabbenspinnen in jeweils eine von zwei Margeritenblüten zur Wahl und beobachteten, was geschah.

Dabei zeigte sich deutlich der verlockende Effekt des Kontrasts: Blüten mit Spinne wurden deutlich häufiger aus weniger als vier Zentimeter Entfernung begutachtet als die Nachbarn ohne betäubten Besuch. Gelandet aber wurde häufiger auf den ungefährlichen Blüten.

Es machte dabei einen Unterschied, ob die Blüten mit Folie abgedeckt waren, um Geruchssignale zu unterbinden. Doch halten die Forscherinnen dieses Detail für irrelevant, da die Abdeckung schlicht die Zahl der Landungen der australischen Bienen insgesamt reduziert hatte – die europäischen Abkömmlinge hatten sich davon nicht beeindrucken lassen. Vielleicht, so mutmaßen Heiling und Herberstein, inspizieren die in Australien heimischen Bienen die Blüten länger und genauer, bevor sie sich setzen, und entdecken so die Gefahr.

Im Wettkampf zwischen Krabbenspinne und australischer Biene haben daher momentan die Nektarsammler die Nase vorn. Nun wären also die Räuber gefragt, sich daran anzupassen, sonst bleiben die Mägen leer. Werden die Achtbeiner auf mehr Tarnung setzen, wie ihre europäischen Verwandten? Oder sich neue Lockmethoden ausdenken? Neue Ideen wären hilfreich, doch drängt es vorerst nicht: dank der naiven Neubürger, die sich noch fleißig austricksen lassen. Aber auch sie werden irgendwann lernen, die lockende Gefahr zu erkennen – bis dahin also müssen sich die Krabbenspinnen etwas einfallen lassen.

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