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Namen sind Schall und Rauch

Ist der Artenreichtum unseres Planeten wirklich bedroht? Die Antwort auf diese Frage ist umstritten, schließlich sind sich Wissenschaftler nicht einmal einig, wieviele Arten die Erde überhaupt beherbergt. Und jetzt zeigt ein mathematische Modell auch noch, dass durch doppelte und falsche Benennungen die Diversität meist überschätzt wird.
Der Flaschenkürbis oder Kalebasse – Gemüse des Jahres 2002 – hört heute weltweit auf den wissenschaftlichen Namen Lagenaria siceraria. Doch das war nicht immer so. Carl von Linné taufte das Kürbisgewächs noch auf Cucurbita lagenaria, und bis zum Ende des 18. Jahrhunderts kursierten parallel dazu die Bezeichnungen C. siceraria, C. hispida, C. leucantha oder gar Pepo lagenarius.

Dieses Namenswirrwarr ist nur ein Beispiel für ein weit verbreitetes Problem in der wissenschaftlichen Benennung von Arten, der Taxonomie. Wird eine Spezies neu beschrieben, müssen Forscher vorher geklärt haben, ob es sich wirklich um etwas bisher Unbekanntes handelt. Und doch kommt es immer wieder vor, dass sich der gewählte Name im Nachhinein als unzutreffend erweist, sei es, weil es die Art unter einer anderen Bezeichnung doch schon gibt oder sie verwandtschaftlich falsch eingeordnet wurde. Die Folge ist, dass für ein und dieselbe Spezies gleichzeitig mehrere Namen im Umlauf sein können.

Was sich auf den ersten Blick wenig bedeutsam anhört, hat allerdings große Auswirkungen. Denn Schätzungen des Artenreichtums von heute oder vergangener Zeiten beruhen auf Listen von Arten oder übergeordneten Gruppen. Ist hier ein und derselbe Vertreter unter verschiedenen Namen mehrmals aufgeführt, liegt die daraus errechnete Vielfalt zu hoch. John Alroy von der University of California in Santa Barbara versuchte daher, das Ausmaß des Fehlers mit Hilfe einer mathematischen Formel abzuschätzen.

Als Grundlage für seine Gleichung wählte er eine Datenbank, in der alle fossilen Säugetiere Nordamerikas verzeichnet sind, samt der Geschichte ihrer Namen. So konnte Alroy überprüfen, wieviele Namen nach einer bestimmten Zeit noch stimmten beziehungsweise verändert oder gar ganz entfernt wurden, weil sie sich als doppelte Nennung derselben Art entpuppten.

Aus den Daten leitete Alroy eine Art Zerfallskurve für Artnamen ab, wobei er auch die jeweilige Zahl an Taxonomen in einem Zeitraum berücksichtigte – denn je mehr Menschen in diesem Gebiet arbeiten, desto größer ist auch die Wahrscheinlichkeit, dass falsche Bezeichnungen aufgespürt werden.

Den Ergebnissen zufolge müssten sich 24 bis 31 Prozent der derzeit akzeptierten Namen für die fossilen Säugetiere als nicht korrekt herausstellen. Das bedeutet, dass die Diversität in diesem Fall um bis zu 44 Prozent überschätzt wurde. Und da in anderen Gruppen vergleichbare Fehler auftreten, korrigiert sich damit auch die geschätzte Gesamtzahl aller heute lebenden Arten weltweit nach unten: Statt der vermuteten 5 bis 15 Millionen handelt es sich womöglich nur um 3,5 bis 10,5 Millionen.

Einen Punkt stellt Alroy allerdings deutlich klar. Selbst wenn die globale Diversität geringer ist als bisher angenommen, der Fehler rüttelt nicht an der Befürchtung, dass die Welt gerade ein sechstes Massenaussterben erlebt. Denn trotz einiger Unsicherheiten liegen die Schätzungen für die derzeitigen Extinktionsraten noch immer mindestens doppelt so hoch wie in Zeiten, in denen Artbildung und Aussterben in normalen Bahnen liefen.

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