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News: Naseweise leben länger

Ein zurückgezogenes Leben unter Vermeidung aller Hektik stellt man sich eher lang und friedlich vor - eines in steter Hektik und voller Neuigkeiten wohl eher kurzweilig, aber eben auch schlicht kurz. Alles falsch, zumindest bei Ratten.
Rattengeschwister
Sonia Cavigelli ist womöglich ziemlich neugierig – ein Wesenszug, der ihr als Wissenschaftlerin der Universität Chicago schließlich auch ganz gut zu Gesicht stehen würde. Und so drehte sich die Frage, mit der sich Cavignelli und ihre Kollegin Martha McClintock beschäftigen, vielleicht auch ein wenig um sie selbst: Welche Vorzüge und Nachteile liefert die Fähigkeit zur Neugier eigentlich im Leben?

Eine große Frage, die nur auf ein paar Umwegen zu beantworten ist. Also besser klein anfangen: bei Ratten etwa – schließlich ist neugieriges Verhalten durchaus keine exklusive Fähigkeit des Menschen. Wie unter verschiedenen Homo sapiens finden sich auch unter einzelnen Rattus norwegicus besonders naseweise Nagerindividuuen – und deren Gegenpol, besonders furchtsame Tiere. Solche, zeigte Cavignelli in Laborbeobachtungen, erkunden beispielsweise unbekannte Territorien eher verhalten oder gar nicht, während mutige und stets neugierige Ratten an die möglicherweise lauernden Gefahren neuer Umgebungen wenig Gedanken zu verschwenden scheinen.

Diese unterschiedlichen Charaktereigenschaften entwickeln Ratten übrigens, wie die Forscherinnen verdeutlichten, nicht erst in Reaktion auf die positiven oder negativen Erfahrungen, die sie vielleicht bei ersten Erkundungstouren sammeln. Stattdessen sind schon bei sehr junge Tieren ausgeprägt unterschiedlich neugierige Naturen zu erkennen, selbst wenn sie eng verwandt, also genetisch sehr ähnlich sind.

Wenn Ratten also nicht erfahrungsbedingt ängstlicher oder neugieriger werden: Gibt es dann körperliche Ursachen für die unterschiedlichen Wesenszüge? Nun ist gerade für Ängstliche alles Neue immer auch Stress – vielleicht also sind neugierige und weniger neugierige Ratten einfach unterschiedlich stressresistent? Die Wissenschaftlerinnen überprüften die Vermutung, indem sie die Konzentration der Glucocorticoid-Hormone in einzelnen Ratten der eher neugierigen und der eher furchtsamen Sorte ermittelten, die gerade auf unbekanntem Terrain operierten. Diese Hormonkonzentrationen sind eine Maßeinheit für körperlichen Stress: Die Hormone werden unter anderem in Krisensituationen vermehrt ausgeschüttet, um den Körper in einen hochreaktiven Alarmzustand zu versetzen.

Wie sich zeigte, waren die Glucocorticoid-Konzentrationen im Blut der eher neugierigen Ratten stets niedriger als bei den furchtsamen Ratten auf Erkundungsgang – und dies in ein und derselben objektiven Gefahrensituation. In gleichen Situationen erleben furchtsame Ratten also offenbar größeren "gefühlten" körperlichen Stress.

Ein Nachteil mit zudem offensichtlichen Langzeitfolgen, wie Cavignelli weiter ermittelte: Die leicht einschüchterbaren und wenig stressresistenten Stubenhocker lebten im Durchschnitt auch noch eindeutig kürzer als ihre neugierige Verwandtschaft. Vielleicht eine Folge des oft erhöhten Glucocorticoidspiegel – dieser senkt schließlich beispielsweise die Abwehrleistung des Immunsystems.

Schützt Neugier demnach also vor Stress und verleiht zudem noch ein langes Leben? Haben wir hier vielleicht sogar etwas über uns selbst erfahren – also Grundlegendes auch über die Neugier von Menschen? "So weit würde ich keinesfalls gehen", meint Cavigelli. Immerhin hat Neugier eben nicht immer nur positive Folgen – eine Ratte, die etwa völlig entspannt freie Flächen nach Nahrung durchforstet, würde schnell auch einmal im Magen eines Räubers enden. Vielleicht auch noch vor den Augen der geschützt zurückbleibenden – und überlebenden – Zögerer. Mutiger werden diese dadurch bestimmt auch nicht – mit Recht.

Übrigens scheint auch die frühe Rattenkinderstube Nachwuchsnager in ihrer Entwicklung zu Stubenhockern oder Rabauken zu unterstützen, vermutet Cavigelli. Dabei entstünden beide Verhaltenstypen durchaus auch innerhalb eines Wurfes – vielleicht sogar gewollt: Eine Mutter würde so verschiedenen Ausgaben ihres Nachwuchses entgegengesetzte Überlebensstrategien auf den Weg geben, um damit die generationenübergreifende Fortdauer ihres eigenen genetischen Materials gegen mehrerer Eventualitäten zu sichern.

Neugierige, manchmal gefährliche Erlebenslust oder sicheres und leicht verunsicherbares Bedenkenträgertum: Keine Lebensstrategie scheint jedenfalls nur Vorteile zu haben. Fest steht nun, bei Ratten immerhin, dass auch das Gegenteil von Neugier tatsächlich auf die Nerven gehen kann.

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